Das große Haus in Pfullingen (oben links) sollte in naher Zukunft das neue Zuhause des 63-jährigen Tatverdächtigen, seiner Lebensgefährtin, seiner Schwester und seines älteren Sohnes werden. Letzterer wurde gemeinsam mit seinem Bruder erschossen in dem Firmengebäude in Würtingen (links unten) gefunden. Eine Kerze und ein Blumenstrauß erinnern an die grausame Tat. Foto: Katja Länge, Karolin Müller
Ein 63-Jähriger soll seine Familie und sich selbst getötet haben. Ein langjähriger Freund erzählt, wie er den Tatverdächtigen erlebt hat und welches Szenario er für möglich hält.
Karolin Müller
29.11.2025 - 11:38 Uhr
„Ich verstehe es überhaupt nicht“, äußert sich ein langjähriger Freund des 63-Jährigen, der Anfang der Woche in Pfullingen, Reutlingen und St. Johann seine Schwester, seine Lebensgefährtin, seine beiden Söhne und anschließend sich selbst getötet haben soll.
Was vor zwanzig Jahren mit einer beruflichen Zusammenarbeit begann, entwickelte sich über die Jahre hin zu einer Freundschaft. Was jetzt bleibt, ist vor allem Unverständnis und Fassungslosigkeit. „Ich konnte es nicht glauben“, erinnert sich der Bekannte, an den Moment als er von der schrecklichen Tat erfuhr. „Das passt nicht zu dem, wie ich ihn kennengelernt habe“, ging ihm spontan durch den Kopf. Wenn er den mutmaßlichen Täter, der Geschäftsführer eines Berufsbekleidungsgeschäfts in St. Johann war, mit einem Satz beschreiben sollte, dann mit „er war der Prototyp eines guten Menschen“, so der Mann gegenüber der SÜDWEST PRESSE.
Ob geschäftlich oder privat, „er war sehr freundlich, beherrscht, korrekt, akkurat und verlässlich“, ergänzt der in Metzingen lebende Freund. „Ich kann mich nicht erinnern, dass er einmal laut geworden wäre.“
Seit Freitagvormittag liegt der Obduktionsbericht vor. Wie die Polizei mitteilte, kamen die 57-jährige Lebensgefährtin, die beiden Söhne und der 63-Jährige selbst durch Schussverletzungen zu Tode. „Die 60-jährige Schwester des Tatverdächtigen wurde durch Gewalteinwirkung unteranderem mit einem spitzen Gegenstand tödlich verletzt“, heißt es in der Pressemitteilung. „Für mich sieht das so aus, als sei er mit seiner Schwester aneinandergeraten“, mutmaßt der Metzinger. Im Anschluss habe er dann vermutlich gedacht, dass er das niemanden in der Familie antun könne, diese Tat begangen zu haben. Doch das seien nur Vermutungen, überlegt er laut.
Schicksalsschlag vor zwei Jahren
Dabei sei das Verhältnis zwischen den beiden Geschwistern keineswegs schlecht gewesen. Im Gegenteil, wie der Bekannte weiß. In der Firma in St. Johann hätten sie früher jeden Tag zusammengearbeitet und „sie sind gut miteinander ausgekommen“. Im Oktober 2023 kam es bei der 60-Jährigen zu einem Aneurysma. Seitdem litt sie unter einer Lähmung des linken Armes und des linken Beines. „Er hat sich intensiv um seine Schwester gekümmert, und dieser Schicksalsschlag vor zwei Jahren nahm ihn sehr mit.“ Immerhin hätten die beiden ihr ganzes Leben zusammen verbracht, erzählt er.
