Kritik aus der Region Stuttgart CDU-Basis wünscht sich mehr Demut von ihrer Partei

Der Nürtinger CDU-Abgeordnete Michael Hennrich redet Klartext Foto: Ines Rudel/Ines Rudel
Der Nürtinger CDU-Abgeordnete Michael Hennrich redet Klartext Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Der Auftritt der CDU-Parteispitze und von Armin Laschet nach der Wahl provoziert Kritik an der Basis in der Region. Die Union müsse sich inhaltlich neu aufstellen, fordern viele. Und könne einiges von der FDP lernen.

Region: Kai Holoch (hol)
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Stuttgart - „Natürlich ist das eine große Enttäuschung und eine herbe Wahlniederlage.“ Thomas Bopp ist nicht nur Vorsitzender des Verband Region Stuttgart (VRS), sondern er ist auch CDU-Mitglied. So gesehen hat er, anders als viele Stuttgarter Parteifreunde an der CDU-Basis, am Sonntag nicht nur eine, sondern gleich zwei schmerzhafte Niederlagen hinnehmen müssen.

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Nicht nur, dass die Region nach dem Bürgerentscheid in Dettingen ihre Pläne beerdigen muss, am Hungerberg ein Hochtechnologie-Gewerbegebiet zu schaffen. Auch die Bundestagswahl hat Bopp wenig erfreut.

Staatsmännisches Auftreten wäre wünschenswert

Vor allem die Art und Weise, wie seine Partei und vor allem der Kanzlerkandidat Armin Laschet mit dem Wahlergebnis umgegangen sind, findet Bopp bedenklich: „Die CDU versteht es doch normalerweise, wirklich staatsmännisch aufzutreten. Das sollte sie nun auch in der Niederlage tun.“ Für Bopp ist klar, dass zunächst Olaf Scholz den Auftrag hat, eine Regierung zu bilden: „Wenn ihm das nicht gelingt, dann sollten wir natürlich bereit sein, Verantwortung zu übernehmen“, sagt der VRS-Chef.

Dennoch nimmt Bopp Laschet in Schutz: „Sicher sind da auch ärgerliche Patzer im Wahlkampf passiert. Aber ich bin mir sicher, dass er als Kanzler hätte reüssieren können.“ Bedauerlich sei, dass Bundestagswahlen immer mehr zu Persönlichkeitswahlen mutierten – und ihren eigentlichen Sinn, ein Parlament zu wählen, verlören.

Verärgert über den Wahlkampf

Deutlich schärfer geht Michael Hennrich mit seiner Partei und dem Kandidaten fürs Kanzleramt ins Gericht: „Natürlich bin ich erleichtert über den Wahlausgang für mich persönlich“, sagt der CDU-Mann, dem es im Wahlkreis Nürtingen erneut gelungen ist, das Direktmandat zu erobern. „Ich bin aber sehr verärgert über den Verlauf. Noch nie hat es einen so unrunden Wahlkampf der CDU gegeben wie in diesem Jahr.“

Schon die Kandidatenkür sei schwierig gewesen, und bei der Kandidatenwahl habe man einen Fehler gemacht. Das Auftreten Laschets am Wahlabend findet Hennrich zudem höchst fragwürdig: „Ich glaube, ein bisschen mehr Demut wäre gut gewesen. Er hätte zumindest sagen müssen, dass die CDU die Wahl verloren hat, und dass deshalb das Heft des Handelns nun zunächst nicht mehr in unserer Hand liegt.“

Inhaltliche und personelle Veränderungen sind notwendig

Sein langjähriger Bundestagskollege Eberhard Gienger ist vorsichtiger in der Wortwahl: „Es muss aber allen klar sein, dass nun inhaltlich und personell Veränderungen in der CDU notwendig sind.“ Alle Schuld dem Kandidaten Laschet zu geben, sei unfair.

Das unterschreibt auch Roland Klenk, der Oberbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen: Zwar sei Armin Laschet nicht sein Wunschkandidat gewesen: „Aber der Niedergang der CDU hat ja nicht erst im Januar 2021 begonnen. Vielmehr hat Angela Merkel in den vergangenen acht Jahren in erheblichem Maße dazu beigetragen, dass die Werte der CDU bis zur Unkenntlichkeit verwischt worden sind.“ Klenk: „Ich finde, dass es unserer Partei beim dringend notwendigen Erneuerungsprozess nicht schadet, ein paar Jahre in die Opposition zu gehen.“

Vergleichsweise entspannt konnte Matthias Miller den Wahlabend verfolgen. Der 30-Jährige aus dem Kreis Böblingen ist bei den Landtagswahlen erfolgreich gewesen. Aber auch er spart nicht mit Kritik. „Auch wenn wir in der Region alle Direktmandate gewonnen haben, so führt doch nichts daran vorbei, dass wir ein katastrophales Ergebnis sowohl bei den Erststimmen, vor allem aber bei den Zweitstimmen erzielt haben.“

Für was steht die CDU?

Daran sei nicht nur der Kanzlerkandidat schuld. Die Partei sei auch inhaltlich viel zu beliebig gewesen und habe leichtfertig eigene Positionen aufgegeben. Miller: „Wir müssen uns jetzt selber fragen: Für was treten wir eigentlich ein? Ich habe den Eindruck, dass viele Wähler überhaupt nicht gewusst haben, für welche Werte sich die CDU stark macht.“ Da gebe es auch erhebliche Defizite in Sachen Kommunikation. „Da können wir beispielsweise von der FDP viel lernen.“




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