In Neuhausen (Kreis Esslingen) herrschen in der fünften Jahreszeit die Narren. Bei ihren Prunksitzung geht es laut, lustig und offenherzig zu. Ein Blatt vor den Mund nahm niemand.

In kaum einer Gemeinde ist die fünfte Jahreszeit so wichtig wie in Neuhausen. Der Verein, der die Lust auf die Fastnacht in ein organisatorisches Fahrwasser bringt, ist der Narrenbund. Immerhin kann er auf 60 Jahre Erfahrung zurückblicken. Dieser Erfahrungsschatz, gewürzt mit Witz, Charme, Anmut und Akrobatik, entfaltet sich in einer großartigen Show, die mit den vier Prunksitzungen in der Egelsee-Festhalle zelebriert wird. Zwei der Prunksitzungen wurden am Wochenende abgehalten, zwei weitere folgen am Freitag und Samstag.

 

Fast 500 Gäste erlebten zum Auftakt am Freitagabend ein abwechslungsreiches Programm. Ob Büttenrede, Gardetanz oder Spektakel – die Begeisterung im Publikum war groß. Zum Schluss erhoben sich alle und sangen – ein traditioneller Höhepunkt – das Neuhausen-Lied, das die allermeisten auswendig kannten. Wer nicht, für den lag der Liedtext auf dem Tisch. Hier die wichtigsten Eindrücke:

Das Publikum

Das Publikum ist der eigentliche Star bei der Prunksitzung. Ausgelassenheit beschreibt den Zustand der vielen Gäste vielleicht am besten. Alle kamen in Kostümen, keiner hatte seine gute Laune zu Hause gelassen. Und die Gäste kannten die Regeln: Wenn zum Ausmarsch von Akteuren geblasen wurde, stand es auf – und die Künstler durften dann durch das applaudierende Spalier des Publikums die Halle verlassen.

Die Bühnenshow – der Beginn

Knapp vier Stunden Programm verging im Flug. Am Beginn – was sein muss, muss sein – stand ein Begrüßungsritual, durchaus ernsthaft, aber nicht so trocken wie es etwa bei politischen Veranstaltungen der Fall ist.

Aber die Fasnet bewegt sich in einem festen Rahmen mit verschiedenen Verantwortlichkeiten und Rollen wie den Prinzenpaaren oder dem Elferrat. Ohne diesen Rahmen wären die Veranstaltungen, die von Ehrenamtlern getragen werden, nicht zu stemmen. Im Mittelpunkt: das Prinzenpaar Stefanie I. und Bastian I. Das sind aber nur zwei unter vielen, die dieses Ereignis ermöglichen. Einige dieser Menschen wurden während der Begrüßung genannt.

Reden oft mit ernstem Hintergrund

Das war aber nur so etwas wie der Prolog: Mit dem Einmarsch der Teilnehmenden stieg die Stimmung das erste Mal auf volle Betriebstemperatur. Danach – nur noch Unterhaltung pur, fluffig moderiert von Markus Novak, Timo Samel und Olivia Schönecker. Einige Büttenredner nahmen, wie sollte es für Narren anders sein, eine gewisse Prüderie in der Gesellschaft aufs Korn, was den Gebrauch von Wörtern angeht. Entsprechend hoch war die Ansammlung von möglicherweise politisch nicht ganz korrekten Ausdrucksweisen in den knapp vier Stunden Programm.

Immer wieder auch politische Anspielungen, die in alle Richtungen austeilten. Auch kommunale Ereignisse in Neuhausen gelangen in die Texte – die meisten im Saal wussten, was gemeint ist, die Gaudi war entsprechend groß.

Wer die Insider nicht verstand oder als Reigschmeckter des Hochschwäbischen, wie es in Neuhausen gesprochen wird, nicht ganz mächtig ist, fragte einfach seine Nachbarn am Tisch – mit Antworten wurde nicht gegeizt. Herausragend: Die Tänze und Darbietungen der Tanzmariechen, der Garden und der Brauchtumsgruppen. Was kein Zufall ist, denn Preise heimsen die Gruppen massig ein. Weniger im Vordergrund stehen die Trainerinnen und Trainer – ihr Geschick und ihre Mühen manifestierten sich dennoch auf der Bühne.

Brauchtum, Garden, Tanzmariechen – Prunkstücke der Prunksitzung

Was die Hästräger betrifft. Das Tanzen mit Maske und schweren Kostümen hat es in sich. Die Tänzerinnen und Tänzer sehen wenig und sind alles andere als luftig angezogen. Dennoch sehen ihre Bewegungen für Außenstehende leicht und grazil aus, die Abstimmung mit den anderen Tänzern passte perfekt. Eine der jüngsten Tänzerinnen ist die neunjährige Annika Hirschberg. Sie war mit der Kindergarde bei den Deutschen Meisterschaften in Hannover – die Mädchen schafften es unter die Top Zehn.

„Das war toll“, schwärmte Annika, die zwei Mal in der Woche trainiert und oft auch an Wochenenden übt. Warum? „Es macht einfach nur Spaß.“

Garde mit Würde und Kostüm: Auch die Fastnacht in Neuhausen bewegt sich zwischen festen Regeln. Aber meistens gilt: Auch über sich selbst darf man sich lustig machen. Foto: Thomas Kaltenecker
Annika mit ihren Eltern Tabea und Alexander Hirschberg. Foto: Thomas Kaltenecker

Ihr Vater ist stolz, das Narrentum liegt auch ihm im Blut. An diesem Abend ist der als Discokugel verkleidet. Er ist „eigentlich Rheinländer“, berichtet er, als solcher ist ihm die Fastnacht wohlbekannt. In Stuttgart engagiert er sich aktiv bei den „Rheingeschmeckten“ – einem Verein von „Freunden der rheinischen Lebensart“. Dass er in Neuhausen gut aufgehoben zu sein scheint, ist ihm und seiner Familie anzumerken.

Der Narrenbund Neuhausen

NBN
Wichtige Vereine, Parteien und Einrichtungen brauchen eine Abkürzung: Der Narrenbund Neuhausen heißt deswegen auch NBN. Er wird in diesem Jahr 60 Jahre alt, denkt aber noch lange nicht daran, in Rente zu gehen. Gegründet wurde er von „ein paar alten Narren“, wie der NBN selbst einräumt. Daraus entwickelte sich über die Jahrzehnte etwas Großes.

Aktivitäten
Außer den vier Prunksitzungen gibt es allein in diesen Tagen den Kinderhallen-Fasnet, den Hexentanz, die Narrenmesse, wo der Pfarrer in gereimter Form predigt, ein Umzug, ein Kinderumzug und eine Narrenparty – nachzulesen auf der Webseite des Narrenbundes. Gefeiert wird schon seit dem 11.11.: An diesem für alle Narren so wichtigen Tag findet in Neuhausen die erste große Prunksitzung der fünften Jahreszeit statt.