Anderen unbedingt gefallen wollen, Angst vor dem Verlassenwerden, geringes Selbstwertgefühl, Verbleiben in ungesunden Beziehungen? Laut Tausenden Posts in sozialen Netzwerken oder auch dem einen oder anderen Bestseller ist dies alles ein Anzeichen für eine sogenannte Trauma-Reaktion, also Verhaltensweisen, denen ein schweres Trauma im Leben vorausgegangen sein muss.
Ist jetzt alles pathologisch?
Ebenso wie Narzissmus, Trigger oder ADHS, eigentlich alles psychologische Fachbegriffe, hat auch der Begriff Trauma Einzug gehalten in die Alltagssprache vieler Menschen und wird oft längst synonym für erlittene Verletzungen oder eine unglückliche Kindheit verwendet. „Das Traumatische verschwimmt in der Alltagssprache inzwischen mit dem schlicht Traurigen“, sagt der Berliner Psychologe und Verhaltenstherapeut Thorsten Padberg.
Das US-amerikanische psychiatrische Klassifikationssystem DSM-5 aber definiert nur solche Ereignisse als traumatisch, die reale oder potenzielle Todesbedrohungen, ernsthafte Körperverletzungen oder sexuelle Gewalt beinhalten. Typische Ereignisse, die als traumatisch eingeordnet werden, sind Vergewaltigung, körperliche Misshandlung, Terroranschläge, Kriegs- und Fluchterlebnisse, Folter, eine lebensbedrohliche Krankheit, aber auch Naturkatastrophen.
Der Begriff war äußerst schlimmen Erlebnissen vorbehalten
Auch andere schwere Schicksalsschläge wie der Verlust eines langjährigen Partners durch Tod oder Trennung sowie ein ungewollter Jobverlust können einen Menschen schwer und lange belasten, werden aber bei der Definition des Trauma-Begriffs ausgeklammert. „Traumatische Erfahrungen können sich unterschiedlich zeigen und sind auf ebenso viele unterschiedliche Ursachen und Ereignisse zurückzuführen“, sagt der Potsdamer Psychologe und Verhaltenstherapeut Anatol Bräunig, der auf seinem Instagram-Account „Psychotherapie_Wissen“ über psychologische Themen und Krankheiten aufklärt. Es sei ein recht komplexer und auch zeitintensiver Prozess, traumatische Erfahrungen als solche zu erkennen, sagt er.
Belastende biografische Erfahrungen als Trauma zu bezeichnen, sieht er kritisch. Denn der Begriff habe eine klinische und diagnostische Bedeutung. „Zwischen ungünstiger Prägung und Trauma sollte gründlich differenziert werden“, sagt Bräunig. So entwickeln Menschen zwar womöglich Verhaltensweisen, Grundannahmen und Muster, die durchaus zu einem Leidensdruck in ihrem Leben führen und die auf schwierige Bedingungen in der Kindheit zurückzuführen sind, aber keine traumatische Qualität haben, ergänzt er. Oft werde der Begriff dadurch verwässert.
Letztlich könne es sogar dazu führen, dass Menschen, die tatsächlich unter einem Trauma leiden, nicht die angemessene Unterstützung und Aufmerksamkeit erhalten. Verhaltensweisen, wie viel zu reden, Perfektionismus oder das Bedürfnis, anderen gefallen zu wollen, können nämlich zig Ursachen haben, das muss kein Trauma gewesen sein.
Durch diese Allgemeinplätze werden psychische Probleme aber banalisiert. „Der Psychologie-Diskurs hat sich längst in den Alltagsdiskurs eingefressen“, sagt Thorsten Padberg. Oft implizieren aus seiner Sicht Ratschläge, wie sich selbst und die eigene Widerstandskraft zu stärken, dass man traumatische Erlebnisse vermeiden könne.
