Mehr Personal in Stuttgart nötig Die Energieberater sollen in den „Häuserkampf“ gehen

Bei dem Dämmen der Hausfassaden und anderen Maßnahmen am Haus muss es schneller gehen, damit die Energiewende beschleunigt wird. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert

Das Stuttgarter Energieberatungszentrum arbeitet am Anschlag. Dabei nimmt der Handlungsbedarf zu, wenn die Stadt mithelfen will, die Energiewende herbeizuführen und der Klimakatastrophe entgegenzuwirken. Hilft der Stuttgarter Gemeinderat?

Stuttgart - Wie kann man Energiekosten einsparen? Muss man dazu Kunststoff vor die Fassaden kleben, oder gibt es Alternativen? Wie bringt man die Fotovoltaikanlage aufs Dach? Und wie funktioniert eine Wärmepumpe? Solche Fragen stellen sich, wenn das Haus auf Vordermann gebracht und ein Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden soll. Dann kommt man in Stuttgart an Ulrich König (61) und seinem Team vom Energieberatungszentrum (EBZ) Stuttgart nicht herum. Die Einrichtung konnte mit der finanziellen und personellen Ausstattung „seit über 20 Jahren gut arbeiten“, sagt König. Doch jetzt muss nachgerüstet werden. Weil es schon eng war und weil der Handlungsbedarf zunimmt.

 

Die Klimakatastrophe nimmt Tempo auf, das hat der Weltklimarat erst jüngst erhärtet. Bund, Land und immer mehr Kommunen verlegen das Zeitziel für ihre Klimaneutralität vor. Noch im Herbst steht das auch im Stuttgarter Rathaus bevor. Welches Jahr auch immer dabei herauskommt – das EBZ muss den Durchsatz erhöhen.

Pro Jahr werden 1,5 Prozent der Wohnungen saniert

Momentan werden in Stuttgart pro Jahr Gebäude mit etwa 4700 Wohnungen energetisch saniert. Das ist eine Rate von 1,5 Prozent der Wohnungen. Schon wenn die Stadt weiter beim Jahr 2050 für die Klimaneutralität bleiben wollte, müsste die Sanierungsrate auf 2,1 Prozent (6500 Wohneinheiten) pro Jahr steigen. Falls die Stadt – wie jüngst das Land – sich auf das Jahr 2040 verlegt, wird eine Rate von 3,2 Prozent (9900 Wohneinheiten) nötig. Dann könnte der Wärmeverbrauch der Haushalte im Vergleich zum Bezugsjahr 1990 um 55 Prozent gesenkt werden – und damit der von den Haushalten verursachte Ausstoß von Treibhausgasen.

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Dass die EBZ zum Nadelöhr bei der dringenden Energiewende werden könnte, ist so ziemlich „die schlimmste Vision“, die Ulrich König manchmal in den Sinn kommt. Sie ist nicht abwegig. Im Jahr 2020 haben er und seine Kollegen rund 1200 „Initialberatungen“ für etwas konkretere Sanierungsabsichten gestemmt und rund 4500 telefonische Beratungen. In diesem Jahr haben sie ebenso viele Telefonberatungen in sechs Monaten verzeichnet.

Langes Warten auf die Beratung

Wer vertiefte Beratung braucht, muss schon mal sechs Wochen warten. „Das ist nicht komfortabel“, räumt König ein. Doch mehr gehe einfach nicht mehr mit den „7,3 Vollzeit-Äquivalenten“ im EBZ in der Gutenbergstraße im Stuttgarter Westen. Auch nicht mit dem Netzwerk aus Architekten, Handwerkern und Schornsteinfegern, das König zur Erhöhung der beraterischen Schlagkraft gesponnen hat.

