Der Flüchtlingsstrom und das Fehlen staatlicher Ordnung auf der Route begünstigen den Menschenhandel. Das Stuttgarter Fraueninformationszentrum (FIZ) berät Opfer speziell aus Nigeria. Selbst in deutschen Unterkünften ist (Zwangs-)Prostitution möglich.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Victoria Olegbe (Name geändert) lässt es sich kaum anmerken. Doch ein knappes Schreiben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das sie ohne fremde Hilfe gar nicht verstehen würde, lenkt das Leben der Afrikanerin gerade in eine günstige Richtung. „Der subsidiäre Schutzstatus wird zuerkannt“, heißt es im Bürokratendeutsch. Nun kann sich die 30-Jährige sicher fühlen, nicht nach Nigeria oder Italien zurückgeschickt zu werden – in eine Vergangenheit, wo Verbrecher ihr Dasein bestimmten. „Ich bin glücklich, weil ich nun mein Leben führen kann“, sagt sie leise auf Englisch.

Weder Italien noch ihre afrikanische Heimat will sie wiedersehen, obwohl ihre Tochter in Nigeria lebt – bei einer Schwägerin, wo genau, weiß sie nicht. Doch in beiden Ländern würde sie, so die Angst, wieder von den Kriminellen angegangen oder gar in die Prostitution geschickt. Aus Südeuropa ist sie 2013 mit dem damals einjährigen Sohn vor einem Menschenhändlerring geflohen. Er könnte sich rächen wollen.

Viele Opfer stammen aus Nigeria

Übersetzt wird Olegbe die frohe Botschaft des BAMF von der Leiterin des Stuttgarter Fraueninformationszentrums (FIZ), Doris Köhncke. Die Fachberatungsstelle für Menschenhandel hat schon viele solcher Fälle erlebt, und der Flüchtlingsstrom lässt die Zahl rasant wachsen. 2015 hat das FIZ 23 Menschenhandelsopfer allein aus Nigeria betreut, auch weil Baden-Württemberg neben Bayern und Nordrhein-Westfalen speziell Flüchtlinge aus dem westafrikanischen Land aufnimmt.

Das FIZ könnte die Zahl der Betreuungsfälle deutlich steigern, wenn es die Kapazitäten dazu hätte. Die Mitarbeiterinnen sensibilisieren die Sozialarbeiterinnen in den Unterkünften für den Menschenhandel, weil Betroffene schwer zu erkennen sind. „Bei jedem Besuch haben wir bisher eine Frau mitgenommen, die mal ein Opfer war“, sagt Köhncke. „Wenn wir aktiver wären, bekämen wir noch mehr Frauen.“

Fast alle aus Nigeria stammenden Opfer werden in Edo, einem Bundesstaat im Süden des Landes, angeworben. Das hat historische Gründe: Einst war die Regierung reich durch den Ölboom, es gab viele Handelsbeziehungen zu Italien – in der Krise wechselten Kriminelle zum Frauenhandel.

Von armen Familien auf die Reise geschickt

Nigeria ist somit eine wesentliche Quelle, aber auch in Kamerun, Ghana oder Togo geraten junge Frauen in die Fänge der Verbrecher. Bereitwillig schicken die armen Familien vom Land ihre Töchter nach Europa, nachdem ihnen Lügen von regulären Verdiensten aufgetischt wurden. Nicht selten sind Angehörige sogar Mittäter und wissen, was die Mädchen in Wahrheit erwartet. Diese machen sich dann über Niger und Libyen in Richtung Mittelmeer auf, um im Schlauchboot nach Italien überzusetzen. Meist wird das Reisegeld vom Schlepperring vorgestreckt – mit der Maßgabe, die astronomisch hohen „Schulden“ später abzuarbeiten. Das Gesicht der Frauenhändler ist die „Madame“ am italienischen Zielort. Die Zuhälterin, selbst aus Nigeria stammend, treibt die Mädchen mal mit sanftem Zureden, mal mit brutalen Methoden auf den Straßenstrich. Victoria Olegbe wurde zwei Jahre lang in Italien unter Druck gesetzt – in Neapel und Florenz etwa. Sie selbst musste nur kurze Zeit anschaffen und entkam nach Deutschland, nachdem ein anderes nigerianisches Mädchen umgebracht worden war.

