Mehrwertsteuer in der Gastro Trotz Steuervorteil: Warum Rostbraten & Co. im Rems-Murr-Kreis teuer bleiben

, aktualisiert am 07.01.2026 - 16:37 Uhr
Was kostet der Rostbraten – und was bekommen die Beschäftigten in Küche und Service eigentlich von der Steuersenkung?. Foto: IMAGO

Die Mehrwertsteuer für Speisen in Restaurants sinkt ab Januar deutlich. Verbraucher sollen jedoch keine Preissenkungen erwarten. Ein Verband rät zu kritischen Fragen an Wirte.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Wer nach den Weihnachtsfeiertagen und dem Neujahrsfest zum Essen in ein Wirtshaus geht, darf sich möglicherweise auf schmackhafte Speisen und einen guten Service freuen. Günstigere Preise aber sind trotz der Senkung der Steuerlast in der Gastronomie eher nicht zu erwarten.

 

Denn auch im Rems-Murr-Kreis wird wohl kaum ein Lokal mit einem „Schnitzel-Rabatt“ auf die von Berlin beschlossene Reduzierung der Mehrwertsteuer reagieren – preiswerter als bisher werden nach Lage der Dinge also weder der Rostbraten mit Bratkartoffeln noch das Vitello tonnato.

Nicht mal jeder zehnte Gastro-Betrieb denkt über Preissenkungen nach

Das geht aus einem Meinungsabgleich des Gastronomieverbands Dehoga unter seinen Mitgliedsbetrieben hervor. Nur etwa acht Prozent der befragten Unternehmen, so das Ergebnis, denken über Preissenkungen nach, wenn mit dem Jahreswechsel auch der reduzierte Steuersatz in Kraft tritt. Wer hofft, dass Gulaschsuppe, Kaiserschmarrn und Wurstsalat flächendeckend billiger werden, hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Statt wie bisher 19 Prozent müssen Gastro-Betriebe künftig nur noch 7 Prozent der Rechnung ans Finanzamt abführen. Kritiker hatten schon weit im Vorfeld die Befürchtung geäußert, dass Café-Betreiber, Restaurantchefs und Burger-Brater den Steuervorteil lieber in die eigene Tasche stecken, als mit günstigen Angeboten neue Gäste in die gute Stube zu locken.

„Kein Wirt wird zum 1. Januar 2026 neue Speisekarten drucken – jedenfalls nicht, um die Preise zu senken“, sagt Magdalena Krüger. Die Geschäftsführerin der Gastro-Gewerkschaft NGG in Stuttgart äußerte sich schon im Sommer „mehr als skeptisch“ über die von der schwarz-roten Bundesregierung geplante Senkung der Gastro-Steuer zum Jahreswechsel. „Gastronomen werden viele fadenscheinige Gründe finden, warum sie die 12 Prozent dringend brauchen – und zwar für den Betrieb, für sich selbst“, ließ Krüger bereits im August wissen.

„Hohe Energiekosten und Lohnkosten als Preishürden“

„Hohe Energiekosten“ dienen aus Sicht der Gewerkschaft auch in den 880 Gastro-Betrieben im Rems-Murr-Kreis als Standardbegründung der Branche, weshalb es leider nicht zu Preissenkungen kommen kann. Ein zweites „Totschlag-Argument“ sieht Gewerkschafterin Magdalena Krüger in den Lohnkosten: „Wirte und Restaurantchefs werden garantiert mit dem Mindestlohn argumentieren. Der steigt nämlich ausgerechnet zum 1. Januar auf 13,90 Euro – also um 1 Euro und 8 Cent pro Stunde. Dabei ist das gerade einmal die Hälfte von dem, was ein Wirt schon an einem einzigen Schnitzel zusätzlich verdient, wenn die Steuersenkung kommt“, sagt sie.

