Mensch und Katze Sanfte Egozentriker

Mensch und Katze: eine seltsame Beziehung. Foto: Björn Locke

Die Katze ist der Deutschen zweitliebstes Haustier. Wir bewundern ihre Freiheitsliebe – noch mehr ihre Fähigkeit, sich 18 Stunden am Tag zu entspannen.

Ein Kater, angezogen vom raschelnden Geräusch des Papiers, springt auf das Sofa, lehnt sich mit dem Gewicht seiner fünf Kilo an die Beine des Zeitungslesers, um sich erst einmal ausführlich der Fellpflege zu widmen. Der Zeitungsleser lacht derweil leise über eine politische Karikatur, liest den Leitartikel, blättert knisternd durch das Weltgeschehen. Der Kater zeigt sich von der analytischen Tiefe und der Macht des Wortes wenig beeindruckt, verändert allenfalls seine Lage und fährt mit der Körperhygiene fort. Als der Katzenfreund sich dem Kulturteil nähert, um danach mit dem Sport seine Zeitungslektüre zu beenden, streckt er ihm die weiße Kehle hin, um gestreichelt zu werden, schnurrt zufrieden und döst ein. Katze und Mensch verbindet ein angenehmes, wohliges Gefühl. Ganz offensichtlich mögen sie sich und vertrauen einander.

 

Was fasziniert Menschen an Katzen? Ein erster Gedanke: Egal was sie machen, Katzen machen es nicht halb, sie machen es ganz. Als Killer und als Chiller. Totale Anspannung, höchste Konzentration und blitzschnelle Reaktion bei der Jagd – und danach die völlige Gelöstheit beim Ruhen. Kann man von einer Katze lernen? Ja: Sei nicht lauwarm, sei heiß oder kalt, mach es ganz oder gar nicht. Die französische Schriftstellerin Colette, eine große Katzenfreundin, hat auf die Frage, was sie an Katzen bewundere und was Menschen von ihnen lernen können, bloß gesagt „Freiheit“.

Während der Hund als Rudeltier seinem Lieblingsmenschen folgt und ihn jederzeit beschützen würde, betrachtet die Katze den Menschen – trotz des Größenunterschieds – eher als einen Partner. Zwar ist sie nicht mit ihm auf Augenhöhe, aber sie fühlt sich ihm ebenbürtig. Es gibt den alten Spruch, wonach die Katze den Menschen fressen würde, wäre sie nur groß genug. Umgekehrt allerdings sind Menschen groß genug, um Katzen zu verzehren. In Europa fand dieser Tabubruch allerdings nur in Zeiten größter Not statt. Nicht von ungefähr nannte man die Katze damals „Dachhase“. Im Schwäbischen wurden Metzger, die Katzen schlachteten, verächtlich „Katzuff“ genannt. In Asien steht Katzenfleisch dagegen bis heute auf dem Speiseplan.

Fragt man jemand, der es wissen muss, einen Dompteur etwa, wie man die Körpersprache von Katzen entschlüsselt, lautet seine Antwort: Wer Ausdruck und Haltung seines Hauskatze versteht, kann auch Großkatzen, also Raubtiere, richtig einschätzen. Die winzig kleine Singapura-Katze oder der mächtige sibirische Amur-Tiger – alle Katzen verhalten sich ähnlich.

Angenommen, man könnte, statt in den Urlaub zu reisen, einmal für vier Wochen eine Katze sein oder ein Hund. Viele würden sich spontan für canis lupus familiaris, den Haushund, entscheiden. Für den sind die immer im Diminutiv auftretenden Herrchen oder Frauchen sein Ein und Alles, das Alphatier Mensch ist des Hundes Gott.

In dem Film „Hachiko – Eine wunderbare Freundschaft“ ist die Bindung des Aikito-Hundes zu seinem Herrn, einem von Richard Gere verkörperten Musikprofessor, so tief, dass er auch nach dem Tod des Professors am Bahnhof täglich und leider vergeblich auf ihn wartet. Die Handlung des Films beruht übrigens auf einer wahren Begebenheit. Viele Kinobesucher, gleich welchen Geschlechts, verließen das Kino mit feuchten Taschentüchern und stark geröteten Augen. Hunde sind so beliebt, weil sie anpassungsfähig und sozial sind, neugierig und beschützend. Der Hund braucht Bindung und Sicherheit. Das dankt er seinem Lieblingsmenschen dann mit Loyalität und unbedingter Treue. Auf Hundefriedhöfen finden sich nicht selten in Stein gemeißelte Inschriften wie „Bello, mein einzig wahrer Freund“ oder „Für unsere treue Emma – sechs Kilo reine Liebe“.

