Auf der Filderebene gibt es einen deutlichen Anstieg von Ladendiebstählen, in anderen Regionen ebenso. Das sagt die nackte Statistik. Wie schlägt sich das im Einzelhandel nieder? Wir haben in einem der größten Geschäfte in Filderstadt nachgefragt.
Eine Sonnenbrille für 3,99 Euro und eine Packung Schmelzkäse für 4,99 Euro. Diese Dinge wollte ein Mann mitnehmen, ohne zu bezahlen. Ein anderer Mann hatte drei Paar Socken für zusammen 30 Euro eingesteckt. So steht es in den Protokollen, die der Ladendetektiv tags zuvor verfasst und für Antonios Kokossis hinterlassen hat. Der stellvertretende Marktleiter im Edeka-Center in Bonlanden schüttelt den Kopf. Zwar ist er schon viele Jahre im Einzelhandel tätig, manche Ladendiebstähle machen ihn jedoch immer noch sprachlos. „Manchmal macht es keinen Sinn“, sagt er.
2023 wurde in Filderstadt deutlich mehr geklaut als noch im Jahr zuvor. Das geht aus der Kriminalitätsstatistik hervor. Demnach wurden im vergangenen Jahr im örtlichen Polizeirevier 88 Diebstahlsdelikte mehr gezählt als noch im Jahr zuvor. In Summe waren es 2023 in Filderstadt 492 Taten, und unter anderem der Ladendiebstahl hat klar zugenommen, nämlich um 35 auf insgesamt 140 Taten.
Die Filder passen zum bundesweiten Trend
Das Ganze ist kein Filderstädter Phänomen. Auch in Leinfelden-Echterdingen wurden im vergangenen Jahr deutlich mehr Diebstahlsdelikte registriert. In Summe waren es 379 und damit 73 mehr als im Jahr 2022. 75 Mal hatten sich Diebe in einem Laden zu schaffen gemacht. Dies passt zu einem bundesweiten Trend. 2023 wurden in Deutschland rund 1,97 Millionen Diebstahlsdelikte polizeilich erfasst, darunter 426 000 Ladendiebstähle. Damit stieg die Gesamtzahl zum zweiten Mal hintereinander und gegenüber dem Jahr 2022 um rund 190 650 Taten.
Auch Antonios Kokossis berichtet von einem Anstieg. Den klassischen Langfinger, der mit tief ins Gesicht gezogener Mütze das Geschäft betrete, gebe es nicht. „Die Bandbreite ist ziemlich groß“, sagt er, sie reiche von der Hausfrau, die es eigentlich nicht nötig habe zu stehlen, über Kinder bis hin zu organisierten Banden, die ganze Regale leerräumen, und Profis mit präparierten Taschen. In diesen Fällen gehe es freilich darum, die Güter weiterzuverkaufen. Bei Otto Normaltäter stehe der private Konsum im Mittelpunkt – warum nicht gezahlt werde, darüber könne man nur mutmaßen. Ist es der Kick, sind es finanzielle Probleme, Geiz?
Auch was geklaut werde, unterscheide sich stark. Grundsätzlich stehe Alkohol hoch im Kurs, Lebensmittel im Allgemeinen. Aber mitnichten werde stets das teuerste Teil geklaut. Mitunter zahle jemand einen ganzen Einkaufswagen und stecke noch eine Salami ein. Oftmals bleibe nur eine aufgerissene Packung im Regal zurück.
2000 Kunden kaufen hier täglich ein
Das Bonländer Edeka-Center ist einer der größten Läden in Filderstadt. Auf 5000 Quadratmetern gibt es Lebensmittel, Drogerie- und Haushaltsartikel, Deko und mehr. Bei der Masse fällt doch ein Diebstahl gar nicht ins Gewicht, oder? Antonios Kokossis widerspricht. „Ein großer Laden hat große Ausgaben“, die 120 Mitarbeitenden wollten auch bezahlt werden. Zumal: Kleinvieh macht auch Mist. „Wir haben durchschnittlich 2000 Kunden am Tag. Wenn jeder einen Riegel klaut und man das hochrechnet, das läppert sich“, sagt er. Wie hoch der Schaden ist, den Langfinger pro Jahr verursachen, kann er nicht beziffern. Die Inventurdifferenz liege bei etwa 0,5 Prozent des Gesamtumsatzes, hier spielten aber auch kaputt gegangene oder nicht gelieferte Waren hinein.
Wie andere Geschäfte auch hat das Edeka-Center Maßnahmen ergriffen. Kleine und doch teure Waren, etwa Rasierklingen, gibt es nur an der Kasse, Zigaretten sind in einem Automaten verborgen. Regelmäßig patrouillieren zudem Kaufhausdetektive. Deren Tricks verrät Antonios Kokossis freilich nicht, im Schnitt eine Person werde pro Einsatz aber geschnappt. „Desi – Detektei und Sicherheit“ heißt die beauftragte Firma, Muhammed Konyali ist der Chef. Seit 2008 ist er Ladendetektiv und sagt: „Wir haben definitiv mehr Anfragen, es wird mehr geklaut.“ Etwa achtmal im Monat mischten sich seine Mitarbeiter unauffällig in Bonlanden unters Volk, um Diebe zu schnappen, oder nutzen vorhandene Kameraanlagen. „Es ist ein Job, da braucht man ein Auge.“
Es geht um die Abschreckung
Wirtschaftlich lohne sich der Einsatz des externen Personals nicht, „so ein Ladendetektiv ist nicht billig“, sagt Antonios Kokossis. Dennoch, es gehe um die Abschreckung, gerade bei Dauerdieben. „In der Regel kommt derjenige öfter. Es hat einmal geklappt, zweimal, dann wird es zur Routine. Das wollen wir durchbrechen.“ Der stellvertretende Marktleiter betont: Anzeige werde immer erstattet. Die Polizei werde indes nur hinzugezogen, wenn der Dieb aggressiv sei, sich nicht ausweisen könne oder der Warenwert sehr hoch sei.
Diese Strafen drohen Dieben
Straftat
Im Paragraf 242 des Strafgesetzbuches steht: Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Auch der Versuch ist strafbar.
Schaden
Wie aus einer Studie des Kölner EHI Retail Institute hervorgeht, ist Einzelhändlern im Bundesgebiet im vergangenen Jahr ein Schaden in Höhe von 2,8 Milliarden Euro durch Ladendiebstähle von Kunden entstanden. Weitere 910 Millionen Euro seien den eigenen Angestellten und 370 Millionen Euro dem Personal von Lieferanten und Servicefirmen zuzuschreiben. Das entspricht einem volkswirtschaftlichen Schaden durch entgangene Umsatzsteuer von rund 560 Millionen Euro allein durch Straftaten unehrlicher Kundschaft.