„Wo sind die 12 Prozent geblieben?“, sollten Gäste den Wirt fragen

Die Gastro-Gewerkschaft empfiehlt deshalb allen Verbrauchern, dem Wirt beim nächsten Restaurantbesuch mit der Frage „Wo sind die 12 Prozent geblieben?“ auf den Zahn zu fühlen. Unterstützt von Fotos von der Speisekarte sollen die Gäste sich den Preis für ihr Lieblingsgericht merken – und offensiv nachhaken, ob vom Steuer-Geschenk auch etwas beim Personal in der Küche und im Service angekommen ist.

„Wenn die Wirte die Steuersenkung im Januar nicht an die Gäste weitergeben, können sie sich nicht mehr herausreden: Dann ist nämlich genug Geld für einen Lohnzuschlag da – für den Koch genauso wie für die Kellnerin“, sagt Magdalena Krüger. Der moralische Druck der Restaurantbesucher soll dafür sorgen, dass wenigstens die mehr als 4500 Beschäftigten der Gastro-Branche im Rems-Murr-Kreis etwas von der Steuersenkung haben – und der Nachlass nicht nur zu einem reinen Mitnahmeeffekt führt.

Ins Personal investieren wollen laut den Zahlen vom Gaststättenverband Dehoga immerhin zwei Drittel der befragten Gastro-Unternehmen – schließlich ist bekannt, wie schwer sich die Branche inzwischen tut, fähige Mitarbeiter für Küche und Service zu finden. Ansonsten spricht der Verband von einer „notwendigen Entlastung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten“ – und vergleicht den Steuererlass mit dem letzten Strohhalm für das vom Aussterben bedrohte Gastgewerbe.

Laut der Dehoga muss inzwischen fast die Hälfte der Gastro-Betriebe kämpfen, nicht in die Verlustzone zu geraten. „Wenn es die Kostenentwicklung erlaubt, werden mit Sicherheit viele Betriebe die Möglichkeit nutzen, Gäste durch eine attraktive Preisgestaltung zurückzugewinnen“, heißt es in einem Positionspapier.

Fakt sei aber auch, dass es die Branche seit drei Jahren mit massiv gestiegenen Kosten zu tun habe. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamts habe der Einkauf von Nahrungsmitteln um fast 28 Prozent zugelegt, bei den alkoholfreien Getränken seien es 30 Prozent und bei den Arbeitskosten sogar 34 Prozent. „Ob es sich die Betriebe leisten können, die Mehrwertsteuer-Senkung in Form niedrigerer Preise direkt an die Gäste weiterzugeben, ist also offen“, heißt es beim Gaststättenverband.

Personalkosten und Wareneinsatz machen in vielen Gastro-Betrieben annähernd 70 Prozent des Umsatzes aus. Nach Schätzungen von Ökonomen kostet die im Januar in Kraft tretende Senkung der Mehrwertsteuer den Staat rund 3,6 Milliarden Euro. Erklärtes Ziel ist eine wirtschaftliche Unterstützung der Branche, die zuletzt unter Umsatzrückgängen litt. Wer keine Speisen anbietet, profitiert allerdings nicht: Getränke werden weiter mit 19 Prozent besteuert.

Burger-Ketten und Fertiggerichte waren bisher im Vorteil

Dass der Gastro-Verband Dehoga die Mehrwertsteuer-Senkung dennoch als „fair, überfällig und dringend geboten“ bezeichnet, hat allerdings noch einen anderen Grund. Bisher galt die volle Mehrwertsteuer von 19 Prozent nur für frisch gekochtes Essen im Wirtshaus, mit Liebe und Kompetenz gekocht und womöglich auf Mehrweg-Porzellangeschirr serviert. Für Burger-Ketten und den Imbiss mit Wegwerf-Tellern galten nur 7 Prozent – ebenso wie für Fertiggerichte aus dem Supermarkt.

Aus Sicht der Gastro-Branche ist es deshalb nur fair, dass schlechter Service und mangelnde Ernährungsqualität keinen Steuervorteil mehr genießen. „Gut, dass Deutschland diesen Irrweg beendet“, heißt es beim Branchenverband Dehoga. Dass das Schnitzel nicht billiger wird, ist deshalb nur eine Seite der Mehrwertsteuer-Senkung. Die andere Seite ist die Hoffnung, dass es auch künftig jemand brät.

Weitere Themen