Meipariani im Laboratorium Nachtgedanken aus dem alten Tiflis im Osten

Von Armin Friedl 

Die georgische Musikerin Russudan Meipariani stellt an diesem Samstag im Laboratorium ihre CD „Night Songs from an old City“ vor

Natalie und Russudan Meipariani mit Giga Khelaja Foto:  
Natalie und Russudan Meipariani mit Giga Khelaja Foto:  

Stuttgart - Die Nacht hat viele interessante Seiten: Was vom Taglicht grell ausgeleuchtet wird, bleibt im Dunkeln im Ungefähren. Schroffe Ecken, öde Flächen, unansehnliche Architektur-Arrangements – die Dunkelheit verschluckt vieles, verschleiert, lässt es im Ungefähren.

Das beflügelt die Fantasie, die Gedanken. Und wenn dann vor allem in den Städten zu vorgerückter Stunde der allgegenwärtige Lärm der Menschen und Fahrzeuge nachlässt: Gerüche werden deutlicher, Geräusche . . . woher könnten sie wohl kommen, wer macht da was?

Die georgische Musikerin Russudan Meipariani hat viele solche Erinnerungen, als sie noch in Tiflis, der Hauptstadt von Georgien lebte: Eine erfüllte Zeit, eine unruhige Zeit, eine Zeit der Enttäuschungen.

Die Enttäuschungen über das weitgehende Ausbleiben von größeren politischen und gesellschaftlichen Änderungen in Georgien hat Meipariani heute offensichtlich weitgehend abgehakt, geblieben sind ihre Erinnerungen an die Nächte in Tiflis. Und die Erinnerungen an die Musik und die Gedanken, die sie sich damals gemacht hat.

Eine bizarre und versponnene Welt

„Night Songs from an old city“ heißt folgerichtig ihre aktuelle CD, die sie an diesem Samstag von 20.30 Uhr an im Laboratorium vorstellt. Die Zuhörer werden da entführt in eine bizarre und versponnene Welt von Nachtgedanken, die freilich weniger bedrohlich daherkommt, sondern eher kontemplativ und vor allem sehr persönlich. Schon im Linden-Museum hat Meipariani die Leute in ihrem Konzert in eine Welt entführt, in der die vertrauten Zeit-Schemata keine Rolle mehr spielen. Das erinnert schon etwas an minimal music mit den vielen Wiederholungen und Variationen im Kleinen. Dies ist getragen von einem tonalen Wohlklang, der zwar das Empfinden ausreizt, aber nicht sperrig wird, also atonal.

Außergewöhnlich dazu ist ihr Gesang, der sehr frei einsetzt und sich dann doch wie ein zartes Gespinst zu der Musik fügt. Mal ist es freier Gesang, mal eigens verfasste Texte, mal ist es Lyrik ihrer Heimat. Begleitet wird sie von ihrer Schwester Natalie (Violine, Gesang) und ihrem Schwager Giga Khelaia (Violoncello). „Das beschreibt die Sehnsucht nach einer anderen Welt“, sagt Russudan Meipariani. „Man könnte auch sagen: Das ist die Chronik einer Sehnsucht oder Erinnerungen an einen unvergleichlichen Ort.“

Viel drin im Klavier

Fremd und vertraut zugleich – das passt in vieler Hinsicht. Eine Zeit lang hat Russudan Meipariani auch im norwegischen Oslo studiert, hat dort Gesänge aus Litauen studiert. Auch diese klingen in vieler Hinsicht ungewöhnlich für unsere Ohren, aber nicht völlig befremdlich.

Und dann das Klavierspiel selbst: Das schnarrt und klappert immer mal; dann beginnt ein Ton mal ganz gut im Klang, will sich aber dann doch nicht so wirklich entfalten. Russudan Meipariani hat dazu die Saiten im Innern des Instruments mit allerlei Gegenständen belegt. Das ist eine Technik, die der amerikanische Musiker John Cage gegen 1940 salonfähig gemacht hat, indem er mit Nägeln, Papier, Radiergummis und vielem anderem den vertrauten Klavierklang verfremdet hat. Das sieht ziemlich verwirrend aus, folgt aber einem ausgeklügelten Plan. Der ist wiederum ein Beleg dafür, dass bei Meipariani diese Musik weniger improvisiert ist, sondern genau durchkomponiert. „Anfangs habe ich viele Stunden benötigt, um das so zu bekommen, wie ich es will“, erinnert sich die Musikerin. „Aber heute habe ich da ganz gut Übung drin. Da bin ich auch sehr vorsichtig, ich will dem Instrument da keinen Schaden zufügen. Ich verwende ausschließlich Dinge, die auch beim Stimmen von Klavieren verwendet werden.“ Das Resultat klingt manchmal wie eine Spieluhr.

Film „Mandragora“ von Monika Nuber

Speziell im Laboratorium spielt das Trio außerdem erstmals die Musik zu dem Animationsfilm „Mandragora“ von der Stuttgarterin Monika Nuber, der dazu natürlich parallel gezeigt wird. Das dürfte gut zusammenpassen, denn Mandragora oder die Gemeine Alraune ist ein Nachtschattengewächs mit einer jahrhundertealten kulturgeschichtlichen Tradition als Zauberpflanze, die schon aus der Antike überliefert ist.

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