Herr Schäfer, Daimler bringt die S-Klasse in einer Zeit auf den Markt, in der es für den Konzern um viel geht. Daimler hat im ersten Halbjahr einen Verlust von 1,7 Milliarden Euro verbucht. Was erhoffen Sie sich von der Neuauflage Ihres Flaggschiffes in dieser wirtschaftlich schwierigen Situation?
Die neue S-Klasse könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen. Dass wir in diesen Zeiten eine Neuauflage des besten Autos der Welt auf den Markt bringen können, ist ein absoluter Lichtblick für die gesamte Mannschaft. Aber natürlich brauchen wir dieses Fahrzeug jetzt auch, um beim Absatz neue Impulse setzen zu können.
Wie optimistisch sind Sie dabei? Sehen Sie die Gefahr, dass die Zielgruppe für die S-Klasse kleiner wird, weil die klimabewusste Kundschaft eher auf die elektrische Neuentwicklung EQS warten wird, während ein anderer Teil der Kunden weiterhin dem SUV-Trend folgt?
Wenn wir auf die Leistungsfähigkeit der aktuellen S-Klasse schauen, bin ich da sehr optimistisch. Die S-Klasse war sieben Jahre lang bis zum letzten Tag sehr erfolgreich im Markt.
In den vergangenen sieben Jahren hat sich der Zeitgeist allerdings stark gewandelt. Inwiefern ist ein Bruch der Klima-Strategie Ihres Konzerns, der CO2-Neutralität anstrebt, dass die S-Klasse zunächst nur mit Diesel- und Benzinmotoren ausgestattet wird?
Die S-Klasse ist ein Teil unseres Portfolios und sie ist auch ein Teil unserer CO2-Strategie. Wir haben unterschiedliche Kundensegmente, die wir auf dem Weg der Elektrifizierung mitnehmen müssen und dafür haben wir in Summe mit der S-Klasse inklusive Plug-in Hybrid, die wir jetzt vorstellen und im nächsten Jahr dann auch mit dem elektrischen EQS das richtige Portfolio.
Im Video: Mercedes Benz stellt neue S-Klasse vor und eröffnet Factory 56
Das heißt, Sie haben mit der neuen S-Klasse mit Verbrennungsmotor vor allem das asiatische Kundensegment im Blick?
Es stimmt, dass der chinesische Markt für die S-Klasse in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden ist. Aber wir haben auf der ganzen Welt sehr loyale S-Klasse-Kunden und ich bin mir sicher, dass die S-Klasse ihre Position dort verteidigen wird.
Bei der Grundsteinlegung der Factory 56 vor zwei Jahren haben Sie gesagt, dass dort auch die ersten Robo-Taxis in Serie produziert werden sollen. Als Startpunkt war mal von 2021 die Rede. Davon spricht nun keiner mehr. Wann soll das Projekt wieder aufgegriffen werden?
Zunächst einmal haben wir angekündigt, dass wir bei den Fahrerassistenzsystemen einen riesigen Schritt nach vorne machen werden. Und das haben wir eingehalten. Wir gehen davon aus, dass wir als erster Autohersteller der Welt vom zweiten Halbjahr 2021 an S-Klasse-Fahrzeuge mit dem Automatisierungsgrad Level 3 zertifizieren lassen und auf den Markt bringen können. Das kann heute noch kein anderes Fahrzeug. Das ist ein ganz großer Durchbruch für die gesamte Industrie. In Parkhäusern streben wir sogar den Automatisierungsgrad Level 4 an. Auch damit wären wir weltweit Pioniere.
Das Thema Robo-Taxis liegt in der Factory 56 aber zunächst auf Eis?
Wir werden Robo-Taxis derzeit nicht als prioritäres Thema vorantreiben. Wir sehen heute nirgends auf der Welt autonome Taxis außer Versuchsfahrzeugen. Sicherlich war die Einschätzung in der gesamten Branche im Hinblick auf Robo-Taxis zunächst wesentlich optimistischer. Wir haben alle erkannt, dass es ein extrem schwieriges technisches Problem ist, das autonome Fahren in der Endausbaustufe fünf im Straßenverkehr darzustellen. Eine weitere Herausforderung ist es, dazu noch ein profitables Geschäftsmodell zu entwickeln. Wir fokussieren uns darauf, Level 3 – also das teilautomatisierte Fahren – erfolgreich auf die Straße zu bringen und dann weiter auszurollen. Es kostet wirklich viel Kraft, in diesem Bereich im Zusammenspiel mit den Behörden in Europa, China, in den USA und auf dem gesamten Globus als Innovator voraus zu gehen und Zulassungen zu erwirken.