Der EBZ-Geschäftsführer würde gern auch die Vereine mit ihren Vereinsheimen ansprechen. Und er würde außerdem gern „den Häuserkampf aufnehmen“: nämlich mit mobilen Beratungsteams rausgehen, näher ran an die Menschen. Vororttermine in Stadtvierteln seien das Beste, sagt König. Von etwa 100 Besuchern, die zu solchen Terminen kommen, wollen etwa 50 über die ersten Infos hinaus eine Beratung. Davon wiederum gehe dann etwa die Hälfte wirklich die Sanierung an. Energieberater könnten auch helfen, damit Wohnungseigentümer-Gemeinschaften und Hausverwaltungen bei ihren Versammlungen schneller in die Puschen kommen, sagt König.

An Fördermitteln fehlt es weniger

Die Zeit ist eigentlich günstig. Seit diesem Jahr überschwemme der Bund die Republik förmlich mit Fördergeldern. Daher müsse die Stadt momentan bei ihrem Programm nicht nachlegen. „Besser wird es nicht mehr. Also, wer jetzt nichts macht . . .“, sagt König. Andererseits: Man müsse es auch richtig machen, im Zweifel notfalls vielleicht etwas warten, wenn es beim Geld oder passenden technischen Lösungen noch klemmt.

Denn: Ein Dach, das trotz einiger Investitionen energetisch suboptimal ist, werde vermutlich bis 2050 nicht mehr angetastet. Im Sinne des Zieles, die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, sind den Szenarien in Stuttgart unterm Strich aber Sanierungen zum Effizienzhaus 70 zugrunde gelegt. Sprich: ein Haus, das 30 Prozent weniger Energiekosten verursacht als der Normalbau. Ein schlechter saniertes Haus muss in der Masse wieder kompensiert werden, wenn man die Ziele schaffen will. Auch das Baudenkmal, das man nur bedingt verändern darf.

Gebäudeenergiegesetz steht in der Kritik

Ulrich König würde sich wünschen, dass bei den Neubauten gleich mehr fürs Energiesparen getan würde. In seinen Augen müssten heutzutage alle neuen Gebäude klimaneutral sein. Aber: „Man kann heute immer noch grottenschlecht bauen und sanieren. Das Gebäudeenergiegesetz ist eine glatte Katastrophe.“ Aber das ist ein Fall für die Politik, nicht für das EBZ. Noch nicht.

Zu tun gibt es trotzdem so viel, dass König sagt: „Ich wünsche mir mindestens fünf zusätzliche Stellen.“ Und es gibt Leute bei den Umweltverbänden und auch im Gemeinderat, die würden ihm gern noch die eine oder andere Stelle zusätzlich gönnen, wenn im Spätherbst der Stadthaushalt aufgestellt wird. Allerdings brauchen die Wohnungseigentümer in der Folge dann auch einmal Baumaterial und Handwerker. Und in der Beziehung ist das Nadelöhr schon da.

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EBZ
Das Energieberatungszentrum ist in Stuttgart ein eingetragener Verein, keine gemeinnützige Organisation oder kommunale Dienststelle wie andernorts. Mitglieder sind neben der Stadt beispielsweise Innungen, Banken, die Wirtschaftsförderung der Region und auch einige einschlägige Unternehmen. Es finanziert sich aus Zahlungen der Stadt in Höhe von rund 175 000 Euro pro Jahr (institutionelle Förderung, Mitgliedsbeitrag und Mietgegenwert der Räume) und aus rund 100 000 Euro an Beiträgen der anderen Mitglieder. Zudem hat es Einnahmen aus der Beratungstätigkeit. Hintergrund dabei: Wer städtische Fördermittel für Gebäudesanierungen will, muss ein Sanierungskonzept vorweisen.

Infos
Viele wissenswerte Fakten rund um Gebäudesanierungen gibt es auf der Internetseite des EBZ. Die Adresse: www.ebz-stuttgart.de. Dort kann man auch einen Beratungstermin veranlassen. Besonders wichtig ist der Stadtverwaltung, dass durch die Sanierung der Wohnungen im wünschenswerten Standard die Warmmiete nicht steigen muss, wie Jürgen Görres vom Amt für Umweltschutz betont. Das sei im Rahmen des städtischen Energiesparprogramms lösbar.

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