“Mein Weg“ – außergewöhnliche Lebensläufe Wie ihre Hochbegabung vom Fluch zum Segen wurde

Angekommen: Henriette Stoll ist zu ihrem neuen Lebenspartner nach Heidelberg gezogen. Auch er ist ein Hochbegabter. Foto: Gottfried Stoppel

Nichts ist so spannend wie das wahre Leben. In einer Serie zeichnen wir die Geschichten von außergewöhnlichen Menschen auf. Heute: Henriette Stoll empfand ihre Intelligenz jahrzehntelang als Bürde – bis sie ein Treffen für Hochbegabte besuchte.

Heidelberg - Von außen betrachtet hatte Henriette Stoll alles, was ein Mensch zum Glücklichsein braucht: Familie, Freunde, einen guten Job. Doch sie fühlte sich eingeengt. Ein Intelligenztest, den sie eher zufällig machte, führte dazu, dass sie ihr Leben komplett veränderte. Die 52-Jährige sitzt in ihrem Wohnzimmer in Heidelberg und erzählt:

 

Wenn ich an meine Kindheit auf dem Land denke, dann riecht es nach Wald und nassen Wiesen. Ich war keine Stubenhockerin, mich zog es immer nach draußen. Ich baute Baumhäuser, spielte Fangen oder tobte auf dem Bauernhof meiner Freundin ausgelassen im Stroh herum.

Ich ging in eine Dorfschule in Nußdorf am Bodensee. Damals wurden die erste und die zweite Klasse in einem Raum und vom selben Lehrer unterrichtet. Vom ersten Schultag an war ich in Mathe die Beste, in Deutsch dagegen eine absolute Katastrophe. Ein fehlerfreies Diktat gehörte zu meinen Träumen, nicht zu meiner Realität. In der zweiten Klasse wurde es nicht besser: Den Mathestoff kannte ich schon, deswegen langweilte er mich im Unterricht, und in Deutsch standen weiterhin die Noten „ungenügend“ und „mangelhaft“ unter den Klassenarbeiten. Ich bekam Nachhilfe, aber auch das half nicht. Die Kinderärztin diagnostizierte Legasthenie.

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Von diesem Zeitpunkt an war meine Legasthenie bei uns zu Hause ständig Thema. Das belastete mich: Ich fühlte mich dumm. Ich bekam starke Bauchschmerzen und Medikamente, die dagegen helfen sollten. Ich wollte nicht mehr zur Schule gehen. Ein ganzes Jahr lang wuchs ich keinen einzigen Zentimeter mehr, der Kinderarzt meint, das käme vom Stress.

Der Kampf gegen die Langeweile

Ich glaube, die meisten Eltern wollen, dass ihr Kind etwas Besonderes ist, aber gleichzeitig auch ganz normal. Normal sein hat etwas Positives. So ein bisschen besonders ist gut, aber es darf nicht zu viel werden.

Unterbewusst war mir bereits damals klar, dass ich mich ganz weit abseits der Norm befinde. Ich habe mir aber gedacht, dass sich die Gesamtheit meiner Talente und Schwächen relativieren: in Mathe sehr gut, in Deutsch sehr schlecht, also im Grunde genommen „normal begabt“. Eine Hochbegabung bei diesen Noten – auf den Gedanken bin ich nicht gekommen.

Auf dem Gymnasium ging es so weiter. In naturwissenschaftlichen Fächern schrieb ich eine gute Note nach der anderen, in Deutsch und Englisch war ich die Schlechteste. Ich kam auf die Realschule. Die Noten waren auch ohne Einsatz relativ gut – aber diese Langeweile! Ich passte irgendwann im Unterricht nicht mehr auf, schaute auf die Uhr in der Hoffnung, endlich nach Hause gehen zu dürfen. Nachdem ich die mittlere Reife hatte, wollte ich dann auch noch das Abitur erreichen.

