Menschenaffen und ihre Rechte Was wir unseren nächsten Verwandten schulden

Gorilla im alten Menschenaffenhaus der Stuttgarter Wilhelma Foto: Zweygarth
Gorilla im alten Menschenaffenhaus der Stuttgarter Wilhelma Foto: Zweygarth

Menschen schauen Menschenaffen im Zoo an. Beide Spezies sind eng miteinander verwandt. Die einen sind eingesperrt, die anderen nicht. Ist das zu rechtfertigen? Diese Frage hängt mit einer anderen zusammen: Handelt es sich bei Gorilla, Schimpanse und Co. um Personen? Ein Essay von StZ-Redakteur Alexander Mäder.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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Stuttgart - Wenn Kibo, der 22-jährige Silberrücken, die Wahl hätte zwischen der neuen Menschenaffenanlage in der Wilhelma und dem Regenwald in Westafrika, würde er sich für die Wildnis entscheiden? Natürlich müsste man ihn zuvor aufklären. Der Flachlandgorilla ist schließlich im Zoo geboren und kennt die Heimat seiner Artgenossen nicht. Auf einer Tafel an seinem Gehege ist zu lesen, dass Kibo ein guter Vater sei und selten aggressiv. Vielleicht würde er mit Rücksicht auf seine Frauen und Kinder auf das harte Leben im Regenwald verzichten, wo die Natur einen frühen, gewaltsamen Tod nicht ausschließt. Als Mensch würde man ihn verstehen, denn die meisten Vertreter dieser Spezies wünschen sich ein hohes Maß an Sicherheit.

Gerade liegt Kibo in einer Art Hängematte und nimmt von den Menschen auf der anderen Seite der Glasscheibe keine Notiz. Nur einmal schaut das Oberhaupt des Gorillaclans kurz und ausdruckslos in die Kamera eines Besuchers. Langweilt er sich? Stören ihn die Zuschauer? Oder hält er bloß mit routiniertem Blick Ausschau nach Gefahren? Der frühere Tierarzt Wolfram Rietschel hat einmal erzählt, dass Kibo seine Familie in Sicherheit gebracht habe, als er ihn kommen sah. Rietschel hatte dem Silberrücken einige Tage zuvor einen Zahn gezogen. Man kann Kibo verstehen.

Die Ähnlichkeiten sind mit Händen zu greifen

Auf der Tafel neben dem Gehege steht auch, dass Kibo nicht den intelligentesten Eindruck mache. Als Betrachter ist man hin- und hergerissen: Darf man in den Gesichtern der Menschenaffen lesen wie in denen anderer Menschen, oder interpretiert man dann zu viel Menschliches hinein? Dass es Ähnlichkeiten geben muss, ist am Gorillagehege mit den Händen zu greifen. Aber wenn es darauf ankommt, sie genau zu benennen und zu belegen, gerät man in Schwierigkeiten. Es heißt zum Beispiel, dass Schimpansen manchmal gemeinsam einen kleineren Affen jagen, um ihn dann, wenn er umzingelt ist, zu fressen. Bei Menschen wäre eine Treibjagd nur mit allerhand Kommandos möglich, doch im Grunde muss man sich dafür nicht absprechen. Wenn ein Schimpansenmännchen die Jagd beginnt und seine Artgenossen mitlaufen und sich dort positionieren, wo sie die beste Chance haben, den fliehenden Affen zu erwischen, ergibt sich der Kreis um das Opfer wie von selbst.

Manchmal liest man davon, dass Menschenaffen ähnliche geistige Fähigkeiten hätten wie dreijährige Kinder. Diese These geht auf psychologische Vergleichsexperimente mit Kindern und Affen zurück. Doch der Vergleich hinkt ein wenig, denn Kibo ist erwachsen: Er verfügt über Erfahrung und übernimmt Verantwortung für seinen Clan. So viel dürfte sicher sein, auch wenn man nicht genau weiß, wie viele Sorgen sich Kibo um die Seinen macht. Auch die Erfahrungswelt seiner jüngsten Tochter Milele muss anders sein als die eines Menschenkindes, denn obwohl sie erst 14 Monate alt ist, turnt sie schon behände durch das Gehege. Wenn man sich in Kibo hineinversetzt, spürt man streng genommen nur, wie es für einen selbst wäre, in einem Zoo zu leben: in Sicherheit, aber eingesperrt. Ob sich Kibo genauso fühlt?




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