„Mein Kampf“ am Theater Konstanz Am Ende regnet es Davidsterne

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Mit Hakenkreuz kostenlos ins Theater? Die umstrittene Konstanzer Premiere von George Taboris „Mein Kampf“ ist ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen. Nur einer wollte tatsächlich mit Nazisymbol ins Theater – aber warum?

Spätestens am Ausgang sollten die Theaterbesucher ihre Nazisymbole entsorgen. Foto: dpa
Spätestens am Ausgang sollten die Theaterbesucher ihre Nazisymbole entsorgen. Foto: dpa

Konstanz - Licht aus, Schwarzlicht an. Gretchen, gespielt von Laura Lippmann, springt in den Zuschauerraum und zählt erst mal durch. „Zwanzig“, sagt sie. Das freut Adolf Hitler (Peter Posniak). „Gar nicht schlecht“, sagt er. Dass es schon wieder so viele sind! Aber tatsächlich ist das geflunkert. Niemand im Konstanzer Theatersaal trägt ein Hakenkreuz am Arm. Auch Davidsterne sind keine zu sehen.

Dabei war genau dies der große Aufreger im Vorfeld der Aufführung von George Taboris Farce „Mein Kampf“ über Hitlers frühe Jahre in einem Wiener Männerwohnheim gewesen. Wer wollte, sollte aus Solidarität mit den jüdischen Opfern von Hitler-Deutschland einen Davidstern tragen. Wer allerdings eine Freikarte verlangte, musste sich verpflichten, mit Hakenkreuz im Theatersaal zu sitzen. Er wolle damit zeigen, wie korrumpierbar Menschen sind, erklärte der Regisseur Serdar Somuncu den Hintergedanken des unmoralischen Angebots. Viele fanden es einfach nur geschmacklos. Und nicht wenige Vertreter des Feuilletons nannten das Konstanzer Theater in einem Atemzug mit den Rappern Kollegah und Farid Bang, wegen deren antisemitischer Textzeilen es bei der diesjährigen Echo-Verleihung zum Eklat gekommen war.

Bis nach New York

Doch die hitzige Diskussion, die bundesweit geführt wurde und dem Konstanzer Theater sogar eine Erwähnung in der „New York Times“ („Get In Free if You’ll Wear a Swastika“) einbrachte, hat die opportunistischen Schnäppchenjäger offenbar verschreckt. Die ursprünglich zwölf zur Premiere georderten Freikarten seien in den vergangenen Tagen fast ausnahmslos zurückgegangen, sagte eine Sprecherin des Theaters. Dafür saßen 40 Vertreter von Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen aus Deutschland und der Schweiz – ebenfalls kostenlos versteht sich – im 400 Plätze bietenden Zuschauerraum. „So viele hatten wir noch nie.“ Sogar die Boulevardblätter „Bild“ und „Blick“ (Schweiz) interessierten sich für die Hochkultur.

Mehr als ein Dutzend Polizisten sicherten den Veranstaltungsort in der Konstanzer Altstadt. Protestkundgebungen gab es keine. Im Foyer wurde derweil jedem ankommenden Theaterbesucher ein Mikrofon unter die Nase gehalten. Hakenkreuz und Davidstern eigneten sich nicht für einen Scherz, sagte Walburg Friebe (75). Sie werde keines der Symbole tragen. Die 26-jährige Studentin Anabel Roschmann erklärte hingegen, es handele sich um eine gute und mutige Idee. „Sie zeigt, dass wir auch heute noch betroffen sind.“ Sie habe die Debatte im Vorfeld nicht verstanden. „Aber vielleicht bin ich auch zu jung dafür.“

Eine Art Experiment

Derweil hofften noch etliche auf zurückgehende Tickets. Er erhalte als Inhaber des speziell für Studenten eingeführten Konstanzer Kulturpasses Restkarten sowieso gratis, sagte ein junger Mann. Er wolle dennoch das Hakenkreuz tragen. Ein Nazi sei er nicht. „Mich interessiert, wie die anderen Zuschauer darauf reagieren.“

An den Ausgängen hatte das Theater Warnschilder angebracht. „Die Hakenkreuzbinden sind nach der Vorstellung im Haus abzulegen. Ansonsten machen Sie sich persönlich strafbar“, hieß es darauf. Doch dann wurden weder bei der Kartenkontrolle, noch an den Plätzen und auch nicht während des Stückes, wie es zunächst hieß, die strittigen Symbole ausgeteilt. Derweil nahm das Spiel seinen Lauf. Serdar Somuncu, bekannt als Comedian unter anderem bei der „heute-show“, ließ nichts aus, um seine Inszenierung ins Hier und Jetzt zu holen: Donald Trump, Helene Fischer und Björn (oder Bernd?) Höcke – ein „heute-show-Klassiker“ – hatten ihre Auftritte. Skinheads stürmten den Raum, die Flüchtlingskrise waberte durch den Saal, und kein Klischee, dessen sich Antisemiten bedienen, wurde ausgelassen.

Am Ende wird es brachial. Eine schwarze Kinderpuppe wird seziert und gemetzelt. Shlomo Herzl (Thomas Fritz Jung), der sich so liebevoll um den als Künstler gescheiterten Adolf Hitler kümmert, endet als Schmerzensmann am Hakenkreuz. Ein wenig entgleist „Mein Kampf“ da zu Somuncus Kampf mit Taboris Vorlage. Und ob das Publikum den „Hitler in sich“ entdeckt, wie es die Absicht des Autors war, bleibt bei all dem Blut fraglich.

Es fällt ein Schuss

Dann fällt ein Schuss und von der Decke regnen doch noch Davidsterne und zerrissene Hakenkreuze. Das sei „Viel Lärm um nichts“ statt „Mein Kampf“ gewesen, wurde hinterher im Foyer gelästert. Der freiwillige, aber späte Verzicht des Theaters auf die Realisierung von Somuncus Hakenkreuz-Idee war im Anbetracht der vorangegangenen Empörung wohl richtig, auch wenn sich dadurch diejeningen bestätigt fühlen durfen, die es von Anfang an für einen Marketinggag gehalten hatten. Es gab aber auch Gäste, denen der ganze Ärger im Vorfeld entgangen war. Sie sei gespannt, sie kenne das Stück nicht, sagte eine ältere Frau an der Garderobe. Warum sie gekommen sei? „Ich habe ein Premierenabo.“