Mercedes des Ministerpräsidenten Der lange Streit über Kretschmanns „Sardinenbüchse“

Kretschmann und sein Dienstwagen – nicht gerade eine Liebesbeziehung. Foto: dpa
Kretschmann und sein Dienstwagen – nicht gerade eine Liebesbeziehung. Foto: dpa

Wofür braucht Winfried Kretschmann 441 PS? Um seinen Dienstwagen debattiert die Landesregierung schon seit Jahren mit Umweltschützern. Meistens kann sich Mercedes auf den Ministerpräsidenten verlassen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)
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Stuttgart - Winfried Kretschmann provozierte mal wieder lebhafte Diskussionen im Internet. Mehr als 60 000-mal wurde alleine das SWR-Video aufgerufen, in dem er seinen Dienstwagen verteidigt. „Ich hock’ da wie ’ne Sardine in der Büchse“, klagte er über die Enge der S-Klasse, „besonders fürstlich“ fühle er sich nicht chauffiert. Immerhin gehe es ihm „besser wie der Queen in ihrer Kutsche“.

Auf die Frage, wofür er eigentlich 441 PS brauche, wollte Kretschmann offenbar nur deutlich machen, dass für ihn als 1,92-Meter-Mann das Arbeiten im Auto kein besonderes Vergnügen ist. Teilweise fand er in den Internetforen dafür Verständnis, doch das kritische Echo überwog. Eine S-Klasse, das Beste von Mercedes, genüge ihm nicht – das zeige, wie abgehoben der Grüne inzwischen sei, hieß es etwa. Viele amüsierten sich einfach nur über seine knorzige Erklärung: S-Klasse stehe bekanntlich für „Sardinenklasse“, witzelte der SWR.

Frage nach Pferdestärken bleibt offen

Ganz so neu, wie Kretschmann vorgab, kann ihm das Thema nicht gewesen sein. Immer wieder wurden seine Dienstwagen kritisch ins Visier genommen. Seit November ging es darum auch in einer Korrespondenz zwischen drei Stuttgarter Umweltverbänden und dem Staatsministerium. Per Brief hatten die sich beim Ministerpräsidenten erkundigt, was er etwa zum Vormarsch der Pseudo-Geländewagen („Protzbrocken“) oder den frisch auf der IAA vorgestellten dreckigen Dieseln sage – und nebenbei nach seinen 441 PS gefragt. Müsse er wirklich mit Tempo 250 zu seinen Terminen fahren, reichten nicht auch 120?

Ein Abteilungsleiter dankte im Antwortschreiben für das Engagement für den Klimaschutz, der auch der Regierung ein „zentrales Anliegen sei. Mit „großer Sorge“ beobachte man den Anstieg der CO2-Emissionen im Verkehrsbereich. Ansonsten verwies er auf den Kampf des Landes um die Blaue Plakette und die fehlende politische Mehrheit für ein Tempolimit. Die Frage nach den Pferdestärken blieb, auch auf Nachfrage, bisher unbeantwortet.

„Man kann mit ihm auch überholen“

Für den Mercedes S-500 Plug-in-Hybrid in der Langversion, stellte jetzt die Staatskanzlei klar, hätten drei Kriterien den Ausschlag gegeben. Der Wagen sollte einen möglichst geringen CO2-Ausstoß haben – 65 Gramm je Kilometer seien „hervorragend“ –, er solle von einem baden-württembergischen Hersteller kommen, und er solle „Langstrecken und Arbeitsplatzqualität“ bieten; der Verbrauch liege laut Hersteller bei 2,8 Litern. Daimler spricht von einem „echten Dreiliterauto mit großzügigem Platzangebot und überragendem Antriebskomfort“. Letzteren meinte der Regierungschef wohl, als er sagte, man könne „mit ihm auch überholen“.

Doch die Frage, wie umweltfreundlich Kretschmanns Autos sind, ist seit Jahren ein Streitthema zwischen der Staatskanzlei und der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Bei deren Dienstwagenvergleich für 2017 kam der Stuttgarter unter den Kollegen immerhin auf den fünften Platz, die Flotte seines gesamten Kabinetts landete nur auf Rang 13. Die Kalkulation der DUH, moniert die Regierungszentrale seit Langem, sei wegen der pauschalen Kriterien „unseriös und populistisch“.

Dissens mit der Umwelthilfe

So werde nicht berücksichtigt, dass das Staatsministerium die S-Klasse ausschließlich mit Ökostrom lade. Ebenso wenig finde es Eingang, dass Kretschmann in Berlin einen zweiten Dienstwagen mit Brennstoffzelle nutze. Und auch der Verzicht auf eine Panzerung „aus ökologischen Gründen“ werde nicht honoriert. Der einst gute Gesprächskontakt zwischen dem DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch und dem Premier, hört man, sei wegen des Konflikts eingefroren. Dafür sucht die Regierung den Schulterschluss mit Daimler.

Dort wollte man Kretschmanns „Sardinenbüchsen“-Zitat aktuell nicht kommentieren. Mit dem Vergleich, hatte die FDP moniert, betätige er sich nicht gerade als oberster Standortwerber. Doch über mangelnde Schützenhilfe kann sich Daimler wahrlich nicht beklagen. Mal besichtigte der Regierungschef medienwirksam den neuen, nun sauberen Dieselmotor. Er selbst habe sich gerade einen E-Klasse-Diesel gekauft. Mal bekannte er sich beim Grünen-Aschermittwoch zu seiner S-Klasse: „Ich kann doch koin Fiat fahre.“ Und selbst in einem Wahlkampfspot 2016 spielte der Oberklasse-Mercedes eine tragende Nebenrolle. Dort war Kretschmann privat im Blaumann beim Basteln in seiner heimischen Werkstatt zu sehen. Zum Schluss tritt er im Anzug vors Haus, besteigt die dunkelgrüne Limousine und fährt davon.

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