Je nach Situation müssen Familien entscheiden, ob sie ihr Kind ein- oder mehrsprachig erziehen. Foto: KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle
Eltern sind oft verunsichert, wie sie ihr Kind am besten mehrsprachig erziehen – vor allem, wenn sie selbst schon in Deutschland aufgewachsen sind. Das raten Experten.
Sandra Markert
23.01.2026 - 06:00 Uhr
Wenn Derya Yildiz ihre Familie in der Türkei besucht, fällt es ihr nicht schwer, sich auf Türkisch zu verständigen. Zu Hause in Stuttgart spricht sie bei der Arbeit, mit Freunden sowie ihrem Mann dagegen fast ausschließlich Deutsch. Als vor einigen Monaten ihr erstes Kind zur Welt kam, war sie sich deshalb unsicher: Soll sie mit dem kleinen Jungen überhaupt Türkisch reden, so wie ihre Eltern das als Kind mit ihr gemacht haben? Und muss das dann rund um die Uhr sein? „Anders als sie bin ich in Deutschland aufgewachsen. Mein Türkisch ist zwar gut, aber es spielt im Alltag keine große Rolle mehr für mich“, sagt Derya Yildiz.
Geschichten wie diese hört die Sprachwissenschaftlerin Bettina Kumpfert-Moore häufig, wenn sie für Eltern Seminare zur Mehrsprachigkeit gibt. „Mütter oder Väter, die in der zweiten oder dritten Generation in Deutschland leben, sind oft verunsichert, ob sie die sprachlichen Wurzeln der Familie auch noch an ihre Kinder weitergeben sollen“, sagt Bettina Kumpfert-Moore, die auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd arbeitet.
Sprache ist Teil der Identität
Eine allgemeingültige Antwort darauf hat sie nicht – genauso wenig auf die ebenso häufige Frage, wie man es am besten angeht, wenn ein Kind mehrsprachig aufwachsen soll. „Jede Familie hat ihre ganz eigene Situation und lebt mit ihren eigenen Bedingungen“, sagt Kumpfert-Moore. Wichtig sei, dass man sich als Eltern in der Sprache wohlfühle, die man mit dem Kind spricht. „Es geht ja auch nicht nur darum, die Wörter zu lernen, sondern auch die kulturellen Wurzeln weiterzugeben. Eine Sprache ist Teil der Identität“, findet die Wissenschaftlerin. Dazu müsse man eine Sprache auch nicht ganz perfekt beherrschen. „Das Sprachgefühl kann ich auch weitergeben, wenn ich viel in einer Sprache vorlese oder Lieder singe“, erklärt Bettina Kumpfert-Moore.
Außerdem sei es wichtig, dass Kinder erleben, dass die Sprache, die sie lernen, für sie im Alltag Relevanz hat. „Hier ist es natürlich toll, wenn der Partner zum Beispiel auch Türkisch kann und die Kinder damit aufwachsen, dass sich die Eltern auch auf dieser Sprache unterhalten“, nennt Bettina Kumpfert-Moore ein Beispiel. Auch ein enger Kontakt zu Verwandten, die noch im Herkunftsland des Elternteils leben, könnte eine wichtige Motivationshilfe sein – etwa, wenn man sich nur so mit den Großeltern verständigen könne. Oder aber man findet eine Familie mit ähnlich alten Kindern, die sich beim Spielen auf Türkisch, Spanisch oder Japanisch unterhalten können.
„Entscheidend für jeden Spracherwerb ist es, dass ich viele Sprachkontakte im Alltag habe“, sagt auch Wiebke Scharff Rethfeldt, die als Professorin für Logopädie an der Hochschule Bremen arbeitet. Im Idealfall würde das bedeuten, dass jede Sprache in gleichen Anteilen im Alltag präsent ist – was sich aber in der Praxis in den meisten Fällen nicht realisieren lässt. „Wenn der Vater derjenige ist, der eine weitere Sprache spricht und unter der Woche nur abends Zeit mit dem Kind verbringt, ist es trotzdem sehr hilfreich, wenn er dann in seiner Sprache vorliest“, sagt Bettina Kumpfert-Moore. Auch Urlaube im jeweiligen Land würden jedes Mal wie eine Sprachdusche wirken. „Die Kinder sollten einfach möglichst viele bedeutungsvolle Momente mit der jeweiligen Sprache erleben“, erklärt sie.
