Mein Exil in Stuttgart: der Burkini Ein Kleidungsstück, das polarisiert

Von Mohamad Alsheikh Ali 

Fast täglich ist unser Kolumnist Mohamad Alsheikh Ali schwimmen gegangen, um eine Frau zu finden, die in Stuttgart im Burkini schwimmen geht. In Zuffenhausen wurde er schließlich fündig.

Der Burkini bedeckt den gesamten Körper und wurde für gläubige Muslima entworfen. Foto: dpa
Der Burkini bedeckt den gesamten Körper und wurde für gläubige Muslima entworfen. Foto: dpa

Stuttgart - Über den Burkini wurde besonders in Frankreich viel geredet, seit eine Reihe französischer Städte und Gemeinden ihn im Sommer verboten haben – aber auch hier in Deutschland polarisiert das Kleidungsstück. Der Burkini ist ein Schwimmanzug, der den ganzen Körper bedeckt, abgesehen von Händen, Füßen und dem Gesicht. Er wurde von einer australischen Designerin mit libanesischen Wurzeln entworfen. Um eine Frau zu treffen, die in Stuttgart Burkini trägt, bin ich fast täglich ins Schwimmbad gegangen. Es ist gar nicht leicht, hier eine Burkiniträgerin zu finden. Dann endlich lernte ich Lilian kennen. Lilian stammt aus Damaskus. Sie ist 35 Jahre alt und hat schon in Syrien den Burkini getragen. Regelmäßig geht sie in Zuffenhausen ins Hallenbad. Sie schätze am Burkini nicht nur, dass er den ganzen Körper bedeckt, sagt sie. „Er ist auch modern und zeitgenössisch“, findet sie. In Stuttgart sei sie bisher nicht wegen ihres Anzuges beschimpft worden, erzählt sie mir. Sie ist sich sicher, dass sich das Thema in Deutschland nicht so hochschaukelt wie in Frankreich. „Die Gesellschaft ist offen“, sagt sie.

Von Gihan, meiner Frau, habe ich erfahren, dass auch eine ihrer Freundinnen den Burkini beim Schwimmen trägt. Sie heißt Rukiehe und kommt ursprünglich aus Homs. Sie ist erstaunt darüber, dass Menschen den Burkini ablehnen. „Ich will tragen, was ich will, das ist meine Freiheit“, hat sie meiner Frau gesagt. Für sie ist der Burkini ein ganz normaler Anzug. In Deutschland sei man gleichberechtigt mit den Männern – dazu zählt für sie, dass sie anziehen kann, was sie will. Dennoch habe sie manchmal Angst, wie sich die sozialen Medien auf die öffentliche Meinung auch in Deutschland auswirken können, berichtet meine Frau mir. Vielleicht habe das Einfluss sowohl auf das Volk als auch auf die Regierung, fürchtet Rukiehe.

Ein Burkini-Verbot wäre Widerspruch zu Gerichtsentscheidung

Ich selbst denke aber, dass ein Burkini-Verbot unwahrscheinlich ist. Ich habe hierzu im Internet recherchiert und gelesen, dass im September 2013 das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig entschieden hat, dass muslimische Schülerinnen keine Befreiung vom koedukativen Schwimmunterricht verlangen können, wenn ihnen die Möglichkeit offensteht, dabei einen Burkini zu tragen. Dann kann man den Burkini doch nicht verbieten.

Früher in meiner Heimat bin ich eigentlich nicht ins Schwimmbad gegangen. In Aleppo, wo ich herkomme, gab es zwar Schwimmbäder, aber nur sehr wenige. Es gab welche für Männer und welche für Frauen. Beliebt waren in Syrien immer die Strände von Latakia. Sie sind öffentlich, Frauen und Männer können dort schwimmen. Mit dem Auto dauerte es ungefähr eine Stunde, um hinzufahren – ich habe Latakia unzählige Male besucht. Besonders gerne erinnere ich mich an eine Reise mit der Universität dorthin – 2008 war das. Die Atmosphäre war fabelhaft, ganz leicht. Damals habe ich zum ersten Mal über Kopftücher und den Burkini mit einem Freund diskutiert. Dass ich acht Jahre später in Deutschland leben würde, hätte ich zu dieser Zeit noch gar nicht gedacht.

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