Mehrsprachige Lernassistenten an Heilbronner Schule Mehrsprachigkeit als Chance statt als Defizit
Muttersprachliche Assistenten helfen Zuwandererkindern in einer Schule in Heilbronn beim Lernen. Das ist bundesweit einmalig.
Muttersprachliche Assistenten helfen Zuwandererkindern in einer Schule in Heilbronn beim Lernen. Das ist bundesweit einmalig.
Heilbronn - Loris kann Mathe nicht leiden. Das hat der 13-Jährige nun nicht gerade exklusiv. Aber dass der Schüler, der vor zwei Jahren aus Italien nach Heilbronn gekommen ist, sich auch noch mit deutschen Algebra- und Geometriebegriffen herumplagen soll, macht ihm den Zugang zu den lästigen Mathematikaufgaben nicht leichter.
Seit März hat Loris Unterstützung. Angela Celozzi begleitet den 13-Jährigen im Unterricht seit März in der Heilbronner Dammrealschule, anfangs per Videokonferenzen, wegen Corona, seit zwei Wochen von Angesicht zu Angesicht. Sie übersetzt die Aufgaben in seine Muttersprache, wenn es mit dem Verständnis hapert. Loris mag Mathe immer noch nicht besonders. Aber im letzten Test, berichtet der Siebtklässler stolz, habe er eine 1,4 geschrieben. Das kann sich sehen lassen.
Angela Celozzi ist eine von neun mehrsprachigen Lernassistenten, die zurzeit in der Dammrealschule im Einsatz sind. Die Assistenten sprechen Albanisch, Arabisch, Serbokroatisch, Bosnisch, Rumänisch, Englisch oder eben Italienisch und sind je sechs Stunden pro Woche an der Schule. In dieser Zeit unterstützen sie die Kinder, die bereits einige Zeit in den sogenannten Vorbereitungsklassen Deutsch gelernt haben und am Übergang zur Integration in eine Regelklasse stehen.
Das Pilotprojekt, das in dieser Form bisher bundesweit einmalig ist, soll der Erkenntnis der Sprachforschung Rechnung tragen, dass Zuwandererkinder viel leichter Deutsch lernen, wenn sie ihre eigene Muttersprache gut beherrschen. Und es soll dazu beitragen, „dass die Kinder auch an der Schulart ankommen, die für sie die richtige ist“, sagt Agnes Christner die parteilose Sozialbürgermeisterin – und nicht wegen ihrer noch ausbaufähigen Deutschkenntnisse automatisch an den Werkrealschulen landen.
Die Dammrealschule in der Heilbronner Innenstadt ist prädestiniert für das Projekt, das zu 80 Prozent über das Landesförderprogramm „Starke Kinder chancenreich“ finanziert wird. Die 450 Schüler kommen aus 42 Nationen, 70 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund, sagt Slawomir Siewior, der Rektor der Schule. Das ist selbst für Heilbronn, wo fast jeder zweite Bürger einen Migrationshintergrund hat, ein hoher Wert.
Die Sprachförderung hat in der Stadt einen hohen Stellenwert. Zuwandererkinder ohne oder mit schlechten Deutschkenntnissen werden seit 2015 an der Dammrealschule aufgenommen und auf ihre Mathe- und Englischkenntnisse geprüft. So will man herausfinden, an welcher Schulart das Kind am besten aufgehoben ist. „Wir wollen den Kindern die bestmögliche Bildungschancen ermöglichen, das ist das Ziel“, sagt Christner.
Mit dem Sprachenlernen, so Siewior, sei es wie bei einem Hausbau: „Wenn das Fundament nicht stimmt, ist es schwierig, darauf aufzubauen.“ Wenn die Muttersprache wertgeschätzt werde durch die Schule, wachse auch das Selbstvertrauen der Kinder.
Siewior spricht aus Erfahrung. Als Fünfjähriger kam er aus Polen nach Bad Mergentheim. Als er in die Schule kam, versuchten Eltern seiner Klassenkameraden zu erreichen, dass Migrantenkinder und deutsche Kinder getrennt voneinander unterrichtet würden. Eine junge Lehrerin konnte das damals verhindern. „Mehrsprachigkeit ist kein Defizit“, betont die Bürgermeisterin Christner, sondern eine Chance.
Für das Pilotprojekt an der Dammrealschule stand eine Schule im südschwedischen Lidköping Pate. Dort waren im vergangenen Jahr Lehrer aus Heilbronn zu Gast, unmittelbar bevor Reisen wegen des Corona-Lockdowns verboten war. Schwedisch wird dort unterschiedlich unterrichtet, je nachdem, ob man Muttersprachler ist oder nicht: „Schwedisch als Fremdsprache“ ist ein eigenes Unterrichtsfach. Zusätzlich stehen den Kindern dort mehrsprachige Lernassistenten zur Seite. Das Pilotprojekt läuft gegen Ende des Jahres aus. Doch die Stadt arbeitet schon an einer Anschlussfinanzierung. „Wir würden es gerne auf alle Schulen ausweiten“, sagt Agnes Christner.