Mercedes-Controllerin wird Autorin Neustart nach der Abfindung: „Jeder sollte an seine Träume glauben“

, aktualisiert am 09.03.2026 - 16:15 Uhr
Nach ihrer Abfindung wagte Sarah Lee Wohn den Neustart als Schriftstellerin. Foto: Gottfried Stoppel

Sarah Lee Wohn verlässt nach 14 Jahren bei Mercedes den sicheren Konzernjob. Sie nimmt eine Abfindung an – und startet mit ihrem Fantasy-Roman plötzlich international durch.

Volontäre: Marie Part (par)

„So etwas funktioniert nicht. Da kann man kein Geld mit verdienen“ – diese Botschaft habe sie schon früh zu hören bekommen, erzählt Sarah Lee Wohn. Also entschied sie sich nach dem Abitur für „etwas Bodenständiges, etwas Gescheites“. Sie studierte BWL, machte Karriere im Controlling bei Mercedes – und traf nach 14 Jahren im Konzern eine Entscheidung, die ihr Leben veränderte: Sie nahm die Abfindung an und wurde Autorin.

 

Mit ihrem Debütroman „Darkness Births the Stars“ veröffentlichte Sarah Lee Wohn im September 2025 den ersten Band einer geplanten fünfbändigen Romantasy-Serie: eine epische Liebesgeschichte zwischen zwei Göttern, die eigentlich Feinde sein sollten.

Der englische Roman entwickelte sich rasch zum riesen Erfolg: Über 5000 verkaufte Exemplare in den ersten zwei Monaten, ein Audiodeal mit dem US-Verlag Podium Entertainment und internationale Anfragen für Übersetzungen. Heute wird sie weltweit von BookTok-Accounts empfohlen. Das Buch ist in englischsprachigen Ländern wie den USA, Kanada und Australien im Buchhandel erhältlich – darüber hinaus kann es weltweit online über Amazon bestellt werden.

„Darkness Births the Stars“ ist der erste Band einer geplanten fünfbändigen Romantasy-Serie Foto: Gottfried Stoppel

Von der Mercedes-Controllerin zur Romanautorin

Sarah Lee Wohn ist 39 Jahre alt. Gebürtig kommt sie aus Fulda, doch mit 19 Jahren zog sie nach Baden-Württemberg, um in Ulm zu studieren. „Ich habe damals schon überlegt, Autorin zu werden. Aber ich habe mich nicht getraut“, erzählt sie. Nach dem Abschluss ging es für sie nach Stuttgart. Denn zu der Zeit fing sie als Trainee bei Mercedes an.

Dann, vor etwa vier Jahren, baute sie zusammen mit ihrem Mann Christian, der als Wirtschaftsingenieur bei der Firma Stihl in Waiblingen arbeitet, ein Haus in Berglen (Rems-Murr-Kreis). Dort leben sie auch jetzt – mit ihrer vierjährigen Tochter Lilia und ihrem sechsjährigen Sohn Jona.

Sarah Lee Wohn arbeitete bei Mercedes-Benz im Bereich Controlling und Finance – mit unterschiedlichen Schwerpunkten über fast 14 Jahre hinweg. Zu Beginn war sie im Beteiligungscontrolling beschäftigt und betreute europäische Tochtergesellschaften von Mercedes. Anschließend war sie viele Jahre als Produktcontrollerin tätig und begleitete Motorenentwicklungsprojekte aus finanzieller Perspektive. Zuletzt wechselte sie in die Entwicklung von Businessmodellen.

Dass ausgerechnet eine Controllerin, die jahrelang mit Zahlen, Budgets und Businessplänen arbeitet, zur Romanautorin wird, mag überraschend wirken. Doch sie war eben schon immer eine Leseratte, „also wirklich dieses typische Kind, das immer ein Buch mitgeschleppt hat“. Schon als kleines Mädchen und auch später habe sie immer gesagt, dass sie Autorin werden möchte.

Corona und Elternzeit als Wendepunkt

Zwei Dinge mussten zusammenkommen, um Sarah Lee Wohn wieder zum Schreiben zu bringen: die Coronapandemie und die Elternzeit nach der Geburt ihres ersten Kindes. „Wenn man immer im Berufsleben gestanden hat, Vollzeit gearbeitet hat, und plötzlich ist man zuhause, dann fragt man sich schon: Was mache ich eigentlich? Wie sehe ich mich selbst?“, sagt sie.

Ihr Alltag sei auf einmal komplett auf das Kind ausgerichtet gewesen, der Job erst einmal hinten angestellt. Durch Corona habe sich dieses Gefühl noch verstärkt. „Ich habe mich isoliert gefühlt“, erzählt sie. Das Schreiben wurde für sie in dieser Zeit zum Ausgleich, fast zu einem Rettungsanker.

