Mercedes in der Formel 1 Wo sieht Toto Wolff seine Zukunft?

Um die Zukunft von Toto Wolff wird zurzeit viel spekuliert. Foto: dpa/Sergei Grits

Zur Corona-Krise, die den Formel-1-Kalender durcheinanderwirbelt, gesellt sich im Hause Daimler im Hinblick auf die Motorsportabteilung offenbar noch eine Führungskrise. Verlässt Toto Wolff am Ende des Jahres das Team?

Sport: Dominik Ignée (doi)

Stuttgart - Seit Januar kursieren in der Formel-1-Welt Gerüchte, wonach der erfolgreiche Teamchef Toto Wolff das Mercedes-Team verlässt und als Investor bei der „James-Bond-Marke“ Aston Martin einsteigen soll. Wieder aus der Schublade herausgeholt wurde die Story vor wenigen Tagen von der britischen Zeitung „Daily Mail“, die unter anderem herausgefunden haben will, dass Wolff gemeinsam mit dem Aston-Martin-Großaktionär Lawrence Stroll vom abgesagten Auftakt-Grand-Prix in Melbourne zurückgereist sei. Stroll, der Inhaber des Formel-1-Teams Force India, und der Mercedes-Teamchef Wolff können offenbar sehr gut miteinander. „Toto ist schlau genug, sich die richtigen Freunde auszusuchen. Ich halte es für mehr als wahrscheinlich, dass er jetzt mit Lawrence zu Aston Martin kommt“, zitiert die Online-Plattform „GPFans“ den ehemaligen Formel-1-Patron Bernie Ecclestone, dessen Worte immer noch Gehör finden, auch aus dem Ruhestand. Ein anderer Insider ist sogar davon überzeugt, dass Wolff nach Ablauf seines Vertrages Ende 2020 bei Mercedes aufhört.

 

Wie auch immer es ausgeht – der Österreicher Wolff muss sich über seine Zukunft klar werden, sie ordnen und eine Entscheidung treffen. Für solch einen Prozess der Umorientierung, in dem es auch darum geht, Alternativen auszuloten, gibt es im Hinblick auf seine aktuelle Funktion bei Mercedes im Prinzip ja auch Gründe. Der Daimler-Konzern lässt noch offen, ob er sich eine langfristige Formel-1-Zugehörigkeit überhaupt vorstellen kann. Vorstandschef Ola Källenius muss den riesigen Konzern ja auch im Zuge der Mobilitätswende umstrukturieren und in einen beinahe schon epochalen Sparkurs lenken. Seit Dieter Zetsche nicht mehr Konzernchef ist, hat sich vieles verändert bei Daimler – auch und vor allem für den Mercedes-Rennchef Toto Wolff.

Rückzug im Ferrari-Streit

„Ich werde nicht CEO von Aston Martin“, teilte Wolff dem Internetportal „Motorsport-Total.com“ mit, ging aber auf eine mögliche Beteiligung bei Aston Martin nicht ein. Für eine berufliche Veränderung spräche indes, dass sein Verhältnis zu Ola Källenius ein anderes ist als das zu dessen Vorgänger Dieter Zetsche. Konnte Wolff unter dem Formel-1-Liebhaber Zetsche mehr oder weniger machen was er wollte, präsentiert sich Källenius als Chef, der seinen hohen Angestellten auch mal zurückpfeift. Und das ist in den vergangenen Wochen zweimal passiert.

Toto Wolff wollte beim Auftakt-Grand-Prix in Australien die Mercedes-Autos fahren lassen – Källenius aber führte wegen der Corona-Krise größte Bedenken ins Feld. Als der Weltverband Fia und Ferrari sich verdächtig machten, einen möglichen technischen Betrug des italienischen Teams unter den Tisch zu kehren, setzten sich Wolff und Mercedes an die Speerspitze der Rennställe, die dagegen vorgehen wollten. Insider machen nun ein Gespräch zwischen Ola Källenius und Ferrari-Präsident John Elkann dafür verantwortlich, dass die Angelegenheit auf höchster Ebene erstmal bei Seite geschoben wurde. Nur so lässt sich wohl Wolffs erstaunliche Kehrtwende im Hinblick auf den Ferrari-Skandal deuten. Wolff sei Initiator des Schreibens der protestierenden Teams gewesen, sagte der Red-Bull-Berater Helmut Marko dem Portal „Motorsport-Total.com“ – und deshalb musste sich Marko auch so wundern: „Wir waren dann massiv überrascht darüber, dass plötzlich dieser Rückzug kam.“

Der neue Weg

Der gebürtige Wiener Toto Wolff lässt sich von oben offenbar nicht gerne in seine Geschäfte hineinreden. Die mit sechs Fahrer- und sechs Konstrukteurs-Weltmeisterschaften beispiellose Mercedes-Ära in der Formel 1 darf sich der Österreicher natürlich ans Revers heften – solch eine Bilanz macht selbstbewusst. Doch war das der 48 Jahre alte Teamchef auch schon vor dem ersten Erfolg. Wolff machte dem Daimler-Vorstand ziemlich schnell klar, dass es nur bei entsprechendem Budget auch WM-Titel geben könne – und behielt damit recht. Als sie dann dem forschen Nachfolger von Norbert Haug die Legende Niki Lauda als Kontrollinstanz zur Seite stellten, war dies sicher kein Moment, der Wolff zu Luftsprüngen veranlasste, doch arrangierte er sich aber mit der Situation und wurde sogar ein sehr guter Freund von Lauda.

Nun führt Källenius den Konzern in ein neues Zeitalter, das geprägt sein wird von schmalen Budgets und der Frage, wie zeitgemäß Verbrennungsmotoren noch sind. Ob Wolff diesen Weg mitgeht, scheint ungewiss. Der siebte Fahrertitel am Ende einer durch die Corona-Krise durcheinandergewirbelten Saison wäre aber ein großes Finale. Mehr kann Toto Wolff nicht erreichen – das spürt er wohl.

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