Menschen aus dem Kreis Ludwigsburg berichten Welche Zukunft haben unsere Vereine?

Immer häufiger wird über Probleme der Vereine berichtet, doch was sagen die Clubs selbst? Fünf Verantwortliche aus der Region berichten über die Lage ihres Vereins, die sprunghafte Jugend und eine Sehnsucht nach der Sinnhaftigkeit.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Vereine sind Leidenschaft, Kulturgut und wichtige Treffpunkte – sie sind aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken. Trotzdem gibt es gefühlt immer häufiger Hilferufe der Vereinsvorstände, Teams, die sich vom Spielbetrieb abmelden und sogar Vereinsauflösungen. Ist die Zukunft der Vereine in Gefahr?

 

Zwei Sportvorstände, eine Landfrau, ein Musiker und ein Umweltschützer aus dem Kreis Ludwigsburg berichten in eigenen Worten über die Schwierigkeiten mit arbeitsscheuen Mitgliedern und einer neuen Dienstleistungsmentalität. Es wird jedoch auch deutlich: Es gibt genug Grund für Optimismus.

1. Jasmin Kühnle, SGV Murr, Vorsitzende des Vorstandes

Die Zukunft der Vereine ist vielversprechend, blickt man auf die Mitglieder. Unser Angebot hat einen riesigen Zulauf, Kinder, Jugendliche und Erwachsene wollen Vereinssport treiben. Das führt sogar so weit, dass wir beim Turnen und der Leichtathletik Wartelisten einrichten mussten. Die Zukunft der Vereine ist gleichzeitig aber auch in Gefahr, blickt man auf das Engagement. Wir haben tolle Übungsleiter, die mit Herzblut dabei sind, es sind aber schlicht zu wenig. Zudem suchen wir seit Langem einen Finanzvorstand. Fahrdienste und Schichten an Verkaufsständen sind schwer zu besetzen.

Ich glaube leider, dass deswegen ein Vereinssterben ansteht – das liegt zum Großteil an den gesellschaftlichen Umständen. In einer immer schnelleren Welt, einem eng getakteten Familienleben und hoher Arbeitsdichte im Beruf, rückt das Ehrenamt in der Prioritätenliste nach hinten.

Jasmin Kühnle. Foto: Simon Granville

Wir beim SGV Murr stemmen uns dagegen. Im Vorstand haben wir einen Generationenwechsel hinter uns und wollen Strukturen und die Kommunikation verändern. Beispielsweise reicht es nicht mehr, Aufrufe nur noch im Gemeindeblättle abzudrucken. Wir müssen die Mitglieder besser erreichen und mit ihnen ins Gespräch kommen.

Gleichzeitig wollen wir unser Angebot an die jüngere Generation anpassen. Beispielsweise haben wir bemerkt, dass Jugendliche seltener auf Leistung trainieren – sie kommen in den Verein, um Freunde zu treffen, nicht um tagelang auf Turnieren abzuhängen. Andere wollen gar keine festen Trainingszeiten, sondern Sport treiben, wann sie wollen.

Diesen Bedürfnissen gerecht zu werden und dabei den Gemeinschaftsgedanken eines Vereins hochzuhalten, ist eine Herausforderung. Genau das ist aber unser Ziel: ein Verein mit modernem Angebot und großem ehrenamtlichem Engagement. Dafür müssen wir die Mitglieder jedoch wachrütteln. Vereine sind keine Dienstleister, es wird nicht funktionieren, dass man einfach einen Beitrag zahlt, ohne darüber hinaus etwas einzubringen. Der SGV ist auf Mitwirkung angewiesen, sonst ist er am Ende des Tages nichts weiter als ein Unternehmen.

2. Friedericke Nitsche, Landfrauen Tamm, Vorstandsmitglied

Es gibt das Vorurteil, dass Landfrauen meist älter und deren Programme überholt sind. In Tamm beweisen wir jedoch seit einigen Jahren, dass Landfrauen auch jung und modern sein können. Mit Mitte 30 habe ich das erste Mal beim Brotbacken der Tammer Landfrauen vorbeigeschaut und bin direkt Mitglied geworden. Die Stimmung, die Aktionen und das Zusammengehörigkeitsgefühl haben mir als frisch gebackene Mutter direkt gefallen.