Er verweist auf eine Studie, die im Auftrag der deutschen Bundeswehr durchgeführt wurde, nach der diejenigen Soldaten nach einem Kriegseinsatz traumatisiert waren, die schon vorher Depressionen oder Alkoholprobleme hatten. „Das würde bedeuten, nicht der Krieg war der Auslöser, sondern die eigene Persönlichkeit“, sagt Padberg. Die Attraktivität des Trauma-Begriffs kommt laut Thorsten Padberg aber nicht nur aus sozialen Netzwerken, sondern auch aus dem Diagnosehandbuch DSM-5.
Häufig werden einfach nur noch Symptome gezählt
Ziel sei ursprünglich gewesen, Diagnosen zu vereinfachen, dies habe aber nun dazu geführt, dass häufig schlicht einfach Symptome gezählt oder ungünstige Verhaltensweisen auf ein Trauma zurückgeführt würden. „Wenn man über vergangene, schlimme Ereignisse spricht, muss man nicht immer den Trauma-Begriff verwenden“, sagt Padberg. Das greife aus seiner Sicht häufig eine Nummer zu hoch.
Eine Fehlgeburt oder auch der Tod eines Haustieres – „das kann für Menschen extrem belastend sein, aber die Psychologie muss das anders betrachten“, sagt Padberg. So müssten Betroffene, um einen schweren Schicksalsschlag zu beschreiben, das Wort Trauma gar nicht verwenden. „Dadurch kriegt alles so etwas Klinisches und wirkt wie etwas, das nur Experten behandeln können.“ Oft mache es Betroffene erst recht hilflos. „Die Akzeptanz wird dadurch erschwert“, sagt Padberg.
Manche Patienten müsse er in der Therapie zunächst erst von bestimmten Begriffen lösen. Zudem, so Padberg, könne eine zu leichtfertige Verwendung des Begriffs Trauma auch zu einer „Rhetorik des Wohlwollens“ innerhalb des Diskurses führen, wenngleich am Ende dann doch wieder der Einzelne beschuldigt werde. „Und es impliziert auch: Du bist an nichts schuld! Alles ist das Ergebnis von dem, was dir passiert ist“, sagt Padberg. Das wäre aber nur der erste Schritt: Man wird entlastet, und das macht den Trauma-Diskurs für viele so attraktiv.
Aber es gebe auch generell für niemanden eine Verpflichtung, alles ständig wieder heraufzuholen, zu bearbeiten und aufzulösen. „Wir müssen nicht ständig in die Vergangenheit schauen“, sagt er. Wer ständig in der Vergangenheit wühle, der bleibe eher dort hängen und vergesse, im Jetzt zu leben und Ziele in der Zukunft zu verfolgen.
Was ist eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)?
Diagnose
Die typischen Symptome bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung sind sich aufdrängende, belastende Erinnerungen an das Ereignis, sogenannte Flashbacks sowie wiederkehrende Albträume und Vermeidungsverhalten. Auch eine emotionale Stumpfheit, Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit der Umgebung und anderen Menschen gegenüber, aktive Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten, können auftreten. Auch Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Wachsamkeit und übermäßige Schreckhaftigkeit sind häufig zu beobachten. Bei vielen Betroffenen ist das Selbst- und Weltbild erschüttert.
Folgen
Der Verlauf körperlicher Erkrankungen kann durch eine PTBS negativ beeinflusst werden. Das Risiko für Suchterkrankungen, Depressionen und andere psychische Erkrankungen steigt stark an.
Körperliche Symptome
Es können beim Betroffenen physische Reaktionen wie Zittern, Schwitzen, erhöhte Herzfrequenz und Blutdruck auftreten ebenso wie Atemnot und Schüttelfrost und emotionale Reaktionen wie Orientierungsverlust, Aggression oder Niedergeschlagenheit. Auch kognitive Reaktionen wie Sprachschwierigkeiten, ein Gedächtnisverlust (Amnesie) oder auch dissoziative Zustände können auftreten. Die Symptome treten oft erst eine Weile nach dem auslösenden Ereignis schleichend auf und werden dann meist nicht als Trauma-Folge erkannt. (nay)