Mehr Übernachtungen verzeichnet Tourismus im Kreis Esslingen erfährt Auftrieb
Der Kreis Esslingen verzeichnet laut der Gewerkschaft NGG einen „Tourismusboom“. Die Hotellerie hält sich derweil mit Superlativen noch zurück.
Der Kreis Esslingen verzeichnet laut der Gewerkschaft NGG einen „Tourismusboom“. Die Hotellerie hält sich derweil mit Superlativen noch zurück.
Der Landkreis Esslingen ist nicht nur für Geschäftsleute ein lohnenswertes Ziel, die für Events und Präsenztermine der ansässigen Industrie teils aus allen Winkeln der Welt anreisen. Auch für Touristen ist der Kreis attraktiv: Zum einen liegt das an der Nähe zur Landeshauptstadt Stuttgart mit seinen zahlreichen Sport- und Kulturevents, seinen Museen und dem Cannstatter Volksfest. Zum anderen hat die Region auch selbst einiges zu bieten: einzigartige Städte, vielfältige Natur sowie Sport- und Wandermöglichkeiten. Doch die Coronapandemie, die vor gut zwei Jahren ihren Anfang nahm, stürzte den regionalen Tourismus in eine Krise. Teilweise galten Beherbergungsverbote, und die Menschen trauten sich nicht zu verreisen.
Seit ein paar Monaten geht es aber wieder bergauf. Das belegen Zahlen des Statistischen Landesamtes, auf die die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) der Region Stuttgart vor Kurzem aufmerksam gemacht hat. In der Mitteilung heißt es, dass im ersten Halbjahr 2022 insgesamt 511 000 Gästeübernachtungen im Kreis Esslingen verzeichnet wurden. Während NGG von einem „Tourismusboom“ spricht, halten sich befragte Hotels mit Superlativen zurück. Denn – und da sind sich alle einig – von der Normalität sei man noch weit entfernt.
„Es ist ein bisschen zweigeteilt“, sagt Daniel Lorenz, der Geschäftsführer des Esslinger Hotels am Schillerplatz. Zwar gehe der Trend bei den Reservierungen seit April nach oben, dafür seien aber die ersten Monate des Jahres problematisch gewesen. Im Januar und Februar habe es eine „große Lücke“ gegeben. „Ich würde das als Nachholtrend bezeichnen“, erklärt Lorenz. Viele Menschen holten das nun nach, was zuvor nicht oder nur stark eingeschränkt möglich war: zu feiern, zu reisen, Menschen zu sehen.
Das Gleiche berichtet Heike Gehrung-Kauderer. Sie ist die Geschäftsführerin der Hotels Lamm und Hirsch in Ostfildern sowie Präsidentin der IHK Esslingen-Nürtingen. „Noch lange nicht“ seien die beiden Betriebe, die sie führt, auf dem Niveau angekommen, das sie vor der Pandemie hatten. Besonders das internationale, nicht europäische Publikum halte sich noch sehr zurück. „Die Amerikaner zum Beispiel denken, hier in Europa herrscht Krieg, hier wird geschossen“, sagt Kauderer.
Für die Region Stuttgart seien die vergangenen zwei Jahre eine schwere Zeit gewesen, sagt Daniel Ohl, der Pressesprecher des Hotel- und Gaststättenverbandes Baden-Württemberg (Dehoga). Beim Ferientourismus seien die Coronasommer recht gut gewesen, erklärt Ohl. Nur: „Wir sind hier kein klassisches Feriengebiet.“ Der Landkreis sei auf den Geschäftstourismus angewiesen, besonders die Messe in Leinfelden-Echterdingen spiele dabei eine wichtige Rolle. „In diesem Bereich haben wir eine Aufwärtsentwicklung“, sagt Ohl. „Aber wir sind noch nicht an dem Punkt zu sagen: Alles ist wieder gut.“
Zu tief sind die Furchen, die die mageren Coronajahre hinterlassen haben – und das nicht nur in finanzieller Hinsicht. Auch die vielen Fachkräfte, die für sich keine Perspektive mehr gesehen haben und der Branche den Rücken gekehrt haben, sie fehlen jetzt. „Es sind in der Pandemie viele Tausend Menschen abgewandert“, sagt Ohl. Und das liege nicht daran, dass die Arbeitsbedingungen in der Branche per se schlecht seien. So war der Trend bei den Beschäftigungszahlen vor der Coronakrise zehn Jahre lang positiv.
Auch NGG beobachte, dass der Fachkräftemangel die Branche bei ihrer Entwicklung hemmt. Es gelinge den Unternehmen kaum, genug Personal für die wachsende Arbeit zu finden, heißt es in der Mitteilung. Nichtsdestotrotz freut sich das Gewerbe, dass es nun endlich wieder Arbeit, und damit Umsätze, gibt. „Dass wieder viel mehr Urlauber und Geschäftsreisende in den Kreis Esslingen kommen, ist für das Hotel- und Gaststättengewerbe eine gute Nachricht – vor allem auch für die Beschäftigten“, sagt der NGG-Geschäftsführer Hartmut Zacher.
Besonders Familienfeiern hätten in den vergangenen Monaten das Geschäft bestimmt, erklären Lorenz und Gehrung-Kauderer. So wurden Hochzeiten zweieinhalb Jahre lang verlegt und verschoben, 2022 waren sie dann erstmals wieder fast uneingeschränkt möglich. Neben Einnahmen durch die Ausrichtung bringen solche Feiern auch Übernachtungsgäste in die Hotels. Aber auch dieser Ansturm lasse allmählich nach, bemerkt Gehrung-Kauderer. Die Hotellerie und Gastronomie profitiert aber auch von dem Urlaubsverkehr, der wieder angezogen hat. „Wir im Landkreis Esslingen sind für viele ein ,Stop-over-Ziel‘ auf dem Weg nach Italien oder Frankreich“, sagt die Hotelbetreiberin. Vor allem Niederländer übernachteten häufig in ihren beiden Betrieben.
Ob es sich wirklich um einen „Boom“ handelt, darüber gibt es geteilte Meinungen. Worin sich aber alle Hoteliers und Tourismusanbieter einig sein dürften: Die Entwicklung geht in die richtige Richtung.
Übernachtungen 2022
Die Gewerkschaft NGG spricht in ihrer jüngsten Mitteilung von 511 000 Übernachtungen, die im ersten Halbjahr 2022 gezählt wurden. Wie Geschäftsführer Hartmut Zacher erklärt, sind darin aber auch noch Übernachtungen aus dem Dezember 2021 aufgeführt. Einen Vergleichswert liefern die Zahlen der Dehoga Baden-Württemberg. Zwischen Januar 2022 und Juni 2022 wurden demnach in der Region Stuttgart insgesamt etwa 2,8 Millionen Übernachtungen gezählt, davon 433 000 im Kreis Esslingen.
Vergleich zu 2019
Der Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 zeigt, dass der Hotellerie noch immer Gäste fehlen. So wurden damals in der Region Stuttgart zwischen Januar und Juni 3,9 Millionen Übernachtungen gezählt, auf den Landkreis Esslingen fielen rund 650 000. Das sind rund 220 000 Übernachtungen mehr als im ersten Halbjahr 2022 – und das entspricht etwa einem Drittel.