Es gibt ein weiteres Vorurteil, und zwar, dass meine Generation meist unverbindlich und anonym lebt, mit wenig Sinn für die Gemeinschaft. Das mag teilweise auch stimmen, ich lerne in Tamm jedoch viele junge Frauen kennen, die das genaue Gegenteil suchen. Sie wollen nicht nur morgens ins Geschäft, von dort ins Fitness-Center und dann nach Hause. Das Bedürfnis nach gemeinsamen Erlebnissen ist stark.

Friedericke Nitsche. Foto: Simon Granville

Vereine sind also immer noch gefragt, stehen aber vor der Herausforderung, sich zu erneuern. Ich glaube, dass die Landfrauen bei dieser Erneuerung einen Vorteil haben und von Grund auf gut in die moderne Welt passen. Beispielsweise gibt es bei uns kaum Pflichttermine, unsere Mitglieder können sich ungebunden aus dem Programm das herauspicken, was sie persönlich interessiert. Die Frauen nehmen die Mitgliedschaft nicht als weitere Verpflichtungen neben Beruf und Familie wahr, sondern als Auszeit, Selbstverwirklichung und sogar als Lebensstil – so wie es sein sollte.

Natürlich klappt das bei uns nur, weil wir einen sehr engagierten Vorstand haben, in dem junge und erfahrene Frauen gut zusammenarbeiten. Aktuell haben wir keine Probleme, neue Ehrenamtliche zu finden, das hat zwei Gründe: Erstens haben wir ein gutes Grundgerüst, können die Arbeit also auf mehrere Schultern verteilen. Neue Vorständinnen müssen keine Sorge haben, mit Arbeit überhäuft zu werden. Zweitens bereiten wir die Frauen transparent auf den Posten vor, gerade hospitieren drei junge Frauen im Vorstand und überlegen, voll einzusteigen. Am Ende gehört auch eine Prise Glück dazu, wir haben einige Entscheidungen getroffen, die fruchten – man kann sagen, wir schwimmen gerade auf einer Welle.

3. Hans Martin Gündner, Solarverein Marbach, Vorsitzender

Solarverein wurde 1999 mit dem Ziel gegründet, Bürger von einer PV-Anlage zu überzeugen und das Thema voranzutreiben. Der Verein hat in der Region Pionierarbeit geleistet und direkt viel Zuspruch bekommen. Mitte der 2010er Jahre vernachlässigte die Politik aber die erneuerbaren Energien und der Verein verlor an Fahrt.

2019 verhinderten einige engagierte Mitglieder die Auflösung, wählten einen neuen Vorstand und veranstalteten fünf sogenannte Werkstatttreffen – das war der Schlüssel, um neue Ziele zu definieren. Wir haben aktuell fünf Vorstände und rund acht aktive Personen im Beirat, die meisten sind in den ersten Jahren ihrer Rente.

Ich sehe keine Krise der Vereine, wir sollten nicht so viel jammern und anerkennen, dass sich die Gegebenheiten ändern und wir uns darauf einstellen müssen. Die größte Veränderung ist in meinen Augen die Sinnfrage, die Vereine beantworten müssen. In meiner Jugend waren Vereine eher Treffpunkte für bestimmte gesellschaftliche Gruppen. Die einen sind zum Tennis gegangen, die anderen zum Fußball – es ging darum, dazuzugehören. Das hatte oft mehr Stammtischcharakter.

Hans Martin Gündner. Foto: Simon Granville

Jetzt geht es jedoch viel stärker um die Sacharbeit, mehr Menschen wollen sich in ihrer Freizeit für eine gute Sache einsetzen, sei es für Menschen oder die Umwelt. Vielen geht es darum, der Freizeit Bedeutung zu verleihen. Das sehen wir auch bei unseren aktiven Mitgliedern, die der Klimawandel umtreibt. Viele von ihnen hatten gute Jobs, teilweise in Führungspositionen, und wollen jetzt etwas zurückgeben.

Es gibt immer noch genug Menschen in unserer Gesellschaft, die Vereine schätzen, das gilt auch für die Jugend. Während unseres Gemeinschaftsprojekts mit dem Friedrich-Schiller-Gymnasium Marbach treffe ich immer wieder Schülerinnen und Schüler, die hoch engagiert sind und sich einbringen wollen.

4. Klaus Stoffner, Musikverein Oberstenfeld, Vorstandsmitglied

In unserem Orchester spielten früher bis zu 45 Musiker, doch das ist Geschichte. Zwischenzeitlich waren wir nur noch acht Musiker, 2019 stand der Musikverein kurz vor einer Auflösung. Dann kam auch noch die Pandemie hinzu, viele Konzerte fielen aus, das Zugehörigkeitsgefühl sank.

