Memoiren des Trump-Vize Hillbillys Aufstieg und Sündenfall

Zur Rechten Donald Trumps: J.D.Vance Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire/IMAGO/Carol Guzy

Bei ihrem Erscheinen ist die „Hillbilly Elegy“ des gerade zum republikanischen Vizepräsidentschaftskandidaten gekürten J.D. Vance als beeindruckendes Sittenbild aus dem amerikanischen „Rostgürtel“ gefeiert worden. Wie liest es sich heute?

Kultur: Stefan Kister (kir)

Es gibt Bücher, die man am liebsten getrennt von ihren Autoren halten würde, weil deren Handeln in Misskredit zu bringen droht, was sie mit ihrem Schreiben erreicht haben. Schwer wird es allerdings, wenn der Gegenstand ihres Buches sie selbst sind. Vor acht Jahren hat ein gewisser J. D. Vance in einem später von Netflix verfilmten Bestseller seine aussichtslose Jugend in jenen Gegenden der USA beschrieben, von deren einstiger industriellen Vergangenheit nur ein einziger Krisenherd geblieben ist, auf dem Arbeitslose, Junkies, schwangere Teenager und dysfunktionale Familien im eigenen trostlosen Saft schmoren. Sie firmieren wahlweise unter verächtlichen Umschreibungen wie „white Trash“, „Redneck“ oder eben „Hillbilly“, wofür das deutsche Wort Hinterwäldler nur ein schwacher Ersatz ist.

 

J.D. Vance ist es in seiner „Hillbilly Elegy“ gelungen, sich aus der Abwärtsspirale von Chaos, Armut und Gewalt zu befreien, und dies zugleich mit einer sentimentalen Ehrenrettung seiner Herkunft zu verbinden. In dem Buch könnte man bei aller Verschiedenheit der politischen Präferenzen eine Art konservatives amerikanisches Gegenstück zu Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ sehen. Auch dies ein Bestseller, worin der in die Bildungselite aufgestiegene französische Soziologe am Beispiel seiner Familie den Gründen nachgeht, weshalb im traditionell links wählenden Milieu der Arbeiterklasse heute die extreme Rechte triumphiert. Wie Eribon mischt Vance autobiografisches Erzählen mit soziologischer Analyse. Und auch in den amerikanischen Appalachen, wo einmal Stahlindustrie und Bergbau für ein Auskommen sorgten, hat eine Wählerwanderung von den Demokraten zu den Republikanern die amerikanische Politik umgekrempelt.

Vom Paulus zum Saulus

2016, als das Buch erschien, wurde der damals 32-Jährige zum Kronzeugen der mentalitätsgeschichtlichen und sozialen Verwerfungen, die zur ersten Präsidentschaft Donald Trumps geführt haben, die Vance äußerst kritisch betrachtete. Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch behaupten, er habe seine „Hillbilly-Elegy“ nicht geschrieben, weil er etwas Außerordentliches, sondern weil er etwas ziemlich Gewöhnliches erreicht habe, das jedoch den meisten Kindern, die so aufwüchsen wie er, in der Regel verwehrt bliebe.

Das aber hat sich grundlegend geändert, spätestens seit er von dem Politiker, der das Schicksal der amerikanischen Demokratie besiegeln könnte, und den er einmal entweder als „zynisches Arschloch oder Amerikas Hitler“ charakterisierte, zum Stellvertreter auserwählt wurde. Wie bringt man jemand, der sich plötzlich hinter so fatale Lügen wie die von der geraubten Präsidentschaft stellt, mit jenem der Hölle seiner Herkunft entkommenen jungen Mann zusammen, der hellsichtig die sozialpsychologischen Mechanismen durchleuchtet, durch die gezielte Falschinformationen und Verschwörungstheorien, das Vertrauen in Medien und Institutionen untergraben?


Drogenexzesse und Schimpfkanonaden

Wer ist dieser J.D. Vance, der von den prekären Bedingungen seines Aufwachsens soviel preisgegeben hat, dass der sozialdemokratische deutsche Bundeskanzler davon zu Tränen gerührt wurde? Seine Mutter ist eine überforderte junge Frau, die sich von einer gescheiterten Beziehung in die nächste wirft. Eine Serie von Stiefvätern flankiert den Bildungsweg, den man angesichts dieser Voraussetzungen nicht auf die Idee käme, so zu nennen, endete er nicht an der Eliteuniversität Yale. Geborgenheit vor den immer unberechenbareren Folgen mütterlicher Drogenexzesse findet er einzig im Haus seiner Großeltern, einer Waffennärrin, die sich glücklicherweise zumeist nur in derben Schimpfkanonaden austobt, und ihres auf eine lange Alkohol- und Gewaltkarriere zurückblickenden Mannes.

