Das Problem kennt Mehmet Ildes aus seiner eigenen Biografie. Als Arbeiterkind mit Migrationshintergrund fühlte er sich in der Schule schlechter behandelt, als seine deutschstämmigen Mitschülerinnen und Mitschüler. „Ich hatte Glück, dass ich auf ein Gymnasium gekommen bin“, sagt der 22-Jährige – und dass sein Gemeinschaftskundelehrer ihn auf die Arbeit von Jugendgemeinderäten aufmerksam machte: „Er hatte gesehen, dass ich sozial engagiert war und mich im Unterricht einbringe.“ Bei der Gremienarbeit habe er zum ersten Mal den Eindruck bekomme, sich aktiv für eine Sache einsetzen zu können.
Der Student der Wirtschaftswissenschaften saß sieben Jahre im Stuttgarter Jugendgemeinderat – so lange wie niemand sonst vor ihm. Jetzt setzt sich Ildes dafür ein, dass sein Beispiel Schule macht. Der 22-Jährige gründete im Frühjahr den Verein Local Diversity, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Partizipation junger Stuttgarterinnen und Stuttgarter mit Migrationshintergrund in der kommunalen Politik zu fördern.
„Junge Leute sehen die gesellschaftlichen Probleme in ihrem Alltag“, erläutert er beim Gespräch in der Stuttgarter Innenstadt. „Und sie haben Lust auf Veränderung“, fügt er hinzu, „aber sie wissen nicht, dass sie vieles, was sie stört, ganz konkret in ihrer unmittelbaren Nähe umsetzen können.“
Noch fehlen die Vorbilder
„Der ganze Alltag ist ja eigentlich Kommunalpolitik, das wissen die Leute oft gar nicht“, stellt er fest. Ob Schulsanierung, der Bau eines Skate-Parks oder das Einrichten neuer Nachtbus-Verbindungen – all das werde auf kommunaler Ebene entschieden und ausgestaltet. Gerade aber junge Migrantinnen und Migranten seien häufig von einer politischen Teilhabe ausgeschlossen. „Stuttgart ist eine Stadt, in der rund 50 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben.“ Im Gemeinderat jedoch läge die Quote bei gerade einmal 15 Prozent. „Es fehlen die Vorbilder“, so der gebürtige Bad Cannstatter, „erst dadurch sehen viele Menschen, dass es jemanden gibt, der eine ähnliche Geschichte hat, wie sie selbst und den Weg vorgegangen ist.“ Andererseits mangele es in der Kommunalpolitik an einem entsprechenden Input, um die Lebenswirklichkeiten von Menschen mit Migrationshintergrund abzubilden. „Ich sehe den Rassismus, weil ich davon betroffen bin“, bemerkt Ildes. „Viele andere sehen das gar nicht, denn es ist nicht Teil ihres Alltages. Das ist an sich nichts Schlimmes – aber es ist wichtig, dass es jemanden gibt, der es ihnen nahebringt.“
Schulen und Kommunalpolitik gleichzeitig ins Boot holen
Local Diversity soll hier ansetzten. „Wir gehen das Problem von zwei Seiten an“, so der Aktivist. Viele junge Menschen mit Migrationshintergrund besuchten Haupt- und Realschulen. Nach Zahlen des Statistischen Landesamtes aus dem Schuljahr 2022/23 wechseln nur rund ein Viertel der Kinder mit Migrationshintergrund nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium. Zum Vergleich: Bei deutschstämmigen Kindern liegt die Quote bei 49,5 Prozent. Der Grund hierfür sei oftmals, dass Migrantenkindern der Weg ins Gymnasium aufgrund ihrer Herkunft oder gesellschaftlichen Stellung verwehrt bleibe, beklagt Ildes. Politische Bildung, allen voran auf kommunaler Ebene, tauche dort in den seltensten Fällen als Lerninhalt auf. „Wir gehen in die Schulen, vermitteln kommunalpolitische Inhalte und regen zur Partizipation an.“ Gleichzeitig tausche man sich auch mit dem Gemeinderat und Vertretern aus der Kommunalpolitik aus und veranstalte gemeinsame Vorträge oder Diskussionsrunden. Denn die Kommunalpolitik sehe das Thema als sehr wichtig an, „aber sie selbst kann die Zielgruppe nicht erreichen“.
Verein will Wahllisten für die Kommunalwahlen überarbeiten
Mit der Sensibilisierung junger Migrantinnen und Migranten für kommunalpolitische Themen oder dem Aufzeigen politischer Vorbilder möchte der Verein sein Engagement verselbstständigen. „Wir versuchen uns irgendwann selbst abzuschaffen“, so Ildes.
Für die Kommunalwahl 2024 arbeite man außerdem an einer Listenaufstellung, die die Herkunft der Kandidatinnen und Kandidaten stärker berücksichtige und Stuttgarts Bürgerschaft repräsentativer abbilde. Unterstützt wird der Verein dabei durch JoinPolitics, einer bundesweiten Initiative zur Förderung politischen Engagements. 50 000 Euro hatte diese bereits zur Verfügung gestellt, eine Anschlussfinanzierung in Höhe von 150 000 Euro ist im Gespräch.
Wichtig ist Ildes zu erwähnen, dass es sich bei Local Diversity um eine überparteiliche Gruppe handelt. „Es geht uns nicht um politische Meinungen sondern darum, Betroffene zur Partizipation zu bewegen, ganz gleich welchem demokratischen Lager sie zugehörig sind“, macht er im Gespräch deutlich. Er selbst jedoch hat seine politische Heimat bereits gefunden: Für die Grünen möchte Ildes 2024 in den Stuttgarter Gemeinderat einziehen.