Mehr kleine Waffenscheine in Stuttgart Handel mit Schreckschusswaffen blüht

Täuschend echt: Schreckschusswaffen sind von scharfen Waffen kaum zu unterscheiden. Foto: Haar
Täuschend echt: Schreckschusswaffen sind von scharfen Waffen kaum zu unterscheiden. Foto: Haar

Die Bewaffnung in Stuttgart nimmt zu. Ein Indiz dafür sind die vom Ordnungsamt ausgegebenen Kleinen Waffenscheine. Die Polizei warnt indes davor, sich einer trügerischen Sicherheit durch diese Waffen hinzugeben.

Lokales: Martin Haar (mh)
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Stuttgart - Die Welt verändert sich. Terror, Amokläufe, Fremdes. Menschen haben das Gefühl von Sicherheit verloren. Manche Nachrichten scheinen diese Sorgen zu befeuern. Fast wöchentlich berichtet die Polizei von nächtlichen Überfällen in der Innenstadt nach dieser Lesart: „Ein 55 Jahre alter Mann ist am Freitag. 20. Januar, gegen 22 Uhr in der Unteren Königstraße Opfer eines Überfalls geworden. Der Mann wurde von einer Frau angebettelt. Als er daraufhin seine Geldbörse herausholte, traten zwei Männer von hinten an ihn heran, schlugen auf ihn ein und raubten ihm den Gelbeutel mit 500 Euro Bargeld. Durch die Schläge erlitt der Geschädigte leichte Verletzungen, die in einem Krankenhaus behandelt werden mussten.“

Solche Meldungen erschüttern das Weltbild. Manche reagieren darauf mit Ohnmacht. In anderen erwacht der Selbstverteidigungsreflex – sie bewaffnen sich selbst, statt auf die Ordnungsmacht zu vertrauen. Zur Erinnerung: Nach den Übergriffen auf Frauen an Silvester 2015/2016 auf der Kölner Domplatte stieg der Verkauf von Pfefferspray stark an. In Stuttgart kam es zu Lieferengpässen, zeitweise waren die Sprays ausverkauft. Doch nicht nur der Verkauf von Pfeffersprays läuft gut. Auch der Absatz von Schreckschusswaffen läuft blendend. Wie gut, darüber mag der Verkäufer eines Waffenhändlers auf der Königstraße nicht sprechen. Aber alleine seine Auslage im Schaufenster spricht Bände. Pistolen, die scharfen Waffen bis aufs kleinste Detail gleich sehen, nehmen einen Großteil der Fläche ein. Denn legal an eine scharfe Waffe zu kommen ist schwierig. Es sei denn man ist Jäger, Sportschütze oder hat professionelle Gründe. Aber selbst dann ist es mehr oder minder unmöglich, die scharfe Waffe ständig mit sich herumzutragen.

Jeder Volljährige kann Kleinen Waffenschein beantragen

Daher weichen offenbar immer auf Schreckschusswaffen aus. Allerdings weist der Händler in der Innenstadt bereits durch ein Schild darauf hin, dass solche Waffen lediglich mit einem Kleinen Waffenschein außerhalb der Wohnung getragen werden dürfen. Was sich nach einer scharfen Auflage anhört, ist jedoch keine Hürde. Jeder Volljährige kann den Kleinen Waffenschein beim Amt für Öffentliche Ordnung beantragen. Voraussetzungen dafür sind lediglich die Zuverlässigkeit des Antragstellers und eine ausreichende körperliche und geistige Eignung. Vorbestraft darf der Antragsteller auch nicht sein. „Wir erleben gerade einen sprunghaften Anstieg der Anträge“, sagt Stefan Praegert vom Stuttgarter Ordnungsamt und zieht Bilanz: Wurden in den Jahren 2012 nur 62, 2013 insgesamt 86 und 2014 lediglich 55 Kleine Waffenscheine ausgestellt, waren es 2015 bereits 167. Doch 2016 folgte die Antragsflut. Von 874 Anträgen wurden vom Ordnungsamt 862 Kleine Waffenscheine bewilligt. Damit liegt Stuttgart im Bundestrend. Deutschlandweit beginnen sich Bürger zu bewaffnen.

Sehr zum Unwillen der Polizei, die vom Tragen dieser Schreckschusspistolen in der Öffentlichkeit abrät. Die Gründe sich vielfältig. Die Ordnungshüter geben zu bedenken, dass ein Streit mit einer Schreckschusspistole eher ausufern könnte. Aber bestehe auch die Möglichkeit, dass der Angreifer einem die Waffe entreißt und selbst einsetzt.

Das wichtigste Argument ist für den Stuttgarter Kripobeamten Andreas Hermann jedoch, die große Gefahr, der sich ein Waffenträger aussetzt: „Denn es ist für uns schwer zu erkennen, ob der Träger selbst ein Gefährder ist. Das heißt: da kann man ganz schnell in große Probleme kommen.“ Zudem könnten selbst die Beamten nicht auf den ersten flüchtigen Blick erkennen, ob es sich um eine echte Waffe oder einen Schreckschusswaffe handle. Auch das berge ein großes Risiko für den Waffenträger.

Daher rät Andreas Hermann dringend dazu, „über den Notruf 110 die Polizei zu rufen statt selbst zu handeln“. Fazit des Beamten: „Waffen geben einem nur eine scheinbare Sicherheit.“




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