Und es war auch der Moment, in dem sie begann, vermehrt auf Englisch zu schreiben – eine Sprache, in der sie seit Jahren liest und in der sich das Erzählen für sie überraschend natürlich anfühlte. In dieser Zeit schrieb Sarah Lee Wohn viel online, vor allem in Fanfiction-Communities – und merkte schnell, dass ihre Geschichten gut ankamen.

Ihr Mann wusste Bescheid – hielt es aber für ein Hobby. Als er jedoch sah, wie viele Leser seine Frau online erreichte, bestärkte er sie darin, ein eigenes Buch zu schreiben – und gab ihr damit den entscheidenden Anstoß. Passenderweise war gerade Silvester: „Ich habe mir vorgenommen, ein Buch zu schreiben und es herauszubringen, bevor ich 40 werde“, erzählt Sarah Lee Wohn.

Als es an die konkrete Planung ging, kam die Mercedes-Controllerin in ihr durch: Sie erstellte eine Excel-Tabelle mit Wörterzielen pro Woche. Auch ein Gantt-Chart malte sie sich auf – ein Balkendiagramm zur Terminplanung. „Mercedes hat immer diesen ganz strikten Entwicklungsprozess mit Meilensteinen, die erreicht werden müssen, damit an einem fixen Datum ein Auto herauskommt“, erklärt sie. Diesen Prozess hat sie auf ihre Arbeit als Autorin übertragen.

Abfindung bei Mercedes: So gelang ihr der Karrierewechsel

Dass Sarah Lee Wohn zu dem Zeitpunkt schon wieder bei Mercedes arbeitete, war für sie kein Hindernis. Für fast ein Jahr stand sie jeden Morgen um vier Uhr auf und schrieb zwei Stunden lang an ihrem Buch. „Es war stressig und anstrengend, doch die Zeit hat mich super glücklich gemacht“, erzählt sie. Damals kam ihr schon der Hintergedanke, bei Mercedes aufzuhören.

„Ich habe meinen Job bei Mercedes eigentlich immer gemocht, aber die Stimmung im Unternehmen hat sich in den letzten Jahren verändert“, sagt sie. Sie beschreibt eine nachlassende Wertschätzung und das Gefühl, ein Kostenfaktor zu sein. Im Sommer 2024 war dann das erste Mal von Abfindungsprogrammen die Rede. Das war gerade die Zeit, in der Sarah Lee Wohn ihren ersten Roman-Entwurf zum Editor geschickt hatte.

Da fragte Sarah Lee Wohn sich, ob es nicht ein Wink des Schicksals sei. Ob sie jetzt mutig sein sollte, die Abfindung nehmen und gehen sollte. „Das Buch war noch nicht draußen. Es war noch komplett unklar, ob es gut ankommt, ob es reicht vom Finanziellen“, erzählt sie. Es gab Nächte, in denen sie stundenlang wach lag und grübelte.

Gemeinsam mit ihrem Mann ging sie die Sache pragmatisch an: „Wir haben uns hingesetzt und alles durchgerechnet“, erzählt sie. Und dann war für sie irgendwann klar, dass sie es bereuen würde, wenn sie es nicht versucht. Dann ging alles ganz schnell. Sie nahm die Abfindung an. Zum 1. Juli 2025 verließ sie Mercedes.

Warum sie den Konzern nicht vermisst

Aktuell verfasst die Autorin den zweiten Band ihrer Buchreihe, der am 7. November veröffentlicht werden soll. Um rechtzeitig fertig zu werden, hat sie ihren Arbeitsalltag klar strukturiert: „Ich fange spätestens um 8 Uhr morgens an und schreibe dann erst einmal vier Stunden“, sagt sie. Im Anschluss kümmert sie sich ums Organisatorische und um Social Media, bis die Kinder nach Hause kommen. Alles, was sie nicht schafft, holt sie abends und am Wochenende nach.

Die Entscheidung, Mercedes zu verlassen, bereut Sarah Lee Wohn überhaupt nicht: „Das Gefühl, sich am Sonntagabend so auf Montag zu freuen, weil man wieder arbeiten darf, ist zu schön“, erzählt sie und lächelt. Der Unterschied zu früher sei auf der einen Seite fast ein bisschen traurig, meint sie nachdenklich. Weil sie dieses Gefühl jahrelang nicht hatte – und weiß, „dass es vielen so geht, dass man den Beruf nur aus Sicherheit und Geldgründen macht“.

Sie ist überzeugt, dass jeder an seine Träume glaube sollte und hat gemerkt, dass Sicherheit eben doch nicht alles ist. Es sei wichtiger, etwas zu tun, das einen erfüllt: „Wenn das nicht mehr gegeben ist, dann würde ich lieber Risiken in Kauf nehmen als mich damit abzufinden – dafür ist das Leben zu kurz.“

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