Wie können Menschen bei derartigen Eigenschaften des Hundes auf die Idee verfallen, bei dem oben genannten Gedankenspiel für die Katze zu plädieren? Vielleicht deshalb, weil sie sich von den „menschlichen“ Tugenden des Hundes einmal lösen würden und nur ihren momentane Bedürfnissen folgen könnten. Davon träumt wohl jeder Mensch, eingezwängt im Korsett zwischen beruflichen und privaten Verpflichtungen. Katzen machen was sie wollen, gehorchen nicht, geben sanfte Töne von sich, sind mal aufdringlich, mal unnahbar und legen sich hin, wann und wo sie wollen. Sie chillen ausdauernd, in manchen Haushalten bis zu achtzehn Stunden – auch gerne im kuscheligen Ehebett. Vier Wochen als Katze? Das wäre ein anarchischer und lustbetonter Eskapismus.

Ist es also außer der Freiheit noch etwas anderes, das uns fasziniert? Entdecken wir in der Katze die eigene Wildheit, die sich unter unserer Zahmheit verbirgt, der gesellschaftlichen Domestizierung, gemeinhin Zivilisation genannt? Teilen viele deshalb so gerne das Leben mit einer felinen Freundin? Es sind wirklich viele: Schätzungen belaufen sich auf rund eine Milliarde Hauskatzen weltweit. In deutschen Haushalten leben etwa fünfzehn Millionen von ihnen, darunter zahlreiche Freigänger, die durch Katzenklappen ein- und ausgehen.

Bei machen Katzenbesitzern kann das exzentrische Züge annehmen: Karl Lagerfeld orderte für Choupette, eine blauäugige Birmakatze, ausschließlich Gänseleber und Kaviar in den besten Restaurants von Paris. Choupette zeigte Starallüren, als sei sie sich bewusst, dass sie mehrfach mit ihren Model-Kolleginnen Linda Evangelista und Gisele Bündchen in der Vogue erschienen war. Der Modeschöpfer bedachte sie in seinem Testament mit dreizehn Millionen Euro. Claudia Schiffers Katze mit dem Namen Chip kann aber immerhin einen Auftritt im Kinofilm „Argylle“ vorweisen. Superstar Taylor Swift besitzt gleich drei Katzen: Meredith Grey, Detective Benson und Benjamin Button. Alle haben, wie es sich heute so gehört, ihren eigenen Instagram-Account. Genau wie Ed Sheerans Katzen Dorito und Calippo. Joe Bidens Mieze dagegen heißt ebenso schlicht wie sein Heimatort: Willow. Hape Kerkeling hat seiner Kitty ein Buch gewidmet, und der amerikanische Evolutionsbiologe Jonathan Losos ging der Frage nach, wie es die Katze von der Savanne bis aufs Sofa geschafft hat.

Katze als Babysitter Foto: imago/Zoonar

Während man früher annahm, die Hauskatzen seien vor zehntausend Jahren über Anatolien nach Europa gekommen, gehen Archäogenetiker heute davon aus, dass sie viel später, nämlich vor etwa zweitausend Jahren mit den Römern zu uns gelangt seien.

Womöglich hat die Spezies ihren Ursprung in Ägypten. Ihre Cousine, die Wildkatze felis silvestris, gibt es tatsächlich seit über zehntausend Jahren. Skelett und Erbgut weisen große Gemeinsamkeiten unserer Hauskatze mit der Falb- oder Wildkatze auf. Aus den zahlreichen ägyptischen Katzenmumien, notiert Losos, lasse sich indes leider kein Erbgut gewinnen.

Im alten Ägypten - vielfach historisch bezeugt - wurden Katzen verehrt. Die Göttin Bastet, dargestellt als Frau mit Katzen- oder auch Löwenkopf, galt als Schutzgöttin der Fruchtbarkeit und des trauten Heims, Katzen als ihre irdischen Vertreterinnen. Die wilde freiheitsliebende Natur der Katze wurde in der griechischen Antike mit Artemis, der Göttin der Jagd und Schutzgöttin der Kinder, in Verbindung gebracht.

