Mensch oder Tier? Warum Haustiere heißen wie Kinder

Nenn mich nicht Luna! Foto: Tatyana Gladskih - stock.adobe.com

Waldi und Rex sind aus der Mode – Familien geben ihren Haustieren heute ganz andere Namen. Die Sprachforscherin Damaris Nübling erklärt, was hinter dem Trend steckt.

„Leon, komm!“ Ist da nun ein Kind oder ein Hund gemeint? Tatsächlich ist beides denkbar. Gängige Kindernamen werden derzeit gerne an Vierbeiner vergeben – manchmal auch umgekehrt. Die Mainzer Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling erklärt, was man daran ablesen kann.

 

Frau Nübling, wenn Leute ein Haustier aufnehmen, machen sie sich wegen der Namenswahl oft viele Gedanken. Es erscheint fast so, als würden sie ein Kind bekommen. Kann man das miteinander vergleichen?

Ja, das kann man wirklich. Haustiere, vor allem Hunde und Katzen, sind die besten Familienmitglieder. Sie kündigen keine Beziehungen auf und ziehen auch nicht aus. Der Mensch hat Hund und Katze längst zu sich über die Tier-Mensch-Grenze gehoben. Das spiegelt sich darin wider, dass sie Kindernamen bekommen. Bei unseren Studien rund um Tierbenennung haben wir Fälle gesehen, in denen ein Hund zu einer Familie kam, die gerade ein Kind erwartet hat. Der Hund hat dann den Namen bekommen, der eigentlich für das Kind gedacht war.

Gilt die Top Ten der beliebtesten Vornamen dann auch für Hunde?

Ja, es ist fast identisch, was beliebte Hunde- und Kindernamen sind. Gängig sind derzeit zweisilbige Namen wie Lara, Mia, Lilly oder Leon. Solche Überschneidungen weisen darauf hin, dass Haustiere eigentlich als Kinder gesehen werden. Neu ist, dass typischerweise an Tiere verliehene Namen an Kinder vergeben werden – eine Entwicklung, die ich bereits aus Skandinavien kenne. Man sieht es am Namen Luna. Das ist eigentlich ein Menschenname, der aber schon lang weit oben auf der Liste der beliebtesten Hunde- und Katzennamen steht. Jetzt wird er zunehmend an Mädchen vergeben. Tiere bekommen also Kindernamen und umgekehrt. Daran kann man sehen, dass die Grenze zwischen Tier und Mensch von beiden Seiten fluide wird. Namen sind Seismografen gesellschaftlicher Entwicklungen.

Vor einer Weile wandte sich der Leser eines Magazins verzweifelt an die Redaktion, weil seine Frau den neuen Hund nach ihrer verstorbenen Mutter benennen wollte – nämlich „Brigitte“.

Das ist zwar kein gängiger Hundename, aber ein typischer Fall für eine Nachbenennung einer geliebten Person. Dazu taugen Tiere längst. In Deutschland beobachten wir inzwischen auch, dass Tiere als Hinterbliebene in Todesanzeigen auftreten. Hund und Katze werden da namentlich und offen als Trauernde erwähnt. Das Tier wird onymisch, also durch den Namen, an die Familie angesippt. In Skandinavien ist das längst üblich. Dort ist es auch selbstverständlich, die Haustiere mit zu nennen, wenn ein Mensch seine Familienmitglieder aufzählt.

„Ein letztes Tabu sind religiöse Namen wie Maria und Josef“, sagt Namenforscherin Damaris Nübling. Foto: privat

Gibt es noch klassische Hundenamen wie Bello und Fiffi?

Sie sind selten geworden. Früher war es so, dass ein Dackel Waldi hieß und ein Schäferhund vielleicht Rex. Aber diese Namen werden kaum noch vergeben. Inzwischen sind neben typischen Kindernamen auch englische Namen wie Rocky, Buddy, Jackie, Sammy und Eddie beliebt. Interessant ist, wie Tiere nicht heißen dürfen. Ein letztes Tabu sind meinem Eindruck nach stark religiös konnotierte Namen wie Maria, Josef oder Ruth.

Welche Namen sind derzeit bei Katzen beliebt?

Katzen heißen Luna, Lily, Mia, Mimi oder auch Kitty. Und bei den Katern ist es Simbo, Leo, Felix, Sammy, Tiger, Leo oder Charlie. Ganz wichtig ist die Geschlechterunterscheidung. Früher war das Geschlecht einer Katze oder eines Hunds wenig relevant. Bello, Rex und Waldi konnten sowohl eine Hündin als auch ein Hund heißen. Erst seitdem das Tier an uns angesippt wird, ist das Geschlecht hochrelevant. Katzen werden anders benannt als Kater und Hündinnen anders als Rüden. Diese Divergenz geht heute so weit auseinander wie bei Menschen, was auch wieder zeigt, dass Tiere humanisiert wurden.

