Menschenkette am Kirchentag Der Frieden darf nur am Rande eine Rolle spielen

Zahlreiche Friedensaktivisten sind auf die Kirchentagsleitung nicht gut zu sprechen. Ihr Thema wurde an den Rand gedrückt. Hunderte kamen trotzdem, um mit einer Menschenkette für die Schließung von Eucom und Africom zu demonstrieren.

Trotz sengender Hitze demonstrieren Hunderte für den Frieden. Foto: dpa 7 Bilder
Trotz sengender Hitze demonstrieren Hunderte für den Frieden. Foto: dpa

Stuttgart - Es hat dann am Ende doch ganz gut geklappt. Von der Friedenskirche im Stuttgarter Osten, vorbei am Schauspielhaus, entlang der Konrad-Adenauer-Straße bis hin zum Stauffenbergplatz reichte die Menschenkette, mit der zahlreiche Friedensorganisationen und Initiativen am Rande des Kirchentages demonstrierten. „Africom und Eucom schließen“ lautete dabei das Motto. Die beiden US-Kommandozentralen auf Stuttgarter Gemarkung seien für Tod und Leid auf der Welt verantwortlich, so die Überzeugung der Demonstranten.

Um fünf vor 12 war die Kette geschlossen, eine Stunde zuvor sah es nicht danach aus, als ob die 2,5 Kilometer lange Strecke mit genügend Menschen gefüllt werden könnte. Samstag Morgen, elf Uhr vor dem Schauspielhaus. Die Gruppe der Friedensbewegten ist überaus überschaubar, und sehr viel leiser als die Berliner Band „Lankwitz horns“, die auf der Bühne gegenüber Spirituals, Pop-Hits und neue geistliche Lieder zum Besten gibt. Um die Ecke treffen sich die Gegner von Stuttgart 21, um ebenfalls lautstark und die Trommel schlagend zu ihrem Protestzug aufzubrechen und unter ein paar gewaltigen Bäumen, die das Glück haben weit genug entfernt von der Bahnhofsgroßbaustelle stehen zu bleiben, tanzen, klampfen und musizieren Vertreter der Zwölf Stämme. Die Glaubensgemeinschaft, die in einem Dauerkonflikt mit dem deutschen Staat steht, weil sie ihre Kinder selbst unterrichten will, hat um die Ecke einen Stand, an dem sie ihre Sicht der Dinge erklärt.

Margot Käßmann reiht sich ein

Dass sich auch die Friedensinitiativen hier, am Rande des offiziellen Kirchentagsgeschehen, treffen müssen, das mache ihn „wütend und traurig“, sagt Paul Russmann von der ökumenischen Aktion ohne Rüstung leben. Er hätte sich mehrere Tausend Teilnehmer gewünscht, nicht mehrere hundert. Und er sei überaus verärgert darüber, dass der Kirchentag das Thema Frieden nicht in den Mittelpunkt seines Programms gerückt hätte. Zu diesem Zeitpunkt hat Russmann noch nicht gewusst, dass die Menschen um das Neue Schloss herum und in Richtung Stauffenbergplatz sehr viel dichter standen, als vor dem Schauspielhaus.

Dort fand sich immerhin auch Margot Käßmann ein, die Lutherbotschafterin, die beim Eröffnungsgottesdienst die 10 000 Zuhörer in der Schleyerhalle begeistert hatte. „Ich denke, dass viele nichts von dieser Aktion wußten, weil sie nicht im offiziellen Programm erschienen ist“, sagt die frühere Hannoveraner Bischöfin. Viele, die sich früher sehr in der Friedensarbeit engagiert hatten, seien nun vollauf mit dem Thema Flüchtlingshilfe beschäftigt, so ihre Beobachtung. Von der Wichtigkeit der Friedensaktionen sei sie allerdings nach wie vor überzeugt.

„Krieg ist nicht nur da, wo Bomben fallen“

Gründe für die Forderung, die US-Kommandozentralen zu schließen nannte Jörg Schmid von der Organisation Stuttgarter Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges. „Krieg ist nicht nur da, wo Bomben fallen, auch da, wo das Militär die Strippen im Hintergrund zieht und darüber entscheidet, wer es wert ist leben zu dürfen oder sterben zu müssen“. Das musste er den hier versammelten nicht zweimal sagen, die bunten Bänder mit der Aufschrift „Africom und Eucom schließen“ waren bereits 20 Minuten vor dem Schluss der Menschenkette ausverkauft.

In der Mittagshitze der Adenauer-Straße waren die bunten Bänder nicht ganz unpraktisch, um den Raum zum Nebenmann zu schließen. In der Nähe von Neuem und Altem Schloss aber standen die Menschen dicht an dicht. „We shall overcome“ klang es da hie und dort aus den Reihen, in denen zwar die älteren Semester dominierten. Immer wieder stachen aber auch junge Gesichter hervor. Nachwuchssorgen braucht sich die Friedensbewegung offenbar nicht ernsthaft zu machen .

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