„Meistersinger“ an der Staatsoper „Sprache kann brandgefährlich werden“

Björn Bürger als Sixtus Beckmesser (l.), Martin Gantner als Hans Sachs Foto: Staatsoper/Matthias Baus

Am Samstag feiern „Die Meistersinger von Nürnberg“ Premiere an der Stuttgarter Staatsoper. Die Regisseurin Elisabeth Stöppler sieht eine besondere Relevanz des Stücks in dieser Zeit.

Elisabeth Stöppler inszeniert an der Stuttgarter Staatsoper Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“. Ein Gespräch vor der Premiere an diesem Samstag.

 

Frau Stöppler, an diesem Samstag hat Ihre Inszenierung von Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ Premiere. Eine Oper, die ideologisch schwer belastet ist. Sie feiert zwar Kunst, Gemeinschaft und Kreativität. Aber Kunst wird als genuin „deutsch“ definiert, vermeintlich „Fremdes“ wird ausgegrenzt. Die Beckmesser-Figur kann man als antisemitische Karikatur verstehen. Und eine Frau dient als Preis für einen Männer-Gesangswettbewerbs. Mögen Sie das Stück?

Mich verbindet eine Hass-Liebe mit dem Werk Richard Wagners. Gerade dieses Stück ist ein multikomplexes Monster. Es hat mich auf unterschiedlichsten Ebenen zugleich gereizt und abgestoßen, irritiert und berührt. Für mich waren die Figuren die Einstiegsdroge. Sie verdienen eine Chance. Es bringt ja nichts, sie einfach alle als Idioten und alles als total faschistoid abzutun. Mich interessiert an dieser Oper vor allem ihre Rezeptionsgeschichte – eines musikalischen Überwältigungstheaters, das Hitler und Co., insbesondere Leni Riefenstahl als Inszenatorin von Hitlers Reichsparteitag, in die Karten gespielt hat. Man übernimmt mit dem Stück deshalb eine besondere Verantwortung. Weil es eben wie kein anderes mit dieser deutschnationalen Vergangenheit verbunden ist.

Elisabeth Stöppler Foto: Staatsoper/Sandra Then

Wie sind Sie denn an die „Meistersinger“ herangegangen?

Wir haben uns im Team zunächst akribisch damit auseinandergesetzt, was das typisch Deutsche in diesem Stück ist. Wir kamen zu dem Schluss: die Besessenheit der Figuren, das Pathos, die Art, mit Sprache umzugehen, die penible Genauigkeit, das Diktat von Disziplin und Ordnung, die Verstiegenheit, der spezifische Witz. Das alles kann umkippen, gefährlich und plötzlich nationalistisch werden. Gerade aufgrund der politischen Weichen, die sich in Deutschland aktuell wieder stellen, sehen wir in den „Meistersingern“ ein wichtiges Stück für unsere Zeit.

Was steht im Zentrum Ihrer Inszenierung an der Stuttgarter Staatsoper?

Die Bedeutung der Sprache, des Schreibens, die Besessenheit für die Literatur, die alle Figuren teilen. Auch das empfinden wir als sehr deutsch. Hans Sachs ist Schuhmacher und verdient damit sein Brot, aber eigentlich will er Poet sein. In unserer Produktion teilt Eva diese Leidenschaft. Sachs infiziert auch Walther von Stolzing, sodass dieser am Ende sogar viel lieber in den Parnass, den Dichterhimmel, aufsteigen und berühmt werden will als Eva zu heiraten. Es gab mal die Idee, die Meistersingergilde als Gruppe 47 darzustellen – diese Schriftstellervereinigung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg um einen neuen, nicht manipulierbaren Ton bemüht hat. Wir haben das verworfen, aber Leute wie Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki oder Günther Grass stecken nun trotzdem drin in den Meistersingern. Nerds, die das hochhalten, was ihnen am allerwichtigsten ist: eben die Sprache. Dabei bleiben sie alle todernst und wirken dadurch manchmal rasend komisch.

Wo spielen denn die „Meistersinger“ bei Ihnen? Im Heute oder Gestern?

