Melanie Diener Waiblinger Opernstar: „Musik braucht keine Übersetzer“
Die Sopranistin Melanie Diener nutzt das „Instrument des Jahres 2025“ – die Stimme. Im Interview erzählt sie, wie sie Sängerin wurde und warum dieses Instrument so besonders ist.
Die Sopranistin Melanie Diener nutzt das „Instrument des Jahres 2025“ – die Stimme. Im Interview erzählt sie, wie sie Sängerin wurde und warum dieses Instrument so besonders ist.
Die Stimme ist das „Instrument des Jahres 2025“. Eine spannende Wahl, gilt sie doch als das „älteste Instrument der Welt“ und ist einzigartig. Die Sopranistin Melanie Diener, die diese Woche in Waiblingen Nachwuchstalente in Operngesang unterrichtet, verrät, was sie von der Wahl hält und wie sie sich auf die Internationale Opernwerkstatt auswirkt.
Frau Diener, dass die Stimme zum Instrument des Jahres erkoren wurde, war für viele eine Überraschung, weil sie die Stimme nicht als Instrument wahrnehmen. Was macht die Stimme zum Instrument?
Viele Menschen denken beim Wort „Instrument“ automatisch an etwas, das man in der Hand halten oder in einen Koffer packen kann. Die Stimme passt da schlecht rein – höchstens in den Hals. Aber rein musikalisch erfüllt sie alle Kriterien: Sie erzeugt Töne durch Schwingung (Stimmbänder), sie lässt sich durch Technik formen, sie hat Klangfarben und Dynamik. Eigentlich ist sie das persönlichste aller Instrumente, denn sie ist Teil von uns.
Bei Instrumenten ist Mechanik verantwortlich für den Klang, er wird vom Material beeinflusst. Was können wir bei der Stimme tun, um ihren Klang zu verbessern? Wo stößt sie an ihre Grenzen?
Ja! Es geht, den Klang zu verbessern. So wie man bei einem Klavier stimmt und bei einer Geige den Bogen neu bezieht, können wir auch an unserer Stimme „stimmen/tunen“. Mit Atmung, Haltung, Resonanzräumen und guter Technik lässt sich der Klang heller, voller oder tragfähiger machen. Grenzen hat die Stimme natürlich auch – man wird aus einem Frosch nicht plötzlich eine Nachtigall machen. Aber innerhalb des eigenen Stimmfachs ist erstaunlich viel möglich.
Wann ist die Stimme Instrument und was ist anders, wenn sie „nur“ als Organ zur Verständigung eingesetzt wird?
Wenn wir „nur“ sprechen, ist die Stimme unser Werkzeug zur Verständigung. (Allerdings sind wir die einzige Spezies, die sprechen kann.) Wird sie aber bewusst eingesetzt – mit Klanggestaltung, Rhythmus, Ausdruck – verwandelt sie sich ins Instrument. Der Unterschied ist vielleicht wie zwischen „laufen“ und „tanzen“: Die Beine sind die gleichen, aber die Absicht macht’s.
Sie sind ausgebildete Sängerin – kann man Stimmbildung mit Geigen- oder Klavierunterricht vergleichen?
Ja, man kann Stimmbildung durchaus mit Geigen- oder Klavierunterricht vergleichen. Wie bei der Geige müssen wir lernen, feinste Bewegungen zu koordinieren, und wie beim Klavier üben wir Tonleitern, Technik und Ausdruck. Der kleine, aber feine Unterschied: Niemand kann sich beim Üben eine neue Stimme kaufen. Ein Ersatzinstrument ist nicht drin – wir tragen unseres ein Leben lang bei uns.
Wird die Tatsache, dass die Stimme Instrument des Jahres ist, bei der Opernwerkstatt Thema sein und eine besondere Rolle spielen?
Natürlich! Wenn die Stimme schon einmal so prominent geehrt wird, dann lassen wir sie auch ordentlich hochleben. Es wird also ganz bestimmt thematisch und musikalisch kleine „Stimm-Überraschungen“ im Programm geben. Vielleicht sogar ein augenzwinkernder Hinweis darauf, dass selbst ein Opernsänger manchmal gern eine „Pausentaste“ hätte.
Wann wurde Ihnen bewusst (gemacht), dass Ihre Stimme ein Instrument ist?
Am Anfang stand für mich die Begleitung von Laiensängerinnen. Ich habe sie am Klavier unterstützt und ihnen die Melodien vorgesungen, damit sie leichter den Einstieg fanden. Dabei hat mich berührt, wie viel Mut und Freude in ihren Stimmen steckte – trotz Unsicherheiten oder Brüchen im Klang. Eine von ihnen nahm mich schließlich mit zu ihrer Gesangslehrerin. Dieser Moment war wie eine Tür, die sich öffnete: Plötzlich bekam ich Einblicke in eine ganz neue Welt, in der die Stimme nicht nur Trägerin von Worten, sondern selbst ein Instrument ist. Da habe ich gespürt: Das ist mehr als „Reden in schön“. Die Stimme hat Kraft, Klangfarben, Tiefe – sie ist so vielseitig wie eine Flöte, so expressiv wie eine Geige, und doch unverwechselbar, weil keine Stimme der anderen gleicht. In diesem Augenblick habe ich verstanden: Meine Stimme ist nicht nur ein Teil von mir – sie ist mein Instrument.
Der Stimme kommt in unruhigen Zeiten wie den aktuellen eine besondere Bedeutung zu; sie kann Grenzen überwinden, seien sie kultureller, sprachlicher oder geografischer Art. Wie erleben Sie als Sängerin persönlich das Jahr 2025?
Gerade in Zeiten, in denen die Welt aus den Fugen scheint, ist es besonders bewegend, mit der Stimme Brücken zu bauen. Musik braucht keinen Übersetzer – eine Melodie versteht jeder.
Proben
Die öffentlichen Proben der Internationalen Opernwerkstatt im Bürgerzentrum Waiblingen kann man am 16. und 17. September von 10 bis 13 Uhr und von 14 bis 17 Uhr besuchen. Ein Tagesticket kostet zehn Euro. Es gibt auch einen Livestream auf Youtube. Das Abschlusskonzert ist am 20. September, 20 Uhr, im Bürgerzentrum Waiblingen.
Auszeichnung
Melanie Diener wurde vom Tourismusverein Remstal Tourismus zur „Remstälerin des Jahres 2025“ ausgezeichnet. Die Auszeichnung bekommen Menschen, die sich um das Remstal verdient gemacht haben und als Botschafter für die Region fungieren.