Das große Haus in Pfullingen, wo die Polizei am Dienstagabend die Leichen des Tatverdächtigen und seiner Lebensgefährtin fand, wurde, wie der langjährige Freund des 63-Jährigen weiß, erst vor kurzem gemeinsam von den beiden und der Schwester gekauft. Es sei auch noch nicht vollständig eingerichtet gewesen. Das Atelier sollte behindertengerecht umgebaut werden und der Schwester als Wohnung dienen. „Es ist wichtig, dass sie autark leben kann“, soll der mutmaßliche Täter noch vor kurzem zu seinem Freund gesagt haben. „Im obersten Stockwerk hätte der ältere Sohn wohnen sollen und wollen“, erinnert sich der Metzinger. Nach seinem Studium wollte dieser auch eventuell beruflich in die Branche seines Vaters einsteigen.
Das Ortsschild von Würtingen. Dort soll der Mann seine beiden Söhne erschossen haben. Foto: Christoph Schmidt/dpa
„Nach der Trennung von seiner Frau, zehn Jahre ist das etwa her, hat sich mein Freund vollständig um die Jungs gekümmert. Es war ihm immer wichtig, dass die Jungs gut ausgestattet und versorgt sind“, berichtet der Bekannte. „Er hatte ein hohes Ansehen für seine Söhne.“ Das Unverständnis, der Schock klingt in seiner Stimme mit, während er sich zurückerinnert. „Ich hätte das nie erwartet“, sagt er erneut. Die 57-jährige Lebensgefährtin des Tatverdächtigen, verheiratet waren die beiden nicht, habe er nur flüchtig gekannt. „Aber ich hatte den Eindruck, dass sie eine herzensgute Frau war und super zu ihm gepasst hat.“
War die Finanzierung der Pfullinger Villa ein Problem?
Auf die Frage, ob der Tatverdächtige Geldsorgen hatte, erzählt der Metzinger gegenüber dieser Zeitung: „Ich könnte mir vorstellen, dass er sich mit dem Haus in Pfullingen etwas übernommen hat.“ Ihm gegenüber habe der 63-Jährige zumindest geäußert, dass er es selber finanziell nicht hätte stemmen können. „Das ist ja auch ein unfassbarer Palast“, so der langjährige Freund und berichtet unter anderem von 370 Quadratmeter Wohnfläche, einem riesigen Atelier, Mahagoni-Böden und einer Sauna. Aber das sei auch nur eine Vermutung. „Er hat immer gut Geld gehabt.“ Die zuletzt bearbeiteten Dateien auf dem PC des Tatverdächtigen handelten zumindest alle von der Finanzierung des Hauses in Pfullingen, weiß der Metzinger, der laut eigenen Angaben der Polizei beim Öffnen behilflich war. Den Inhalt kenne er allerdings nicht.
Kaum noch Umsätze in Würtingen
Das Unternehmen für Berufsbekleidung habe die Geschäfte zuletzt heruntergefahren, aufgrund der Situation am Markt. Das habe der 63-jährige seinem Freund erzählt. Allerdings gebe es noch eine Firma in Rumänien – hier wird die Kleidung genäht – und eine in Pakistan, wo der Stoff hergestellt wird. Bei beiden sei der Tatverdächtige ebenfalls Geschäftsführer gewesen. Einnahmen seien zuletzt aber vermutlich vor allem aus dem Verkauf von Lizenzen und der Vermietung der Gebäude und Grundstücke in Rumänien gekommen. „Die Firma in Würtingen hat kaum noch Umsätze gemacht.“
„Vor drei Wochen haben wir uns das letzte Mal gesehen“, erinnert sich der langjährige Freund des mutmaßlichen Täters. Er habe ihm das Haus in Pfullingen gezeigt, und er sei tatsächlich ein wenig anders gewesen: „Er stand oder saß einem immer aufrecht und selbstbewusst gegenüber, mit einem Lachen im Gesicht.“ Das sei dieses Mal anders gewesen – die Schultern nach unten, kein Lächeln. „Er hat mir zwar stolz das Haus gezeigt, aber die Freude, die Lust war raus.“ Dennoch, dass so etwas passiert, habe er nie erwartet und sich niemals vorstellen können.