Neustart mit der Abfindung „Ich brenne für Sport“: Mercedes-Mitarbeiterin gründet Fitness-Studio

Melina Kreischer hat zehn Jahre bei Mercedes gearbeitet. Foto: Ferdinando Iannone

Melina Kreischer hat ihre Karriere bei Mercedes-Benz beendet, um sich ihren Traum vom eigenen Lagree-Studio zu erfüllen. Möglich wurde der mutige Schritt auch durch die Abfindung.

Digital Desk: Chiara Sterk (chi)

Bis vor Kurzem noch war Melina Kreischer, 31 Jahre alt, in der Daten-Monetarisierung bei Mercedes-Benz. Heute plant sie die Eröffnung ihres eigenen Lagree-Studios, einer Weiterentwicklung des Pilates. Die Entscheidung, den Konzern zu verlassen, fiel ihr nicht leicht – aber sie war notwendig, wie sie sagt. „Ich mache keine halben Sachen, entweder ganz oder gar nicht. Wer mich kennt, weiß, dass ich seit jeher für Sport und einen gesunden Lebensstil brenne“, sagt sie. Jeden Tag stehe sie auf der Matte, fahre Rad oder gehe spazieren. Seit diesem Jahr unterrichte sie selber auch Pilates-Kurse. Mit ihrem eigenen Studio verwirklicht sie sich nun einen lang gehegten Traum und will einen Ort schaffen, an dem Sport, Gesundheit und Arbeit gemeinsam gelebt werden können. Ende April hat Kreischer daher ihren Abfindungsvertrag unterschrieben und den Automobilkonzern Ende Juni verlassen.

 

In der Regel bewegen sich die Summen, die den Mitarbeitenden bei Mercedes-Benz dabei angeboten wurden, im sechsstelligen Bereich – je nach Betriebszugehörigkeit, Position und Boni variiert die Summe. Die Abfindung helfe Kreischer, weil wegen der Räumlichkeiten ihres Studios und der Sportgeräte für die Kurse hohe Materialkosten auf sie zukommen.

Dass Kreischer die Abfindung annehmen würde, wenn ihr eine angeboten werde, war ihr schon länger klar. An einem Freitagmittag im Februar hat sie zum ersten Mal nach Räumen für ihr eigenes Studio gesucht. „Am Abend hatte ich dann ein kurzes Konzept und eine Woche später einen Businessplan sowie eine Bank, die mir das Ganze finanziert.“ Aber wie das oft bei Selbstständigen so ist, sitze man dafür dann eben nach Feierabend und am Wochenende noch am Laptop, sagt sie. „Ganz abschalten kann man da nie.“

„Habe manchmal noch schlaflose Nächte“

Erst kurz darauf erfährt sie von den geplanten Sparmaßnahmen. „Ich weiß gar nicht, ob ich das gewagt hätte, wenn ich die Abfindung nicht bekommen würde“, sagt sie ehrlich. So müsse sie sich nun nicht direkt darum sorgen, dass ihr Studio sofort rentabel sei, weil ihre Fixkosten erst einmal gedeckt seien. Das gebe ihr die Freiheit, nicht bei den erstbesten Räumlichkeiten zusage zu müssen. „Ich würde aber trotzdem lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass ich manchmal noch schlaflose Nächte habe.“

Die bei Lagree verwendeten Geräte ähneln denen beim Pilates. Foto: IMAGO/Cavan Images

Lagree hat sich aus dem Krafttraining entwickelt und kommt ursprünglich aus den USA, erläutert Kreischer. Auch wenn die beim Lagree verwendeten Geräte denen aus dem Pilates ähneln und beide Sportarten auf der Verbesserung von Kraft, Flexibilität und Körperhaltung basieren, unterscheiden sie sich in ihrem Ansatz und ihrer Intensität. Lagree steht für besonders langsame Bewegungen, „der Muskel steht länger unter Spannung – das macht es so anstrengend“.

„Fühlt sich an wie eine Beziehung, mit der man schon abgeschlossen hat“

„Bei meinem Ausstand habe ich gesagt, ich kenne mich ohne Mercedes gar nicht“, erzählt sie. Ihr Job sei nun einmal ein großer Teil ihrer Identität, auch weil sie seit jeher bei Mercedes-Benz gearbeitet habe. „Ich hatte eine geile Zeit, habe ultra viel gelernt und tolle Leute kennengelernt – und bin jetzt einfach froh, mich einem anderen Thema widmen zu können.“ Dass das auch angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation gelingen kann, da ist sie optimistisch: „Der Wirtschaft geht’s schlecht, aber in den Individualsport stecken die Menschen noch Geld.“

Die Abfindung anzunehmen und das Unternehmen zu verlassen, sei daher keine Entscheidung gegen das Unternehmen, sondern für ihre Leidenschaft. Emotional sei sie weniger, es fühlt sich mehr an „wie eine Beziehung, mit der man schon abgeschlossen hat“.

Kreischer ist 2015 beim Automobilhersteller eingestiegen, damals über ein Praktikum ihres Crossmedia-Redaktion-Studiums an der Stuttgarter Hochschule der Medien. Im Anschluss an ihr Studium hat sie nicht nur zwischen den Standorten in Vaihingen, Sindelfingen und Untertürkheim gewechselt, sondern auch einige Abteilungen durchlaufen. So war sie im Truck-Einkauf tätig, im Eventmanagement, in der Kommunikationsabteilung hat sie zunächst den internationalen Intranet-Auftritt begleitet und später Linked-In des Produktionsvorstands betreut sowie seine Reden geschrieben. Zuletzt war sie seit drei Jahren als Produktmanagerin Daten im Vertrieb.

„Wer mit seinem Mercedes-Auto durch die Gegend fährt, kann sich dafür entscheiden, die Daten zu spenden.“ Da gehe es darum, Orte zu identifizieren, an denen das Auto eingegriffen und gebremst oder die Geschwindigkeit reduziert hat, um Schlimmeres zu verhindern. Intervenieren mindestens vier Fahrzeuge an einem Ort, wird die Stelle als Hotspot kategorisiert – und an Städte verkaufen. „Dort wird dann entschieden, ob neue Schilder aufgestellt werden oder ein Spiegel aufgestellt wird.“

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