„Mein Weg“ – außergewöhnliche Lebensläufe Wie ein Vater um seine Kinder kämpfte

Patrick Suhl mit seinen schlafenden Zwillingen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Nichts ist so spannend wie das wahre Leben. In einer Serie zeichnen wir die Geschichten von außergewöhnlichen Menschen auf. Heute: Patrick Suhl wurde zum Opfer der Gewalt seiner Partnerin und sorgt nun allein für die gemeinsamen Zwillinge.

Reportage: Frank Buchmeier (buc)

Stuttgart - Eine Dachgeschosswohnung am Bad Cannstatter Wilhelmsplatz. Patrick Suhl sitzt vor einem Teller Kaiserschmarrn, den er sich zum Mittagessen gebrutzelt hat. Er hat nicht viel Zeit für das Gespräch: Um vier muss er Maike und Jan vom Kindergarten abholen.

 

Ich will nicht, dass es so aussieht, als wollte ich mich an ihr rächen. Für die Frau, die mein Schicksal mitbestimmt hat, habe ich mir daher einen falschen Namen ausgedacht: Valentina. Ich wurde zum Opfer ihrer Gewalt. Nun bin ich alleinerziehender Vater von zwei Kindern. Um meine Tochter und meinen Sohn zu schützen, will ich auch ihre Namen ändern: Ich werde sie Maike und Jan nennen.

Geboren wurde ich am 11. März 1982 in Kirchheim/Teck. Mit zehn erfuhr ich, dass der Ehemann meiner Mutter nicht mein leiblicher Vater ist. Ich hatte längst gespürt, dass ihn und mich nichts verbindet. Als er in den Knast kam, weil er in eine Tankstelle eingebrochen war, ließ sich meine Mutter von ihm scheiden.

„Ich soff, kiffte, schluckte Pillen“

Wir wohnten damals in Lenningen-Gutenberg. Ich war ein schüchterner Junge. Nach der mittleren Reife lernte ich Schlosser. An den Wochenenden hing ich in Stuttgart ab, soff, kiffte, schluckte Pillen. Irgendwann wurde mir klar, dass ich mich so bloß selbst zerstörte. Ich suchte mir eine bessere Beschäftigung, um dem öden Alltag zu entfliehen: Kampfsport.

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Jeden Abend trainierte ich wie besessen. Nach vier Wochen meldete ich mich für einen Kampf an. Mein Gegner war ein Profi aus Kasachstan. Als ich in den Ring stieg, spürte ich Todesangst – doch ich gewann völlig überraschend. Seither weiß ich, dass man über sich selbst hinauswachsen kann. In den folgenden Jahren bestritt ich mehr als 60 Kämpfe. 2004 wurde ich in Dänemark Vizeweltmeister in Mixed Martial Arts. Danach war mir nicht mehr wichtig, mich mit anderen zu messen.

Die Schattenseiten des sonnigen Venezuela

Ein weiteres wichtiges Kapitel meines Lebens spielt in Südamerika. 2008 verbrachte meine Mutter auf der venezolanischen Isla Margarita einen Urlaub und verliebte sich in einen Einheimischen. Sie verkaufte alles, was wir in Gutenberg besaßen, und heiratete den Typ. Ich flog zu ihr und war sofort von dem Land fasziniert: die großartige Natur, das wunderschöne Wetter, die lockeren Menschen. Ich beschloss zu bleiben.

Meine Mutter, mein Stiefvater und ich kauften ein paar Autos, die wir an Taxifahrer vermieteten. Anfangs lief das Geschäft, aber mit der Zeit gab es Probleme. Die Straßen auf der Insel sind übel, die Fahrer drücken aufs Gas – ständig mussten unsere Wagen repariert werden. Eines unserer Autos wurde gestohlen, einer der Taxifahrer entpuppte sich als Verbrecher. Ich hatte die Schattenseiten des sonnigen Venezuela kennengelernt und kehrte nach zwei Jahren in meine Heimat zurück.

Als ich in Stuttgart ankam, besaß ich nicht mehr als das, was ich am Leib trug. Monatelang schlug ich mich irgendwie durch, übernachtete mal hier, mal da. Schließlich bekam ich eine befristete Stelle bei Porsche im Rohbau. Zum ersten Mal verdiente ich richtig Kohle, dreieinhalbtausend Euro netto. In der Nähe des Feuersees fand ich ein Zimmer in einer WG.

