Melodien aus Vietnam in Stuttgart-Plieningen Der Klang der Heimat dient als Öffnung nach außen

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Die Vietnam Community Stuttgart lädt zu einem Musikabend ins Gemeindezentrum Padua in Stuttgart-Plieningen ein. Warum es dort nicht Karaoke gibt, erzählen die Veranstalter hier.

Sie organisieren den Musikabend (v.l.): Gabriele Lai Dinh, Duyen Lai Dinh, Dao Yu und Hong-An Duong. Foto: Sabine Schwieder
Sie organisieren den Musikabend (v.l.): Gabriele Lai Dinh, Duyen Lai Dinh, Dao Yu und Hong-An Duong. Foto: Sabine Schwieder

Pieningen - Ein bisschen müssen sie über ihren Schatten springen und die sprichwörtliche Zurückhaltung der Asiaten aufgeben, wenn Duyen Lai Dinh, Hong-An Duong und Dao Yu zum ersten Mal ein Konzert organisieren. Unter dem Titel „Der Klang der Heimat – Volkslieder aus Vietnam“ wird am Samstag, 18. November, um 19 Uhr zu einem „Fest der Vielfalt“ ins katholische Gemeindezentrum Padua in Plieningen eingeladen. Veranstalter ist die vor wenigen Jahren entstandene Vietnam Community Stuttgart. Zu erwarten ist eine vierköpfige Musikgruppe aus Hannover mit dem Namen Ai Thanh, die auch das deutsche Publikum mit der Musik ihres Heimatlandes vertraut machen möchte.

Zwei ältere Herren mit ähnlicher Biografie

Duyen Lai Dinh und Hong-An Duong sind zwei ältere Herren mit einer ähnlichen Biografie. „Wir sind vor einer Ewigkeit nach Deutschland gekommen“, erzählt Duyen Lai Dinh, dessen Vorname sich wie Dsün aussprechen lässt. Wie Hong-An Duong auch (sein Nachname wird ausgesprochen wie Jung) ist der Initiator der Vietnam Community Stuttgart im Norden Vietnams aufgewachsen. 1954 flüchtete er mit seiner Familie in den Süden und kam 1962 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Deutschland. In Hohenheim studierte er Landwirtschaft und bis zu seiner Pensionierung hat er an der hiesigen Uni gearbeitet. Sein Freund Hong-An Duong hat in Hohenheim Lebensmitteltechnologie studiert und bis zu seinem Ruhestand bei der schwedischen Firma Tetra Pak in Stuttgart gearbeitet.

Die Unterdrückung durch die Kommunisten hautnah erfahren

Ihre jüngere Kollegin Dao Yu (Yu wird wie Wu ausgesprochen) hat ganz andere Erfahrungen gemacht. Sie ist in einer katholischen Familie in Saigon aufgewachsen und wurde von ihren Eltern in ein französisches Internat geschickt. „Von den Nonnen dort wurde ich gedrillt, die Füße zu heben“, erinnert sie sich an die strenge Atmosphäre an der Schule.

Als Kind hat Dao Yu die Unterdrückung durch die Kommunisten hautnah miterleben müssen, und nur durch harte Büffelei schaffte sie es, weiterhin zur Schule zu gehen, als sich die Franzosen aus dem Land zurückzogen. Im Alter von 18 Jahren kam sie 1980 im Rahmen der Familienzusammenführung nach Baden-Württemberg. Was die drei erlebt haben, hat sie dazu gebracht, sich für ein offenes Deutschland einzusetzen. „Aber es ist auch unser Anliegen, die hier lebenden Vietnamesen besser zu integrieren“, sagt Duyen Lai Dinh. Um einen Ansprechpartner für Behörden zu schaffen, haben er und seine Mitstreiter vor etwa vier Jahren die Vietnam Community Stuttgart gegründet. Einmal im Monat treffen sie sich im katholischen Gemeindezentrum Padua am Wollgrasweg. Bislang wurden vor allem Vortragsabende, meist auf Vietnamesisch, angeboten.

Asiaten sind in der Öffentlichkeit unsichtbar

Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum die drei die Community für wichtig halten. „In der Öffentlichkeit“, so sagt Duyen Lai Dinh, „ist der Eindruck entstanden, dass die Asiaten in Deutschland unsichtbar sind. Man kennt sie höchstens aus der Gastronomie“. Das habe auch damit zu tun, dass Asiaten, und insbesondere Vietnamesen, gerne unter sich blieben. „Sie sind zurückhaltend, wollen möglichst nicht auffallen“, beschreibt es Hong-An Duong. Es sei an der Zeit, mit anderen in Kontakt zu kommen, und ein Musikabend wie dieser ist die beste Gelegenheit dazu.

Volksmelodien statt Karaokesingen

Wenn sich Vietnamesen zu Feiern treffen, so erzählen die beiden älteren Herren amüsiert, dann gebe es oft Karaokesingen mit Schlagern. „Aber das ist keine typische vietnamesische Musik“, sagt Hong-An Duong, der den Kontakt zu der hannoveranischen Gruppe hergestellt hat. Ai Thanh besteht aus einem Mann und drei Frauen, die schon allein durch ihre Kleidung die Landesteile Vietnams repräsentieren und Wert darauf legen, die noch immer zu spürende Trennung zwischen Nord- und Süd-Vietnam zu überwinden.

Für ein Vorgespräch zum Konzert hat auch Duyen Lai Dinh sein traditionelles Áo dài angezogen, ein Kleidungsstück, das wörtlich übersetzt „langes Oberteil“ bedeutet. Es besteht aus einem knie- oder knöchellangen, auf beiden Seiten bis über die Hüfte hochgeschlitzten Seidenkleid, unter dem lange, weitgeschnittene weiße Seidenhosen getragen werden.

Als Mischehen noch ungewöhnlich waren

„Als ich in den 90er Jahren zum ersten Mal in Vietnam war, hatten noch alle Schülerinnen das Áo dài an“, erinnert sich Gabriele Lai Dinh. Die blonde Schwäbin hat ihren Mann 1964 kennengelernt, 1968 haben die beiden geheiratet. „Es war zwar die Flower-Power-Zeit, aber es gab damals noch nicht viele Ausländer hier“, erzählt Gabriele Lai Dinh. Sie sei durchaus angefeindet worden, als sie ihren „Japaner“ heiratete. „Das ist schon lange kein Problem mehr“, sagt die Birkacherin, „für mich war die Migrationswelle von Vorteil“. Die drei Vietnamesen am Tisch sehen ihre eigene Geschichte weitaus positiver, sie seien nie ausgegrenzt worden. Wichtig aber, da sind sich alle einig, ist, dass man seine eigene Identität nicht verleugnen muss.

Der Musikabend im katholischen Gemeindezentrum Padua am Wollgrasweg 11 in Plieningen beginnt um 19 Uhr. Neben Musik der Gruppe Ai Thanh aus Hannover, die Melodien aus allen Landesteilen Vietnams vorträgt, werden kulinarische Spezialitäten angeboten.

Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei, um Spenden wird jedoch gebeten. Wer Kontakt zum Veranstalter aufnehmen möchte, kann dies per E-Mail an die Adresse vietnamcommunitystuttgart@gmail.com tun.

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