Intelligente Mädchen waren ungern gesehen

Ich entschied mich für ein technisches Gymnasium und dachte, dass ich mit meiner naturwissenschaftlichen Neigung nun endlich eine Schule gefunden hätte, in die ich passen würde. Aber intelligente Mädchen, wie ich eines war, wurden dort ungern gesehen. Es gab Lehrer, die mich rausmobben wollten: Sie machten Witze über meine Körpergröße, und auch Sprüche wie „Du heiratest ja eh irgendwann und wirst dann Hausfrau“ fielen.

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Gegen das traditionelle Frauenbild musste ich ständig ankämpfen – auch im Privatleben. Ich erinnere mich an eine Fahrradtour mit meinem damaligen Schwarm. Unterwegs ging mein Fahrrad kaputt. Der Junge meinte, er könne es reparieren, aber ich merkte, dass er keine Ahnung von der Technik hatte. Also nahm ich das Werkzeug in die Hände – und wir konnten nach wenigen Minuten weiterfahren.

Doch die Stimmung war nun gedrückt. Der Junge hatte schlagartig das Interesse an mir verloren. Ich vermute, dass es ihm peinlich war, dass ich das Fahrrad reparieren konnte und er nicht. Die meisten Männer haben ein Problem damit, wenn eine Frau geschickter oder schlauer ist als sie.

Im falschen Geschlecht geboren?

Nach dem Abitur studierte ich Physik, zunächst in Karlsruhe, dann in Kiel. An der Universität hatte ich endlich das Gefühl, richtig aufgehoben zu sein. Es wäre geradezu perfekt gewesen – wenn ich dort nicht wie eine Exotin behandelt worden wäre. Die paar Studentinnen an der Fakultät kannte jeder, während die jungen Männer in der Masse versanken. Die Professoren behandelten uns Frauen anders, besonders höflich und besonders rücksichtsvoll. Sie hielten mir zum Beispiel immer die Tür auf. Darüber habe ich mich damals ziemlich geärgert – den Jungs wurde die Tür ja auch nicht aufgehalten.

Ich dachte oft, ich sei nun mal mit dem falschen Geschlecht geboren worden. Mein technisches Interesse, mein rational mathematisches Denken – all das. Inzwischen weiß ich allerdings, dass diese Neigungen und diese Fähigkeiten nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Meine Probleme kamen schlichtweg daher, dass ich niemals bereit war, ein klassisches Rollenbild zu erfüllen.

Schon während des Studiums bekam ich meine beiden Kinder, mit 27 Jahren habe ich einen Geologen geheiratet. Zwischen uns traten dann schnell Spannungen auf. Er kam schwer damit zurecht, dass Rechthaben in unserer Ehe nicht gerecht verteilt war. Regelmäßig warf er mir vor, dass ich ja sowieso immer recht habe. Als die Stimmung immer schlechter wurde, habe ich versucht, mich dümmer zu stellen.

Am harmonischsten war unsere Ehe, als wir gemeinsam ein Eigenheim bauten. Ich habe alles geplant, skizziert und viel selbst gestaltet. Es war ein Passivhaus, das heißt, es hatte eine besondere Wärmedämmung, welche die herkömmliche Heizung ersetzte. Besonders außergewöhnlich war die Form: Das Gebäude war achteckig. Mit dem Hausbau hatte ich endlich eine Herausforderung, die mich glücklich machte. Während dieser Zeit war es mir auch egal, dass ich nicht so wie die anderen Mütter war.

Ein IQ-Test wird zum Wendepunkt

Dass ich anders war, merkte ich daran, dass meine Bekannten meinen Gedankensprüngen oft nicht folgen konnten. Sie redeten über den neuesten Klatsch und Tratsch. Ich habe mich immer wieder gefragt, was daran interessant sein soll. Ich hätte mich lieber mit ihnen über den Klimawandel oder soziale Gerechtigkeit unterhalten. Auch Small Talk beim Bäcker oder im Supermarkt sind für mich ein Horror und hochgradig anstrengend.

