Mehr Probleme mit Kokain „Von Jugendlichen bis zum Familienvater“ – Kokain-Schwemme auch in Ludwigsburg?

Auch in Ludwigsburg ist immer mehr Kokain im Umlauf. Foto: Imago/Future Image

Nach Deutschland gelangt immer mehr Kokain. Im Kreis Ludwigsburg führt sie bei vielen Menschen zu großen Problemen. Eine Suchtberaterin möchte Süchtige aber nicht stigmatisieren.

Volontäre: Frederik Herrmann (hef)

Vor einer Woche warnte der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vor einer „Kokain-Schwemme“, die Deutschland überrolle. Immer größere Mengen der Droge gelangten ins Land – so viel, dass die Polizei kaum noch dagegen ankomme, so Münch.

 

Doch hat die „Kokain-Schwemme“ auch Ludwigsburg erreicht? Ein Sprecher der Polizei bestätigt das: „Einfuhr und Verkauf von Kokain machen auch vor unserem Landkreis nicht halt.“ Was das an Auswirkungen hat, erlebt Birgit Schmolke-El Titi täglich. Sie leitet die Suchthilfe und Drogenberatung in Ludwigsburg und stellt fest: Immer mehr Menschen entwickeln Probleme im Zusammenhang mit Kokain.

Mischkonsum ist zunehmend ein Thema

„Zwar liegt die Zahl der Personen, die unsere Hilfe suchen, jährlich konstant bei etwa 1000, doch wir stellen fest, dass in den Gesprächen neben Alkohol und Cannabis zunehmend auch Kokain zur Sprache kommt“, sagt Schmolke-El Titi. Alkohol bleibt zwar der häufigste Grund, weshalb Menschen sich an die Beratung wenden. Doch immer häufiger wird Mischkonsum – also der gleichzeitige Konsum verschiedener Substanzen – zum Problem.

„Viele der Klientinnen und Klienten, die sich bei uns melden, konsumieren nicht nur eine Droge, sondern mehrere“, sagt Schmolke-El Titi. Kokain finde sich dabei immer öfter im Portfolio der konsumierten Substanzen. „Sicherlich haben viele Konsumierende zunächst positive Erfahrungen mit der Droge gemacht – sonst hätten sie nicht damit angefangen. Doch nach regelmäßigem Konsum setzen häufig die Probleme ein.“

Klientinnen und Klienten, die sich an die Beratungsstelle wenden, berichten, dass sie durch den Konsum in finanzielle Schwierigkeiten geraten seien, psychisch stark belastet wurden und nicht mehr in der Lage waren, gesunde Beziehungen zu führen. Die Suchtberaterin warnt zudem vor schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen wie Herzproblemen und einem erhöhten Risiko für Schlaganfälle bei regelmäßigem Konsum. Diese Folgen zeigen sich oft erst nach Jahren.

Immer mehr Jugendliche konsumieren Kokain

Anders als Hollywoodfilme wie „The Wolf of Wall Street“ suggerieren, ist Kokain längst kein Luxusrauschmittel für die Elite mehr. Während es in vielen Filmen als Bestandteil ausschweifender Luxuspartys inszeniert wird, zieht sich der Konsum in der Realität durch alle gesellschaftlichen Schichten. „Es rufen auch Familienväter an, Menschen mit wenig Geld – und auch immer mehr Jugendliche in Ludwigsburg greifen zu der Droge“, berichtet Schmolke-El Titi.

Ein Klischee jedoch bestätigt sich: Kokain ist nach wie vor eine typische Partydroge. Eine Analyse der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) zeigt, dass Kokain vor allem am Wochenende und in Großstädten konsumiert wird. Im Rahmen der Studie untersuchten Forscher das Abwasser von rund 100 europäischen Städten auf Drogenrückstände und stellten fest: Der Kokainkonsum ist im Jahr 2024 europaweit um zehn Prozent gestiegen und hat einen neuen Rekordwert erreicht.