Der Beginn einer unglücklichen Liebe

Valentina lernte ich im März 2013 über Facebook kennen. Sie hatte einen Kommentar von mir geliked. Als ich mir ihr Profilbild anschaute, war ich augenblicklich in sie verknallt. Ein halbes Jahr haben wir uns nur per SMS ausgetauscht. Ich erfuhr, dass sie in der Pfalz lebt. Anfang November trafen wir uns bei einer Goa-Party in Mannheim, anschließend kam Valentina mit zu mir.

Mitte Dezember ergab ein Test, dass sie schwanger ist. Für mich war das okay, ich hatte mir schon immer Kinder gewünscht. Als ein guter Freund meinte, dass das alles aus seiner Sicht viel zu schnell gehe, wurde ich richtig sauer. Ich liebte Valentina, sie würde die Mutter meines Kindes sein und die Frau, mit der ich mein Leben verbringe, dachte ich. Leider kam es ganz anders.

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Am Tag vor Silvester verabredeten wir uns mit Bekannten in einer Kneipe am Hans-im-Glück-Brunnen. Im Laufe des Abends bestellte irgendwer eine Runde Absinth. Ich sagte zu Valentina, dass sie die Finger von Hochprozentigem lassen müsse – wegen des Babys in ihrem Bauch. Daraufhin kippte sie drei Gläser Absinth in sich rein. Ich war fassungslos und ging allein nach Hause.

Die ganze Nacht und den folgenden Morgen wartete ich auf Valentina. Um 11 Uhr vormittags tauchte sie schließlich auf – sturzbetrunken. Ich sagte: „Wo warst du? Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Als Antwort prügelte sie wie wild auf mich ein, erst nach anderthalb Stunden beruhigte sie sich einigermaßen. Damals dachte ich: Ihre Hormone spielen halt verrückt.

Das Drama nimmt seinen Lauf

Im Januar waren wir zum Ultraschall beim Frauenarzt. Ich erfuhr, dass ich Vater von Zwillingen werde – und dass die Mutter meiner beiden Kinder nicht krankenversichert ist. Valentina hätte nur zur AOK gehen müssen, aber sie machte so selbstverständliche Dinge einfach nicht. Post von Behörden, die an sie adressiert war, ließ sie ungeöffnet liegen. Einen Brief vom Gericht machte ich auf: Es war ein Strafbefehl gegen Valentina wegen schwerer Körperverletzung. Als ich sie zur Rede stellte, erzählte sie mir, sie habe vor einiger Zeit jemandem aus Notwehr einen Bierkrug auf den Kopf gehauen: Der Kerl habe sie vergewaltigen wollen. Damals glaubte ich ihr noch alles.

Als Valentina im sechsten Monat war, zogen wir nach Esslingen in eine 120- Quadratmeter-Wohnung. Am 23. Juli 2014 kamen Jan und Maike per Kaiserschnitt zur Welt. Und vom Olgahospital bekamen wir eine Rechnung über 10 500 Euro.

„Ich brauche Hilfe. Die Mutter meiner Kinder säuft.“

Danach ging das Drama erst richtig los: Als ich eines Mittags nach Hause kam, war Valentina wieder sternhagelvoll. Sie stand auf dem Balkon mit einer Kippe in der Hand und lallte. Ich rief beim Jugendamt an: „Ich brauche Hilfe. Die Mutter meiner Kinder säuft.“ Man nahm mich nicht ernst, offenbar musste erst etwas Schlimmeres passieren.

Ein paar Tage später war ich auf dem Geburtstagsfest bei einem Kumpel, um 8 Uhr abends kam ich heim. Niemand da. Nach zweieinhalb Stunden tauchte Valentina mit den Säuglingen auf, erneut hackedicht. Aus dem Nichts schlug sie wie im Wahn auf mich ein. Ich flüchtete auf den Balkon, sie hinterher. Mir war klar, dass ich verloren wäre, wenn ich mich wehren würde: Ein Kampfsportler, der seine Freundin verprügelt – danach hätte es ausgesehen. Also habe ich mich nur so gut wie möglich geschützt. Was macht sie? Ruft bei der Polizei an: „Kommen Sie schnell, mein Freund ist betrunken. Er hat unser Baby gegen den Türrahmen geschleudert!“ Dieses raffinierte Biest.