Aus meiner Sicht gibt es zwei Gründe, warum es mittlerweile so schwer ist, eine große Musikkapelle in Oberstenfeld auf die Beine zu stellen. Zum einen sinkt die Verwurzelung im Ort. Früher haben viel mehr unserer Musiker in Oberstenfeld gelebt und gearbeitet, das Leben in der Gemeinde und damit auch im Verein war unmittelbarer.

Klaus Stoffner. Foto: Simon Granville

Zum anderen haben wir es schwerer, bei der Jugend zu punkten. In Oberstenfeld gibt es ein riesiges Angebot an Sport- und Freizeitaktivitäten. Das ist an sich erst einmal gut, doch ich beobachte, dass viele Kinder dadurch sprunghafter geworden sind, alles ausprobieren wollen und sich keiner Sache verschreiben. Doch ein Instrument zu lernen, braucht einfach Zeit und Geduld.

Ich blicke jedoch auch optimistisch in die Zukunft: Der Musikverein schrumpft zwar, hat sich jedoch auch auf die neuen Gegebenheiten angepasst. Wir haben uns vom Image des Blasorchesters verabschiedet, spielen in unserer zwölfköpfigen Band mittlerweile Rock, Pop und Schlager. Das kommt bei den Zuhörern super an, aber auch bei den Interessierten, die sich überlegen, bei uns mitzumachen.

Unsere Bedeutung in der Gemeinde und bei Festen ist immer noch groß, zudem können wir unsere Bildungsarbeit halten. Vor einigen Jahren haben wir ein Unterrichtskonzept mit der Lichtenbergschule und der Gemeinde Oberstenfeld auf die Beine gestellt.

Ich bin zwiegespalten. Klar, Vereine sind in der Krise, deren ursprüngliches Wesen wird immer weniger geschätzt. Doch Vereine wie unser Musikverein existieren weiter und leisten immer noch einen großen Beitrag.

5. Patrick Feghelm, TSV Asperg, stellvertretender Vorsitzender

Asperg wächst, an vielen Ecken werden Neubaugebiete errichtet, die Stadt ist bei Familien sehr beliebt. Und immer mehr wollen beim TSV Asperg Sport treiben. Wir haben ein vielfältiges Angebot in der Turnabteilung, tolle Handballteams, einen lebendigen Jugendfußball und ausgefallene Sparten wie Cricket. Doch die sportlichen Erfolge und der Anstieg unserer Mitglieder sind komplett konträr zu der Entwicklung des Ehrenamts, vor allem im Vorstand. Seit Jahren suchen wir einen Finanzvorstand und einen Nachfolger für unseren langjährigen Vorsitzenden Uli Meyer.

Woran liegt das? In meinen Augen wollen Menschen zwar in Vereinen Sport treiben, häufiger schließen sie sich dem jeweiligen Verein aber nicht an. Als Familie im Verein zu leben, wie es früher üblich war, kennen viele nicht mehr. Ich glaube, das ist nur teils auf den gesellschaftlichen Wandel zurückzuführen.

Patrick Feghelm. Foto: Simon Granville

Klar, das Berufsleben und die Freizeit werden immer stressiger, gleichzeitig ist die Arbeitswelt durch Home-Office und Video-Calls aber auch flexibler geworden, es gibt neue Räume für das Ehrenamt. Dass die Suche nach Helfern aber eine so große Herausforderung ist, liegt aus meiner Sicht daran, dass mehr Leute ihren Verein als selbstverständliches Angebot wahrnehmen. Die Bereitschaft sinkt, sich einzubringen und sich für etwas zu verpflichten.

Ich habe aber auch viel Hoffnung, dass wir diese Herausforderungen meistern. Beispielsweise sehe ich ein großes Potenzial bei Mitte 40-Jährigen, deren Kinder stehen langsam auf eigenen Beinen, die Karriere läuft – die müssen wir direkter ansprechen. Zweitens glaube ich, dass durch die Digitalisierung viele nervige Aufgaben wegfallen und das Ehrenamt dadurch attraktiver wird.

Drittens macht mir der Blick auf unseren Nachwuchs Hoffnung. Beispielsweise haben einige unserer Jugendspieler einen Fanclub gegründet, Fahnen gebastelt und unterstützen unsere erste Handballmannschaft lautstark bei jedem Spiel. Diese Jugendlichen zeigen, dass sie mehr wollen, als nur ein Vereinsmitglied zu sein.

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