Auch Stuttgart wurde in die Analyse einbezogen: Die baden-württembergische Landeshauptstadt belegt beim Kokainkonsum Rang drei – hinter Hamburg und Dortmund. Die Forschenden weisen jedoch darauf hin, dass Berlin nicht an der Untersuchung teilgenommen hat. Sie vermuten, dass die Partymetropole beim Kokainkonsum vermutlich auf einem zweifelhaften ersten Platz liegen würde.

Drogenkartelle konzentrieren sich jetzt auf Europa

Dass auch in Ludwigsburg der problematische Kokainkonsum zunimmt, liegt laut Schmolke-El Titi vor allem an der gestiegenen Verfügbarkeit. Nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) ist die weltweite Kokainproduktion in den letzten Jahren massiv gestiegen. Im Jahr 2022 wurden in den Andenregionen Südamerikas über 2700 Tonnen Kokain produziert – ein Anstieg um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr und das Dreifache der Produktionsmenge von 2013/2014.

Da der US-Markt zunehmend gesättigt ist, richten die Drogenkartelle ihren Fokus verstärkt auf Europa. Über Containerschiffe wird das Kokain in große europäische Häfen geschmuggelt. Nur ein Bruchteil kann von den Behörden abgefangen werden. So etwa 2024, als spanische Ermittler im Hafen von Algeciras gut 13 Tonnen Kokain in einer Bananenlieferung sicherstellten.

Auch in der Region war die Polizei wiederholt erfolgreich. Nach einem Hinweis nahm die Polizei Ludwigsburg im August 2024 einen 23-jährigen Niederländer auf einem Parkplatz bei Filderstadt fest und stellte bei ihm 25 Kilogramm Kokain sicher – einer der größeren Erfolge im vergangenen Jahr im Kampf gegen den illegalen Handel mit Kokain in der Region, aber nicht der einzige.

Das Polizeipräsidium Ludwigsburg, das für die Landkreise Ludwigsburg und Böblingen zuständig ist, verzeichnete 2023 einen deutlichen Anstieg bei den registrierten Delikten im Zusammenhang mit dem Handel und Schmuggel von Kokain. Laut Sicherheitsbericht stieg die Zahl dieser Fälle im Vergleich zum Vorjahr um 80,9 Prozent. Insgesamt wurden 85 Fälle in den beiden Landkreisen gezählt. Und dennoch betont die Polizei: Die Dunkelziffer beim Kokainhandel dürfte erheblich höher sein.

Viele Menschen verdrängen ihrSuchtproblem

Auch die Folgen des Drogenkonsums bleiben oft im Verborgenen. Längst nicht alle Menschen mit problematischem Konsum suchen sich Hilfe. „Viele verdrängen ihre Probleme, versuchen sie alleine zu bewältigen oder erkennen gar nicht, dass sie ein Problem haben“, erklärt Schmolke-El Titi.

Die Sucht werde oft stark stigmatisiert und als persönliche Schwäche wahrgenommen. Dabei sind die Gründe für eine Sucht vielfältig, weiß Schmolke-El Titi. „Manche Menschen sind besonders anfällig für Suchterkrankungen, oft liegen die Gründe in der Kindheit.“ Viele Betroffene schämen sich für ihre Krankheit und haben Angst, ausgegrenzt zu werden, wenn sie ihr Problem eingestehen. Sie meiden daher Hilfe. Die Suchthilfe erreiche deshalb nur einen Bruchteil der Betroffenen.

Schmolke-El Titi ist überzeugt: Erst wenn Sucht entstigmatisiert wird, werden mehr Menschen bereit sein, Hilfe anzunehmen. Dann würden auch erst die tatsächlichen Ausmaße der „Kokain-Schwemme“ sichtbar werden.

Kostenlose Beratung

Drogen- und Suchtberatung
Menschen, die Fragen in Bezug auf Alkohol-, Drogen-, Medikamenten- oder Spielsucht haben, können sich an die Suchthilfe in Ludwigsburg wenden. Die Einrichtung ist Teil der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz.

Zieloffen und akzeptierender Ansatz
Die Beratung kann anonym erfolgen und unterliegt immer einer Schweigepflicht. „Wir wollen nicht verurteilen, sondern versuchen den Klienten bei ihren Problemen zu helfen“, so Schmolke El-Titi.

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