Mercedes in Sindelfingen Schon immer Segen und Fluch
Kaum eine zweite Stadt bekommt die aktuelle Mercedes-Krise so zu spüren wie Sindelfingen: Die 110-jährige Geschichte des Werks ist voller Höhen und Tiefen.
Kaum eine zweite Stadt bekommt die aktuelle Mercedes-Krise so zu spüren wie Sindelfingen: Die 110-jährige Geschichte des Werks ist voller Höhen und Tiefen.
Wenn Mercedes hustet, ist Sindelfingen krank. Was derzeit gilt, galt auch schon vor 110 Jahren, als sich das Daimler-Motorenwerk hier ansiedelte. Die Stadt ohne ein Automobilwerk – vorstellen kann man sich das kaum. Struktur und Geschichte von Stadt und Region sind eng verflochten mit der Geschichte des Werkes.
Mehrmals im Lauf der 110 Jahre, die seit der Gründung des Produktionsstandortes vergingen, lag die Zahl der Beschäftigten des Werkes über der Zahl der Einwohner der Stadt Sindelfingen – zum ersten Mal Anfang November 1918, als das Werk eine Belegschaft von 5600 Arbeitern und Angestellten besaß, erneut 1950, als 12 760 Menschen für Daimler-Benz arbeiteten.
Das Wachstum der Stadt Sindelfingen folgt dem Wachstum des Automobilwerkes, im Guten wie im Schlechten – oder, wie es Horst Zecha, Historiker und Leiter des städtischen Archivs Sindelfingen, schreibt: „Vollbeschäftigung, hohe Löhne und vorbildliche städtische Sozialeinrichtungen, auf der anderen Seite Verkehrskollaps, permanente Wohnungsnot, überteuerte Mieten und Grundstückspreise – alles hat aufs Engste mit ‚dem Daimler‘ zu tun.“
Zwei Kriege und das enorme Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit sind bestimmende Momente der Unternehmenshistorie. Als Daimler-Benz AG firmiert das Unternehmen erst, seit die DMG, die Daimler-Motoren-Gesellschaft, mit dem Automobilhersteller Benz fusionierte, 1926. Elf Jahre zuvor hatte die DMG – gegründet 1890 in Bad Cannstatt von Gottlieb Daimler, Max Duttenhofer und Wilhelm Lorenz – begonnen, in Sindelfingen Militärflugzeuge herzustellen. 1915 wurde zwischen Böblingen und Sindelfingen ein Flugplatz angelegt, der zunächst militärischen Zwecken diente und nach Ende des Ersten Weltkrieges 1925 an das zivile Luftfahrtnetz angegliedert, später wieder vom Militär betrieben wurde – das heutige Flugfeld.
Am 6. Juli 1915 einigten sich die Stadt Sindelfingen und die DMG auf den Bau eines Werkes. Sindelfingen war überglücklich, trat die Baufläche für einen äußerst niedrigen Betrag ab, zahlte sogar noch nach, und die Geschichte begann. Der erste Daimler, der in Sindelfingen gebaut wurde, war allerdings ein Militärflugzeug. Zwischen 1915 und 1918 stellte die DMG bis zu 300 solcher Flugzeuge am Standort her und erlebte das erste Hoch. Probleme folgten augenblicklich. Schon damals fanden sich nicht ausreichende Möglichkeiten, die Belegschaft des Werkes unterzubringen, auch Verpflegung war knapp.
Das Ende des Krieges brachte dann schon fast das Aus für die DMG. Das ehemalige Rüstungsunternehmen musste Tausende seiner Angestellten entlassen. Zeitweise produzierte Daimler in Sindelfingen Schlafzimmermöbel, 1919 wurde dann umgestellt auf Karosseriebau. Der Aufschwung blieb aus, die Inflation kam. 1925, vor 100 Jahren, erlebte das Sindelfinger Werk die größte Krise seiner Geschichte. Auch die Kommune litt – in Sindelfingen herrschte Not.
Erst die Fusion mit Benz brachte die Wende. Der badische Hersteller verlagerte seine Produktion von Omnibussen von Gaggenau nach Sindelfingen, holte die Karosserieproduktion von Mannheim in die Stadt. Wilhelm Haspel als Werkleiter sorgte nach 1927 für die Modernisierung und Rationalisierung des Werkes – in Sindelfingen verdiente man wieder gut. Der Erfolg führte jedoch zu neuer Wohnungsnot und, 1927, zur Gründung der SWG, der Sindelfinger Wohnstätten Gesellschaft, an der das Werk mit 40 Prozent beteiligt war. Weitere Bauprojekte sollten folgen – dann kam die Weltwirtschaftskrise, und nach ihr der Nationalsozialismus.
Die deutsche Wirtschaft konnte wieder großes Wachstum vorweisen, die von Hitler geförderte Automobilbranche im Besonderen – mit den bekannten Folgen. Das Sindelfinger Werk wurde zu einer streng überwachten Anlage, in der die Nazi-Ideologie vorschriftsmäßig gefeiert wurde. Für Hitler arbeitete das Werk mit an der Entwicklung des Volkswagens, eines Prestigeprojekts – „Sindelfingen“, so Horst Zecha, „kann als ein Geburtsort des legendären Käfers bezeichnet werden“.
Nach Kriegsbeginn wurde die Produktion vollständig auf Rüstung umgestellt. Daimler-Benz lieferte zu 75 Prozent für die Luftwaffe, zu 25 Prozent für das Heer, steigerte seinen Umsatz innerhalb von sechs Jahren von 1,4 Millionen auf 47,8 Millionen Reichsmark und beschäftige bis zu 33 Prozent sogenannter Fremdarbeiter, tatsächlich Zwangsarbeiter, von denen insbesondere jene aus östlichen Gebieten unter unwürdigen Bedingungen leben und arbeiten mussten, häufig aufgrund schlechter medizinischer Versorgung starben.
Sindelfingen wurde zum Ziel alliierter Luftangriffe, Stadt und Werk im September 1944 so weit zerstört, dass die Produktion nahezu eingestellt werden musste. Zuvor war es gelungen, wichtige Materialien und Maschinen an sichere Orte zu transportieren, was eine der Voraussetzungen für den erfolgreichen Neustart nach dem Krieg war. Wilhelm Haspel, nach Kriegsende als Werksleiter suspendiert, dann rehabilitiert, hatte zuvor schon eine Neustrukturierung geplant, die er nach 1948 umsetzen konnte. Der Standort Sindelfingen übernahm die Endmontage aller Mercedes-Personenwagen, nahm nun eine zentrale Rolle in der Pkw-Produktion ein – und wuchs rasch: 1949 wies das Werk noch 2500 Beschäftige auf, 1950 waren es 12 760. Die Stadt Sindelfingen zählte zur selben Zeit 11 448 Einwohner.
Schon 1972 wurden die räumlichen Grenzen des Wachstums von Daimler-Benz in Sindelfingen diskutiert. 1980 wurde deshalb das Werk des Unternehmens in Bremen erweitert. Das Sindelfinger Werk wuchs ebenfalls weiter, blieb wichtigster Arbeitgeber, strukturell bestimmendes Merkmal der gesamten Region. Im Jahr 2025 verfügt Mercedes in Sindelfingen über 33 500 Beschäftigte.