Berühmt ist die Winkekatze Maneki-neko, die im alten China als Glücksbringerin angesehen wurde. Ihr Blick sollte Dämonen entlarven. Das Bild der Katze wird dunkel, wenn der historische Blick sich gen Europa richtet. In der christlichen Tradition des Mittelalters galten Katzen nämlich als Begleiterinnen der Hexen und wurden in Zeiten religiöser Ängste verfolgt mit der Absicht, sie auszurotten. Der Rückgang der Katzenpopulation führte dann allerdings dazu, dass sich die Ratten vermehrten und die Pest sich ausbreitete. Die Katze – das zeigt ihre unterschiedliche Bedeutung in den Kulturen – ist ein widersprüchliches Wesen: verehrt oder verrufen, heilig oder irdisch, Beschützerin oder Geheimnisträgerin.

Im Unterschied zu Hunden, die deutlich stärker domestiziert sind, haben Katzen mehr von ihrer Wildheit bewahrt. Die scheuen Tiere blieben im Verlauf der Evolution Wildkatzen im Wald, die zutraulicheren nahmen die Nähe zu Menschen wegen der zahlreichen Vorteile in Kauf.

So wie der Kater, den das Rascheln des Zeitungspapiers aufs Sofa lockt. Er verlässt das Haus, wann es ihm passt und bleibt stundenlang unbeobachtet, bis es ihm wieder gefällt, die Katzenklappe von außen zu öffnen. Die Katze ist ein Haustier, das sich seine Freiheit bewahrt hat. Daran mag es liegen, dass freiheitsliebende Menschen ein Faible für Katzen haben. Besonders Künstlerinnen und Künstler haben gerne Katzen in ihrer Nähe. Leonardo da Vinci erfasste in seinen „Studien von Katzen, Drachen und anderen Tieren“ zeichnerisch auf bewundernswerte Weise Katzen in Bewegung und im Spiel.

Auf Édouard Manets berühmtem Gemälde „Olympia“ sieht man nicht nur eine nackte Frau, sondern auch eine kleine schwarze Katze, was die erotische Ausstrahlung des Bildes verstärkt. Auguste Renoir porträtiert die junge Julie Manet, die Tochter der impressionistischen Malerin Berthe Morisot, mit einer kleinen weißen Katze. Dieses Bild verströmt häusliche Wärme. Im deutschen Expressionismus malte Franz Marc „Katze hinter einem Baum“, wie stets in leuchtenden Farben und klar konturierten Formen. Und Andy Warhol veröffentlichte 1954 ein hübsches Büchlein mit Katzenporträts unter dem Titel „25 Katzen namens Sam und ein blaues Kätzchen“.

Suchbild mit schwarzer Katze Foto: imago/imagebroker

Auch in die Musik haben sich Katzen eingeschrieben. Man denkt an Chris Barbers fröhlich swingenden „Wild Cat Blues“ mit Monty Sunshine an der Klarinette und an die jazzig angehauchten „Love Cats“ der Dark-Wave-Band The Cure, wo liebestolle Katzen in der Nacht für die Leidenschaft von zwei Menschen stehen. Andrew Lloyd Webbers „Cats“ fällt Musical-Fans ein, wenn sie an Katzen und Musik denken. Im Jazz ist ein „Cat“ ein cooler entspannter Typ. Weniger entspannt sind jene Menschen, die alles Moderne als „Katzenmusik“ abqualifizieren. Beim lustigen „Duetto buffo di due gatti“ von Giacomo Rossini oder Igor Strawinskys neofolkloristischen „Berceuses du chat“ dagegen käme dieses Schimpfwort aber nur wenigen über die Lippen.

Das alles ist Musik über Katzen für Menschen. Der amerikanische Cellist David Teie hat Musik für Katzen geschrieben. Töne mit unterschiedlich hohen Frequenzen, unterlegt von Schnurr- und Kratzgeräuschen. Tatsächlich reagieren die Tiere darauf. Manche werden ruhig, andere stimuliert. Ganz wie der Mensch.

Weitere Themen