In der Darstellung schneiden sich verschiedene Linien aus unterschiedlichen Richtungen. Vance kreuzt die eher links beheimatete identitätspolitische trotzige Selbstbehauptung, mit dem libertären, gegen den Sozialstaat polemisierenden Leistungsoptimismus aus dem konservativen Spektrum. Er kapert ein von der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung entwickeltes Instrumentarium und wendet es auf die weiße Arbeiterschaft des „Rostgürtels“ an. Emanzipatorisches wird patriotisch umgedeutet. Manches liest sich wie Charles Dickens, anderes wie Pierre Bourdieu, etwa die Schilderung eines Abendessens in einem der ersten Restaurants der Stadt, bei dem sich der Habitus eines künftigen Anwalts in der Handhabung einer absurden Anzahl von Besteckteilen zu erweisen hat – ein Telefoncoaching auf der Toilette bewahrt den „kulturellen Emigranten“ von einer Gruppe in die andere vor dem Schlimmsten.

Eifriger Konvertit

Zu den neuen Freunden, die Vance in der Zwischenzeit gefunden hat, zählt auch der umstrittene Tech-Milliardär Peter Thiel, der ihn bei der Gründung eines eigenen Risikokapital-Unternehmens unterstützt hat. Vor Tisch las es sich anders: „Manchmal betrachte ich Mitglieder der Elite mit einer aus dem Innersten meines Wesens rührenden Verachtung“, hat es in der „Hillbilly Elegy“ noch geheißen. Doch im Licht der Ereignisse offenbart der Bericht über eine Jugend manche der Bruchlinien zu späteren erwachsenen Widersprüchen.

Während eines Intermezzos bei seinem biologischen Vater, der seine Jugendsünden in einer Pfingstgemeinde abbüßte, hat der junge J.D. schon einmal die Rolle des „eifrigen Konvertiten“ verinnerlicht, es folgen später der Katholizismus, nun der Trumpismus. Zu den Eigenschaften, die Hillbillys von frühester Kindheit an lernen, zähle, unangenehmen Tatsachen nicht ins Auge zu sehen oder so zu tun, als gebe es bessere Wahrheiten: „Diese Tendenz mag helfen, sich den Verhältnissen anzupassen, sie macht eine ehrliche Selbstbetrachtung aber nahezu unmöglich“, schreibt der Vizepräsident in spe.

Und dann ist da diese tiefsitzende Wut und Verbitterung. Sie zieht sich durch das ganze Buch: Aggressive Ausbrüche, Gewaltattacken führen den Schüler in eine therapeutische Praxis. Nicht genug kann er die veredelnde Kraft des sadistischen Drills während seiner Militärzeit bei den Marines preisen. Bis zuletzt stimuliert die gewähnte Verletzung eines fetischisierten Ehrbegriffs das Bedürfnis zuzuschlagen. „Ich bin ein Mann aus den Bergen“, bekennt Vance. Trumps Running Mate qualifiziert manches zur destruktiven Rachefurie.

Auch autobiografische Bücher führen ein Eigenleben, und sie können mehr verraten als ihren Autoren lieb ist. So ist dem anfangs allseits gefeierten Sittenbild eines gesellschaftlichen Aufstiegs der Sündenfall schon einbeschrieben. Erst damit gewinnt der Titel „Elegie“ seinen vollen Klang.

Info

Leben
James David Vance, geboren 1984, verbrachte Kindheit und Jugend in der Industriestadt Middletown im US-Bundesstaat Ohio und in den Appalachen von Kentucky. Er wuchs in zerrütteten Familienverhältnissen auf, trat nach der Highschool in das Marinecorps ein und war im Irak stationiert. Später studierte er an der Yale University Jura und wurde Direktor einer Investmentfirma im Silicon Valley. Ursprünglich ein erbitterter Gegner Trumps wurde Vance kürzlich von dem republikanischen Spitzenkandidaten in sein Wahlkampfteam geholt und als künftiger Vizepräsident nominiert.

Buch
Die deutsche, bei Ullstein erschienene Ausgabe von J.D. Vances „Hillbilly-Elegy“ ist vergriffen. Wegen des politischen Positionswechsels des Autors hat der Verlag die Lizenz nicht verlängert. Am 15. August erscheint im Verlag Yes Publishing eine Neuausgabe.

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