Wir zeigen Nürnberg als einen modellhaften deutschen Ort. Wir haben einen Raum entworfen, der wächst: Wir beginnen auf einer Baustelle mit Holzgerüst und Maibaum, dann wird das Ganze nach und nach eingeklinkert, verputzt, betoniert: Eine zunächst luftige, flirrende Idee – im Sinne von Kunst als gesellschaftskonstituierende Kraft und Utopie – wird im Laufe der Zeit verdichtet, eingeordnet, begrenzt. Der Raum mutiert zu einem Ort, der heute gleichzeitig Ausflugsziel, Mahnmal und Veranstaltungsort ist: nämlich zur Zeppelintribüne auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände. Auch die Kostüme sind modellhaft: Anzug, Weste, Kragen, Binder, Rüschenbluse. Das trug man in der Nachkriegszeit, und das findet man auch heute noch im mittelständischen Kleinstadtbild.

Wagner hat seine „Meistersinger“ ja ausdrücklich als „komische Oper“ bezeichnet. Was darin ist lustig?

Der deutsche Witz ist scharf, schlagfertig, pointiert, aber wenig charmant, oft gehässig, abwertend und auf Kosten anderer. Auch in dieser Oper wird durch Witz erniedrigt, sich über jemanden erhoben. Das prägt auch die Beziehung zwischen den Konkurrenten Sachs und Beckmesser. Wir haben versucht, sie auf Augenhöhe zu inszenieren, also Sachs nicht als die souveräne Gestalt und Beckmesser nicht als lächerliche Karikatur darzustellen. Beckmesser ist bei uns auch der eigentliche Wettbewerbsgewinner: Mit seinem Lied und seinem kryptischen, dada-ähnlichen Text kann er Eva letztlich nämlich berühren.

In Wagner-Opern kommen die Frauen meist schlecht weg. In den „Meistersingern“ ist Eva als Preis-Objekt toxischer Männerbündelei ausgeliefert. Sie hat auch wenig Redeanteil, ist verdammt zu Passivität. Wie gehen Sie mit dieser Figur um?

Wir haben sie aufgewertet und ihr eine Passion gegeben. Sie ist die einzige Figur, die auf dem Weg ist, mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie ist der Gegenentwurf zu den Männern, die entscheiden, was richtig und gut oder falsch und unwert ist. Das ist ja auch so eine deutsche Unart, immer diese Beurteilungsmaschinerie anzuwerfen und Personen nach ihrer Leistung und nicht nach ihrem Charakter zu bewerten. Bei uns ist es Eva, die das Preislied für Walther schreibt, nicht er selbst. Und sie ist es, die Sachs’ finaler, nationalistischer Brandrede etwas entgegenzusetzen hat. Sie schreibt einen Text, der dann ins Schlussbild projiziert wird. Es ist ein Gedicht aus dem Jahr 1948 von Nelly Sachs: „Völker der Erde“, in dem die Dichterin eindringlich davor warnt, Sprache als zerstörerische Waffe zu gebrauchen. Eva hat damit das letzte Wort: Die Wirkung von Sprache darf nicht unterschätzt werden. Sie kann brandgefährlich werden, wie man aktuell an der Rhetorik der neuen Nationalen beobachten kann.

Preisgekrönte Opernregisseurin

Vita
Opernregisseurin Elisabeth Stöppler, geboren 1977 in Hannover, studierte Klavier an der Musikhochschule Hannover, Schauspiel in Rom und Musiktheaterregie in Hamburg. Von 2014 bis 2022 war sie Hausregisseurin am Staatstheater Mainz. Für ihre Inszenierung von Richard Wagners „Götterdämmerung“ am Theater Chemnitz erhielt sie 2019 den Theaterpreis „Der Faust“. 2024 inszenierte sie an der Staatsoper Stuttgart die Uraufführung von Bernhard Langs Oper „Dora“.

Premiere
Die Premiere der „Meistersinger von Nürnberg“ in der Stuttgarter Staatsoper beginnt am Samstag, 7. Februar, um 16 Uhr. Weitere Vorstellungen: 15. Februar sowie 1., 8., 14. und 22. März.

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