Minuten später standen fünf Cops in unserer Wohnung. Sie sahen Valentina mit Blut an ihren Händen – meinem Blut. Sie sahen mich: zerrissenes T-Shirt, zerkratztes Gesicht, blaue Flecken am ganzen Körper. Der Alkoholtest ergab bei mir 0,0, bei ihr 1,8 Promille. Es war offensichtlich, wer Opfer und wer Täterin ist.

Die Lage eskaliert

Erst jetzt griff das Jugendamt ein. Die Kinder kamen vorübergehend in ein Heim, Valentina und ich wurden von zwei Mitarbeitern der Intensiven Familienhilfe betreut. Unsere Beziehung schien sich dadurch tatsächlich zu entspannen – bis es am 19. November 2015 zur Katastrophe kam.

Kurz zuvor war mein Zeitvertrag bei Porsche ausgelaufen, ich war arbeitslos. An jenem Novembertag unterrichtete ich abends an der Volkshochschule Tai-Chi. Nach dem Kurs rief ich Valentina an. Sie sagte, sie sei mit den Kindern am Esslinger Bahnhof und warte auf den Bus. Ich merkte sofort, dass sie betrunken war. Ich fuhr heim, saß eine Stunde alleine rum. Dann ging ich sie suchen.

Ich lief zur nächsten Bushaltestelle. Nichts. Ich durchkämmte das ganze Viertel. Nichts. Irgendwann sah ich Valentina im Nebel auftauchen: In Schlangenlinien schob sie den Kinderwagen über die Straße. Ich rannte hin. Maike trug nur einen Body und war nicht zugedeckt – bei Minusgraden. Sie schrie. Jans Maxi-Cosi war nicht richtig befestigt, der Sitz hätte jeden Moment runterfallen können. Im Netz des Kinderwagens lagen eine leere Jägermeister- und eine leere Rotweinflasche.

Schnell nach Hause, Wasser aufkochen, in die Babyflasche füllen, Milchpulver hinzufügen. Ich wollte Maike und Jan füttern, doch Valentina hielt sie fest. Ich rief die Polizei – da drehte Valentina völlig durch: Rasend vor Wut trat sie mit ihren Stiefeln zu, kratzte, biss, erwischte mal mich, mal die Kinder. Als die Cops da waren, sah ich schlimmer aus als nach meinem verlorenen WM-Finalkampf in Mixed Martial Arts. Valentina hatte mich grün und blau geschlagen.

Unser Leben mit Hartz IV

Maike und Jan kamen in die Klinik, sämtliche Verletzungen wurden dokumentiert. Täglich besuchte ich meine Kinder am Krankenbett. Ich erfuhr, dass sie in eine Pflegefamilie kommen sollen.

Während sich das Jugendamt und das Gericht mit dem Fall beschäftigten, durfte ich die Zwillinge einmal wöchentlich für zwei Stunden sehen. Wenn ich nicht zehn Monate lang um Maike und Jan gekämpft hätte, würden sie nun bei einem Ehepaar aufwachsen, das keine eigenen Kinder bekommen kann.

Valentina wurde wegen Kindesmisshandlung und Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Mir wurde das alleinige Sorgerecht zugesprochen. In meinem alten Beruf als Schlosser gelte ich als nicht vermittelbar: Ein alleinerziehender Vater kann keine Schichtarbeit leisten. Noch bis Ende des Jahres habe ich Elternzeit. Die Zwillinge und ich leben zurzeit von Hartz IV. Während sie im Kindergarten sind, mache ich eine Ausbildung zum Heilpraktiker. Das Schulgeld muss ich selbst aufbringen. Ich hoffe, dass ich in meinem neuen Beruf genügend verdienen werde, um Maike und Jan etwas bieten zu können.

Manchmal träume ich davon, dass ich eine Frau kennenlerne, die zu uns passt. Und manchmal habe ich Angst, dass ich untergehe.

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