Menschen mit Handicap haben in der Regel kaum eine Chance, eine Diskothek zu besuchen. Eine Kooperation zwischen dem Palazzo in Freiberg, den Theo-Lorch-Werkstätten sowie der Tanzschule Dance Chance macht das Unmögliche möglich.
Auf der Tanzfläche im Palazzo steppt der Bär. Aus den Boxen dröhnt „Layla“ von DJ Robin. Viele grölen mit, tanzen, hüpfen, klatschen, jubeln. Bei „Der Zug hat keine Bremse“ geht eine spontane Polonaise durch die Freiberger Disco. Doch nein, es ist nicht Samstagabend im Dancing Park Palazzo. Es ist Donnerstagmittag gegen 13.30 Uhr. Hier läuft gerade eine besondere Party mit besonderen Leuten. Die mehr als 200 Gäste sind Menschen mit Handicap.
Es ist eine Benefiz-Kooperation zwischen dem Palazzo, der Tanzschule Dance Chance aus Bietigheim und den Theo-Lorch-Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Aus deren Slogan „Ganz normal anders“ wurde an diesem Tag ein „Tanz normal anders“ und damit eine durchaus außergewöhnliche Aktion. Denn „Menschen mit Einschränkungen haben in der Regel nicht die Möglichkeit, in eine Disco zu gehen“, sagt Isabell Brando, die bei den Theo-Lorch-Werkstätten für die Kommunikation zuständig ist. Da geht es zum Beispiel um so banale Dinge wie die Toiletten. Sind sie barrierefrei? Es geht aber auch um die Barrierefreiheit der anderen Räume im Club. Es geht um den Transport dorthin, um den Eintrittspreis oder darum, ohne Betreuer überfordert zu sein – und vielleicht auch die bange Frage, ob man überhaupt am Türsteher vorbeikommt. All das war am Donnerstag im Palazzo längst geklärt, als die Party losging. Und eine junge Frau sagt auch prompt: „Ah, so sieht eine Disco von innen aus.“ Für die meisten ist es der erste Besuch.
Die Tanzfläche im Palazzo ist rappelvoll. Foto: Werner Kuhnle
Im Vorfeld wurden Busse für den Transport organisiert. Immerhin galt es, 200 Leute von den fünf Theo-Lorch-Standorten im Landkreis nach Freiberg zu bringen, etliche davon im Rollstuhl. An der Eingangstür des Palazzo wurde eine kleine Rampe angelegt, weil es dort eine leichte Erhöhung gibt. Die Toiletten im Club sind barrierefrei und groß genug, dass man mit dem Rolli hineinkommt. Der obere, nicht-barrierefreie Teil des Dancing Parks spielte an diesem Nachmittag keine Rolle. Aller Fokus, alle Energie ist auf der Tanzfläche.
Wo man hinschaut strahlende Gesichter
Dort dröhnt „Drei Tage wach“ und dann Shakiras „Waka Waka“. Die Partygäste tanzen, als gebe es kein Morgen – und als hätte es nicht gefühlte 35 Grad im Dancing Park. Das Gehopse ist schweißtreibend, selbst die, die nur am Rand stehen und eher zögerlich zum Takt wippen, sind schon durchgeschwitzt. Doch egal. Wo man hinschaut strahlende Gesichter. Die Nebelmaschine tut bedächtig ihre Arbeit, die Musik wummert, die Discokugel an der Decke glitzert.
Die Herausforderung, das Event zu planen, war groß. Noch größer ist aber die Begeisterung aller Beteiligten. Zu ihnen gehören DJ Manfred Mauermann von der Tanzschule Dance Chance und Sven Koch, Teamleiter bei den Theo-Lorch-Werkstätten in Ludwigsburg und von August an Standortleiter des Arbeitsbereiches in Bietigheim. Die beiden sind seit Jahren befreundet, sind über die Alpen gegangen und durch den Himalaja. Sie hatten die Idee, Menschen mit Handicap einen Discobesuch zu ermöglichen.
Weil Manfred Mauermann wiederum Palazzo-Chef Ekkehard Menninger kennt, denn er legt im Dancing Park immer mittwochs auf, kam schnell eine Kooperation zustande. Bei Menninger haben die Freunde jedenfalls offene Türen eingerannt. „Ich wollte schon lang mal was für Menschen mit Behinderung machen“, sagt der Geschäftsführer der Freiberger Disco. „Aber das war halt schwierig.“ Jetzt ist er happy. „Das läuft voll gut“, sagt er. Und: „Wenn das so gut ankommt, können wir das gerne öfter machen.“
Auch er unterstützt die Benefiz-Veranstaltung nach Kräften. Die Getränke gehen auf ihn, seine Mitarbeiter und er arbeiten an diesem besonderen Tag ohne Gage. Ebenso wie DJ Manfred Mauermann, der gerade hinter seinem Pult zu „Chechereche“ mithüpft und seinen Gästen auf der Tanzfläche ordentlich einheizt. „Jetzt alle in die Hocke“, ruft er beim nächsten Song. Die Beats werden lauter. „Warten . . .“ Und noch lauter. „Warten . . .“ Und noch lauter. Uuuuuuuund jetzt dröhnt der Refrain von „Johnny Däpp (Ich will Mallorca zurück)“ durchs Palazzo – und alle springen auf, tanzen und singen mit. Da staunt sogar Ekkehard Menninger. Er macht seit mehr als 45 Jahren Party im Palazzo und sagt: „So etwas hab’ ich noch nie erlebt.“ Isabell Brando kontert ganz lässig: „Ja, unsere Leute können feiern.“
Ein letzter Ohrwurm: „Cordula Grün“
Eine Wiederholung der Party ist nicht ausgeschlossen. „Wir müssen das nachträglich mal bewerten“, sagt Isabell Brando. „Es ist auf jeden Fall ein wichtiges Erlebnis und Ereignis für alle.“ Da die Theo-Lorch-Werkstätten nicht nur ausschließlich Arbeitgeber sind, sondern auch Förderung im Fokus steht, „gehören auch solche Highlights dazu. Das sind ja auch lebenspraktische Dinge.“ Auch für alle Betreuer und Beteiligten übrigens. Die Discobesucher aus den Theo-Lorch-Werkstätten zeigen eine Begeisterung, die alle mitreißt. Apropos: Auf der Tanzfläche geht es weiter mit Tanz, Gesang, Lachen. Ein letzter Ohrwurm sei gestattet: Es läuft „Cordula Grün“.