Memoiren aus Böblingen Günter Scholz schreibt über seine Jugend
Die Lebenserinnerungen des früheren Böblinger Kulturamtsleiters Günter Scholz sind ein Zeugnis der Grausamkeiten des Krieges und der Repressionen des frühen DDR-Regimes.
Die Lebenserinnerungen des früheren Böblinger Kulturamtsleiters Günter Scholz sind ein Zeugnis der Grausamkeiten des Krieges und der Repressionen des frühen DDR-Regimes.
Es war eine Kindheit im Krieg und der Stunde Null. In dem Buch „Kindheit in Schweren Zeiten“ hat der ehemalige Böblinger Kulturamtsleiter Günter Scholz seine frühen Lebensjahre in der Industriestadt Plauen beschrieben. Dazu liefert er eine Familien- und Zeitgeschichte, die etwa die ersten 60 Seiten des Werks ausmachen. Danach kommt das Buch in Fahrt mit den Schilderungen des Bombenkriegs, ausgelöst von der verhängnisvollen Doktrin der Alliierten, Plauen von der Landkarte zu radieren.
Man erlebt hautnah das Glück und das Aufatmen der Menschen nach der Kapitulation der Nazis am 8. Mai. Plauen wurde von den Amerikanern erobert, die rasch begannen, die Infrastruktur wieder aufzubauen, bis zu jenem Tag, als sie die Stadt räumten und sie gemäß dem Viermächte-Abkommen an die Russen übergaben.
Die Bevölkerung erlebte jetzt Diebstahl, Morde und Vergewaltigungen. Der Weg in den Sozialismus war überdies begleitet von willkürlichen Verhaftungen und der namenlosen Angst, in die Sowjetunion als Arbeitskraft deportiert zu werden. Hunger und Armut grassieren.
Doch die Familie Scholz zeigte sich erfinderisch, Weihnachtsgeschenke wurden selbst gebastelt, Sandalen wurden aus Luftwaffen-Gummi geschnitten, Lebensmittel wurden selbst angebaut oder auch mal vom Bauern gestohlen. Männer waren Mangelware, tot, verkrüppelt oder in Gefangenschaft. Sexuelle Übergriffe von Mädchen an Knaben hat Scholz selbst erlebt.
Mit der Währungsreform wurde es besser: Es gab Waren zu kaufen, die von Erwachsenen lange entbehrt wurden und die Kinder, wie Günter Scholz eines war, nicht einmal kannten.
Nach dem Ende der Nazi-Diktatur hatten sich die Eltern von Günter Scholz ein Leben in Freiheit erhofft, doch mit dem Erstarken der SED und der Wandlung der sowjetisch besetzten Zone in die DDR nahm die Unterdrückung wieder zu.
Also plante die Familie die Flucht in den Westen. Der gescheiterte Versuch, mit einem Rosinenbomber zu entkommen und die anschließende Nacht-und-Nebel-Aktion an der Grenze bilden den dramatischen Höhepunkt des Buches und zugleich seinen Schluss.
Doch hier endet die Geschichte nicht – zumindest nicht im Kopf des Lesers. Man wünscht sich, Scholz würde den Faden aufnehmen und erzählen, wie aus dem Flüchtlingskind jener Mann wurde, der später das kulturelle Leben Böblingens prägte und dem Deutschen Bauernkriegsmuseum ein Gesicht gab. Die Karriere vom heimatlosen Jungen zum Mitgestalter der jungen Bundesrepublik – auch dieses Kapitel wäre es wert, aufgeschlagen zu werden.
Günter Scholz: Kindheit in schweren Zeiten Ein Zeitzeugenbericht über das Ende des Zweiten Weltkriegs. Vergangenheitsverlag. Berlin 2025. 250 Seiten, 18 Euro.