Im Prinzip ist jeder weibliche Flüchtling, der sich allein und mittellos auf den Weg macht, der Prostitution ausgesetzt. Die Frauen müssen ja von irgendetwas leben und den Schlepper bezahlen oder Zöllnern und Milizen zu Willen sein. „Ich glaube kaum, dass eine Frau mit dem Schiff und über Land durchkommt, ohne sexuelle Gewalt zu erleiden“, sagt die FIZ-Chefin. Auch dies ist ein Grund, warum vor allem Männer nach Deutschland kommen. Syrerinnen oder Irakerinnen sind meist finanziell besser ausgestattet und werden eher von Männern begleitet. „Dann sind sie einigermaßen geschützt – andernfalls besteht die Gefahr, dass man sich an ihnen vergreift.“

Prostitution gibt es auch in den Unterkünften

Köhncke hat auf einem Treffen von Fachberatungsstellen vernommen, dass Minderjährige auf dem Fluchtweg von Erwachsenen „adoptiert“ werden, was zunächst mehr Schutz bedeutet. In Europa werden die Kinder in die Prostitution gebracht. „Die Not von Flüchtlingen wird von der Organisierten Kriminalität ausgenutzt“, sagt die FIZ-Mitarbeiterin Jessica Schukraft. Das jüngste Opfer, das sie bisher betreut hat, war 18. Ein anderes Mädchen war ein Jahr älter, aber die war bereits mit 14 nach Italien geschafft worden und hatte vier erzwungene Abtreibungen hinter sich.

Mitunter blüht (Zwangs-)Prostitution sogar unter den Augen des deutschen Rechtsstaates: „Andere Beratungsstellen kennen Fälle, wo Frauen in der Unterkunft angeworben wurden und wieder in Ausbeutungsverhältnisse geraten sind“, sagt Schukraft. Auch das FIZ versucht herauszufinden, ob drei ihm bekannte Nigerianerinnen hier zum Anschaffen gezwungen worden seien. Organisiert wird so etwas entweder von Mitbewohnern oder von Angehörigen des Rotlichtmilieus – womöglich sogar in Kooperation mit Schlepperbanden.

Das Bundeskriminalamt hat Asylbewerberunterkünfte als Anwerbeort anerkannt. Das Landesinnenministerium hingegen hält Zwangsprostitution in Flüchtlingshäusern für „kein Thema“, wie ein Sprecher sagt. Diese betreffe laut Statistik zur Hälfte Rumäninnen und Bulgarinnen, aber kaum Frauen aus den Herkunftsländern, die bei den Asylbewerbern dominieren. „Das Landeskriminalamt hat dies noch nicht auf dem Schirm“, sagt Köhncke. „Wir wollen sie anregen, sich damit zu befassen.“ Sie vermutet, dass die Prostitution eher in externen Wohnungen stattfindet. Allerdings bemerkten auch Sozialarbeiterinnen in Aufnahmestellen fremde Männer – bei Nachfragen ist der Besucher ein „Verwandter“ oder „Bekannter“. Die Mehrfachbelegung der Zimmer ist da kein Hindernis.

Klagen über alltägliche Belästigungen

Wer jemals zur Prostitution gezwungen wurde, hat ständig Angst, dass die Menschenhändler wieder auftauchen oder dass der Familie in der Heimat etwas zustößt. Heute lebt Victoria mit ihrem dreijährigen Sohn, einer anderen Frau und deren Kind in einem vom Sozialamt gestellten Appartement im Stuttgarter Osten. Als besonders Schutzbedürftige ist sie sicher vor Männern. Vielen ähnlich traumatisierten Frauen ist dies nicht vergönnt. Große Unterkünfte nur für Frauen gibt es in Stuttgart nicht – und im Land hat nur Karlsruhe für die Erstaufnahme ein solches Vorzeigeprojekt zu bieten. Das ist viel zu wenig.

Neulich haben sechs Asylbewerberinnen der FIZ-Chef einhellig geschildert, dass keine von ihnen in der Unterkunft zwischen abends um 20 Uhr und dem hellen Morgen das Zimmer verlasse – auch nicht, um zur Toilette zu gehen. In anderen Kulturen gilt eine Alleinstehende den traditionell erzogenen Männern mehr oder weniger als Freiwild – zudem war Sexualität in ihrer Erziehung eher ein Tabuthema. Beide Faktoren lassen sie Grenzen überschreiten. Auch der Kölner Flüchtlingsrat hat sich jetzt mit der Beobachtung von sexueller Belästigung in Flüchtlingsheimen an die Öffentlichkeit gewandt – er rechnet mit einer relativ hohen Dunkelziffer. Selbst wenn es nicht zu handfesten Übergriffen kommt: Schon die verbale Belästigung schüchtere die Frauen über das Erlebte hinaus in hohem Maße ein, sagt Köhncke.

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