Jede Familie muss für sich entscheiden, ob sie eine oder zwei Sprachen vermittelt. Foto: Heinz Heiss/Heinz Heiss
Wiebke Scharff Rethfeldt beobachtet aber auch, dass in vielen Familien heute oft schon die Zeit knapp ist, um in einer Sprache viel miteinander zu sprechen und vorzulesen – weil Bildschirmmedien häufig auch bei Eltern viel Raum einnehmen. Bei älteren Kindern könnten diese zwar auch dabei helfen, eine weitere Sprache zu lernen, etwa wenn man Filme in der jeweiligen Sprache schaut oder mit Verwandten chattet. „Für Unter- Dreijährige aber ist jeder direkte Sprachkontakt entscheidend“, sagt Scharff Rethfeldt.
Bemerke eine Familie, dass die gemeinsame Zeit für Gespräche und Vorlesen zu Hause sehr knapp sei, könnte es auch angebracht sein, den Erwerb einer weiteren Sprache aufzuschieben. „Unsere Gehirne sind dafür ausgelegt, mehr als eine Sprache zu erlernen und zwar ein Leben lang“, erklärt Wiebke Scharff Rethfeldt. Interessiere sich ein Kind später für die Familiensprache der Eltern, könne es diese immer noch gut lernen, etwa über Austauschprogramme. „Auch hier kann ich direkt erleben, wozu eine Sprache gut ist und treffe auf ein Umfeld, das den Spracherwerb unterstützt und beides ist sehr entscheidend“, sagt Wiebke Scharff Rethfeldt. Einen Vorteil bringt Mehrsprachigkeit von klein auf tatsächlich mit sich: „Man hat es dann in aller Regel einfacher, weitere Fremdsprachen zu lernen, weil man schon gelernt hat, dass ein Satzbau anders sein kann, man Dinge unterschiedlich verstehen und benennen kann“, weiß Scharff Rethfeldt.
Und was ist mit Familien, bei denen beide Elternteile aus einem anderen Land stammen und die selbst noch nicht gut Deutsch sprechen, wie das beispielsweise bei vielen ukrainischen Familien der Fall war? „Das ist für die Kinder eigentlich sogar eine sehr gute Ausgangslage“, findet Bettina Kumpfert-Moore. Mit Eintritt in den Kindergarten würden diese Kinder schnell Deutsch lernen. „Entscheidend ist, dass ein Kind in einer Sprache gute Sprachkompetenzen entwickelt, lernt, wie man Fragen stellt, Gefühle ausdrückt, diskutiert. Das kann es dann sehr leicht in eine andere Sprache übertragen“, sagt auch Wiebke Scharff Rethfeldt.
Fühlt sich richtig an, Kinderlieder in der Muttersprache zu singen
„Wichtig ist, dass man im Auge behält, dass diese Kinder die Sprache dann aber sicher noch nicht perfekt können, wenn sie in die Schule kommen und man sie dann weiter unterstützt“, erklärt Bettina Kumpfert-Moore. Das gelte aber ohnehin für alle mehrsprachig aufgewachsenen Kinder. Denn: „Die geschriebene Sprache, die in der Schule verwendet wird, ist nun mal eine ganz andere, als die gesprochene Alltagssprache.“
Derya Yildiz wollte mit ihrem kleinen Sohn eigentlich kein Türkisch sprechen. Dann aber hat sie gemerkt, dass sie nur türkische Kinderlieder kennt und es sich für sie ganz natürlich anfühlt, genau diese zu singen. Ihre Hebamme hat ihr ein Angebot in einem Eltern-Kind-Zentrum für ein türkisches Babycafé empfohlen.
Inzwischen treffen sich die Mütter auch darüber hinaus regelmäßig zum Spazierengehen und gemeinsam kochen. „Wir reden dann viel Türkisch, aber auch Deutsch miteinander. Ganz wie uns danach ist“, sagt Derya Yildiz. Einige Kinder in der Gruppe plappern nun auch ihre ersten Worte – mal deutsch, mal türkisch.
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