Als mein Sohn 14 war, wollte er einen Intelligenztest machen. Zufällig bot der Hochbegabten-Verein Mensa seinerzeit zwei IQ-Tests für den Preis von einem an. Mein Sohn und ich machten also beide den Test. Zwei Wochen später wurde ich von Mensa eingeladen, dem Verband beizutreten: Ich sei eine Hochbegabte. Irgendwie war mir das schon immer klar gewesen, aber jetzt hatte ich meinen genauen IQ-Wert. Schwarz auf weiß. Es war, als wäre ich die ganzen Jahre immer mit angezogener Handbremse gefahren, und nun hätte sie auf einmal jemand gelöst. Es lag nicht an der Zahl auf dem Papier, sondern an der Tatsache, dass ich mich nun mit meiner Hochbegabung auseinandergesetzt habe. Mein ganzes bisheriges Leben fühlte sich auf einmal falsch an.

In mir steckt ganz viel Potenzial

Nachdem ich das IQ-Test-Ergebnis hatte, wollte ich mich nicht mehr länger verstellen. Ich merkte, dass in mir ganz viel Potenzial steckt. Mit 43 fing ich an, Psychologie zu studieren – nicht, weil ich Psychologin werden wollte, sondern, weil ich verstehen wollte, was „normales Denken“ ausmacht.

Ich war ein völlig neuer Mensch, aber mein Umfeld veränderte sich nicht mit mir. In dieser Situation geriet ich in eine Krise: Ich wurde depressiv. Alles, was ich noch machte, war schlafen, essen und in meinem Beruf als Versicherungsmaklerin arbeiten.

Ich ließ mich von meinem Mann scheiden. 24 Jahre lang waren wir verheiratet. Es war eine friedliche Trennung, aber sie war nötig, denn wir taten uns gegenseitig nicht gut. Zwei Jahre lang ließ ich die Depression mein Leben bestimmen, dann nahm ich sechs Monate lang Antidepressiva und bekam damit mein Problem in den Griff.

Mein neues Leben

Ich machte mich auf die Suche nach neuen Erfahrungen. Ohne große Erwartungen ging ich zu einem Hochbegabten-Treffen. Dort behandelte mich keiner wie eine Fremde, ich war eine Gleiche unter Gleichen. Wir führen geniale, inspirierende Gespräche. Zum Beispiel haben wir mal ausgerechnet, ob die Gezeitenkraft mehr ausmacht als eine Fliege auf dem Kopf.

Nach und nach verlor ich den Kontakt zu meinen alten Bekannten. Ich verstand mich zwar gut mit ihnen, aber meine neuen Freunde verstanden mich besser. Ich konnte mit ihnen über die Probleme sprechen, die eine spät erkannte Hochbegabung mit sich bringt. Auch Depressionen und Ehekonflikte wurden thematisiert. Vielen ging es ähnlich wie mir.

Bei Mensa die Liebe gefunden

Mit einem Mensa-Mitglied habe ich mich besonders gut verstanden. Zuerst waren Martin und ich nur befreundet, aber schließlich haben wir uns ineinander verliebt. Ich bin zu ihm nach Heidelberg gezogen, und wir haben eine Firma gegründet, einen Online-Marktplatz für Unternehmen, die maßgefertigte Produkte herstellen. Ich bin die Geschäftsführerin, Martin der Geschäftsführer.

Wer von uns beiden den höheren IQ hat, kann ich nicht sagen. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz bei Mensa, dass man darüber nicht spricht. Jedenfalls liegt unser Intelligenzquotient über 130, ansonsten dürften wir nicht Mitglieder in dem Verein sein.

Inzwischen weiß ich, dass Hochbegabung nicht bedeutet, in allen Bereichen des Lebens gut zu sein. Ich bin heute eine stolze Frau. Es ist sicherlich kein Segen, stark von der Norm abzuweichen. Aber ich denke, jeder Mensch kann glücklich werden – vorausgesetzt, er findet das passende Umfeld für sich.

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