Wie werden andere Tiere benannt, zum Beispiel Kaninchen?

Kaninchen sind Tiere, die oft von kleinen Kindern gehalten werden. Sie bekommen seltener Menschennamen als Hunde und Katzen, sondern eher Namen, die sich auf ihr weiches Fell und andere physische Merkmale beziehen. Beliebt sind Krümel, Flocke und Klopfer oder auch Adjektive wie Flauschi oder Blacky. Das sind Namen, wie Kinder sie auch ihren Kuscheltieren geben. Die Geschlechtergrenze ist längst nicht so wichtig wie bei Hunden und Katzen.

Eine Bekannte hat ein Huhn nach ihrer früheren Mathelehrerin benannt, eine andere nannte ihre Katze „Mausi“. Ist Spott bei Haustiernamen üblich?

Es gibt viel Ironie und Spaß. Das ist ja auch liebevoll gemeint. All das, was bei Menschen verboten ist, macht man gerne bei Tieren. Menschen dürfen durch ihren Namen nicht lächerlich gemacht oder benachteiligt werden. In einer Masterarbeit, die ich betreut habe, wurden Mops-Namen untersucht. Dabei hat sich gezeigt, dass ironische Benennungen sehr häufig vorkommen. Zum Beispiel werden Möpse nach mächtigen, kräftigen Männern wie Cäsar benannt, mit denen sie natürlich wenig gemein haben.

Seit wann ist es überhaupt üblich, Tieren einen Namen zu geben?

Der Historiker Karl Bertsche hat um 1900 die badische Kleinstadt Möhringen bei Tuttlingen besucht und notiert, wie Menschen dort sich und ihre Tiere benannt haben. Die meisten Katzen waren Streunertiere und hatten keinen Namen. Nur 16 von 185 Dorfbewohnern besaßen einen Hund. Meistens handelte es sich um Nutztiere, zum Beispiel Hof-, Jagd- und Wachhunde. Nur wenige Hunde wurden zum Vergnügen gehalten. Interessant ist, dass die Hunde nicht individualisierend benannt wurden. Vier hießen nach der Fellfarbe Mohr oder Mohrle, andere wurden nach ihrer Rasse benannt, nämlich Schnauzer, Spitzer oder Waldmann. Drei Mal ist auch der ortstypische Hundename Scholi aufgetaucht, der sich vom französischen „joli“, nämlich „hübsch“, ableitet. Außerdem wurden die Hunde meist nach ihrem Vorgänger benannt. Die Benennung zeigt, dass der Hund damals noch nicht auf Menschenebene gehoben wurde.

Wann hat sich das geändert?

Etwa ab den 70er Jahren ist es üblich geworden, Menschennamen zu vergeben. Man kann folgende Entwicklung beobachten: Zuerst waren Hunde anonym, sie wurden als oft verachtete Tiere nämlich meist gar nicht benannt. Dann bekamen sie typische Hundenamen, sogenannte Kynonyme, wie Hasso, Bello oder Rex. Heute ist man bei Menschen- beziehungsweise Kindernamen angelangt, sogenannten Anthroponymen. Diese Tier-Mensch-Annäherung ist eine riesige gesellschaftliche Entwicklung.

Welche Tiere bleiben noch anonym?

Das sind grundsätzlich Wildtiere, mit denen wir wenig Kontakt haben, und Tiere wie Bienen, die in großen Gruppen leben. Aber es gibt immer mal wieder Medientiere wie den Problembär Bruno oder den Trauerschwan Petra, die für Schlagzeilen sorgen und dann doch benannt werden. Auch Nutztiere, deren baldigen Tod man intendiert, benennt man in der Regel nicht. Bei Kühen kann man sagen: Je weniger man hat, je länger man sie melkt und je enger der Kontakt ist, desto eher werden sie auch benannt. Die Namen fallen dann meistens eher traditionell aus.

Zur Person

Damaris Nübling (62)
ist Professorin für Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sie hat an der Uni Freiburg germanistische und romanistische Linguistik studiert und sich dort habilitiert. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Namenforschung, Sprachwandel, Genderlinguistik und die sprachliche Tier-Mensch-Grenze. Mit dem Sprachwissenschaftler Konrad Kunze leitete sie von 2005 bis 2016 das Projekt Deutscher Familiennamenatlas. 2023 haben sie als populären Überblick den „Kleinen deutschen Familiennamenatlas“ publiziert. Außerdem ist Nübling neben der Linguistin Nina Janich Projektleiterin des Digitalen Familiennamenwörterbuch Deutschlands.

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