Jeder Mensch ist einzigartig, ein Unikat. Doch wenn man sich zum Verwechseln ähnlich sieht, verschwimmen die individuellen Unterschiede für Fremde erst einmal. Bei Samira, Lara und Vanessa Böß ist das so – sie sind Drillinge. Und alle drei arbeiten bei der Polizei. Wie geht man da den eigenen Weg?
Gleichbehandlung von Kindesbein an
Die Drillinge wachsen in Stutensee auf, der viertgrößten Stadt im Landkreis Karlsruhe. Geteilt wird alles: Die Eltern, die Freunde, die Freizeitaktivitäten, der Geburtstag. Dass die drei Schwestern wie enge Vertraute und nicht wie Rivalinnen wirken, liegt vermutlich auch daran, dass ihre Mutter in ihrer Kindheit darauf achtet, dass sich keine Tochter benachteiligt fühlt. Zum Geburtstag gibt es für jede gleich viele Geschenke, im Auto wird abwechselnd vorne gesessen und bei Mahlzeiten gilt der Grundsatz: Wer für alle schöpft, sucht sich als letzte den Teller aus.
Drei blaue Sterne auf den Schulterklappen
Vielleicht ist dieser früh vorgelebte Gerechtigkeitssinn ein Grund dafür, dass die drei 26-Jährigen jetzt alle Polizistinnen sind. Seit September ist auch die letzte der Schwestern, Vanessa Böß, fertig mit der Ausbildung und Polizeiobermeisterin beim Präsidium Karlsruhe. Drei blaue Sterne zieren jetzt alle Schulterklappen. Damit fällt ein Merkmal weg, mit dem man die Drillinge bisher auseinanderhalten konnte. Hat man nicht alle drei Frauen vor sich, fällt es erst einmal schwer, sie zu unterscheiden. Der gleiche blonde Pferdeschwanz, das gleiche offene Lachen, das gleiche Namensschild.
„Wir sind eigenständige Personen“
Dass hinter der Dreierkonstellation immer noch drei Persönlichkeiten stehen, machen die Schwestern schon in der Schule klar. Als der Mathelehrer nicht genug Arbeitsblätter mitbringt und sich die Drillinge die letzte Kopie teilen sollen, bestehen sie auf ihren jeweils eigenen Ausdruck. „Klar sind wir Drillinge, wir gehören zusammen und machen viel zu dritt. Aber es war auch immer klar, wir sind eigenständige Personen und wollen so behandelt werden“, erzählt Lara Böß.
Drillinge, ein seltenes Phänomen? Bei etwa jeder 3300sten Geburt werden Drillinge geboren, in Baden-Württemberg waren es vergangenes Jahr 34, in sechs Fällen waren es drei Mädchen.
Ein Team oder Konkurrentinnen?
Psychologen beobachten bei Drillingen drei Verhaltensmuster. Es gibt Kinder, die sich fast ausschließlich über ihre Gruppe definieren, Drillinge, die in ihren Geschwistern Konkurrenten sehen und die Kinder, die gern mit den Geschwistern zusammen sind, die Gruppe aber auch ganz natürlich verlassen, wenn ihnen danach ist.
Hinter dem ähnlichen Erscheinungsbild der Böß-Drillinge liegen unterschiedliche Charaktere. „Nessi war schon immer die, die voraus prescht, die Dinge direkt angeht, mit dem Kopf durch die Wand. Sami ist die ruhigste von uns und ich das gesunde Mittelmaß“, sagt Lara und grinst. Ihre Schwester Vanessa erwidert trocken: „So beschreibt sie sich zumindest selbst.“ Meistens gehe es harmonisch zu, man wisse, was man an den anderen habe und sei stolz und dankbar, Familie und Beruf zu teilen. Wenn es dann mal Streit gibt, „dann fliegen wie bei allen Geschwistern die Fetzen“, meint Lara Böß. Vanessa Böß wendet ein: „Nach einer halben Stunde ist es aber auch wieder gegessen.“
Nach der Realschule trennen sich zum ersten Mal die Wege der Schwestern. „Das war vor allem für Lara nicht einfach“, erzählt Vanessa Böß. Lara nickt und fügt hinzu: „Ich hatte Angst, dass wir uns verlieren. Das ist aber nicht passiert.“
Samira Böß weiß seit der siebten Klasse, dass sie zur Polizei möchte. „Ich war damals schon Feuer und Flamme und wollte nichts anderes.“ Ihre Bewerbung direkt nach der Realschule wird abgelehnt, der zweite Versuch nach der Fachhochschulreife ist erfolgreich. Seit März ist sie mit ihrem Malinois Schäferhund Django bei der Hundestaffel. „Das war immer mein Ziel. Wenn ein Hundeführer-Hund-Team gut funktioniert, dann ist das im Einsatz echt hilfreich.“
Polizistin über Umwege
Lara Böß entscheidet sich nach der Schule erst für die Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten, Vanessa Böß für die Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation. „Polizei war schon immer Vanessas und meine Richtung, aber wir hatten am Anfang andere Prioritäten“, erzählt Lara Böß. Aber auch ihr Blick folgte auf der Straße immer dem Blaulicht, „die Polizisten sind draußen, die helfen Menschen, die sorgen für Recht und Ordnung.“ Samira Böß arbeitet nun bei der Hundestaffel, ihre Schwestern im Streifendienst auf unterschiedlichen Revieren, ihr Berufsalltag ist dementsprechend individuell. „Es gibt so viele Facetten bei der Polizei, jede von uns geht ihren eigenen Weg“, stellt Samira Böß fest.
Dass es keine beruflichen Schnittpunkte gibt, finden die Drillinge gut. Im Sommer 2020 entwaffnet ein 31-Jähriger vier Beamte bei einer Kontrolle einer von ihm illegal genutzten Gartenhütte in Oppenau. Er flüchtet in den Schwarzwald. Ein Großaufgebot der Polizei durchkämmt tagelang die Umgebung. Im Einsatz sind auch Samira und Lara Böß, damals beide bei der Bereitschaftspolizei und in unterschiedlichen Gruppen vor Ort. „Wir mussten bestimmte Punkte besetzen und die Situation war unklar, das war schon mit Vorsicht zu genießen. Da habe ich schon oft an sie gedacht und gehofft, dass wir alle heil nach Hause kommen. Das hat mir persönlich klar gemacht, dass es gute Gründe gibt, nicht in einer Schicht zu arbeiten“, erzählt Lara Böß.
„Wir leben für unseren Job“
Wenn man nicht nur mit dem Großteil der Freunde, sondern auch mit den Schwestern den Beruf teilt, lässt sich dann Berufs- und Privatleben überhaupt noch trennen? „Wir leben für unseren Job. Das gehört zu uns und erfüllt uns. Ich teile meinen Schwestern super gerne mit, wie meine Schichten waren“, erzählt Lara Böß. Die anderen beiden nicken. Der Blick einer Polizistin lässt sich in der Freizeit aber nicht ablegen. „Man ist in der Stadt, geht zum Beispiel einkaufen und Nessi sieht überall Gurt- und Handyverstöße“, zieht Samira Böß ihre Schwester auf.
Reduziert auf das Drillingsdasein
Das Wort Konkurrenzkampf und das Bedürfnis, sich von den Schwestern abzugrenzen, ist den Drillingen fremd. Und auch die ständige Konfrontation mit ihrem Drillingsdasein macht den drei Frauen nichts aus. „Dass wir verwechselt werden, ist für uns kein Problem, aber wenn wir merken, das Gegenüber gibt sich keine Mühe, dann wird es schwierig“, meint Vanessa Böß. Denn trotz gleichem Beruf und ähnlichem Erscheinungsbild, die Böß Drillinge bleiben drei Frauen mit individuellem Charakter. Drei Unikate eben.