Herr Lümali, überzeugt Sie die verschärfte Luxusstrategie mit der klaren Fokussierung auf sehr teure Oberklassefahrzeuge, die der Vorstand verkündet hat?
Mercedes erfindet sich ja nicht neu. Schon immer war Luxus ein wichtiger Begriff im Zusammenhang mit unseren Fahrzeugen – neben der Sicherheit und der Qualität. Mit der erklärten Luxusstrategie wird dieses Element der Strategie nun noch stärker hervorgehoben. Ola Källenius hat dafür die Gründe erläutert. Das Unternehmen will profitabler wachsen. Dafür sieht der Vorstand Chancen für höhere Renditen im Luxussegment. Wenn das Wachstum des Unternehmens profitabler wird und das Konzept aufgeht, dann sind die Herausforderungen der Transformation für das Unternehmen insgesamt auch besser zu stemmen. Wir werden darauf achten, dass auch die Beschäftigten etwas davon haben.
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Es gibt ja schon etliche Anbieter im gehobenen Luxussegment: Ferrari, Aston Martin, Porsche,Lamborghini … Ist da überhaupt noch genug Luft für Mercedes?
Wir hätten eine schlechte Unternehmensführung, wenn sie eine Strategie bestimmte, für die es kein Potenzial gäbe. Wir sehen die Chancen. Wir sind ja mit den Luxus-Modellen schon sehr gut im Geschäft. Neu ist, dass wir uns jetzt darauf konzentrieren wollen, dieses Top-End-Segment noch intensiver zu bedienen. Mir ist bei der Strategie-Diskussion aber etwas anderes wichtiger.
Was denn?
Die Strategie ist das eine. Der Strategie folgt die Struktur. Hier geht es uns als Arbeitnehmervertreter vor allem um die Sicherheit der Arbeitsplätze. Wir stellen die Frage, welche Auswirkungen die neue Strategie auf unsere Standorte hat? Uns ist wichtig, dass die neue Ausrichtung nicht zum Nachteil der Beschäftigten umgesetzt wird. Parallel zu den Zielen, die das Unternehmen sich neu setzt, wird der Betriebsrat der Geschäftsführung Ziele für die Beschäftigung setzen. Für den Betriebsrat ist klar: Die Auslastung der deutschen Standorte muss garantiert werden. Diese Verhandlungen müssen nicht neu aufgenommen werden nach der Verabschiedung der Luxusstrategie. Wir befinden uns permanent im Gespräch mit dem Vorstand über die Zielbilder der Standorte für die Jahre 2025 und 2030. Die Transformation hin zu CO2-freien Antrieben darf nicht zum Abbau von Wertschöpfung führen.
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Wie ist der Stand?
Wir reden aktuell mit dem Unternehmen über die Beschäftigung in den Aufbauwerken Rastatt, Sindelfingen und Bremen. Dabei geht es darum, welche künftigen Modelle gemäß unserer Strategie „Electric only“ mit welchen Stückzahlen an welchem Standort gebaut werden, um die Auslastung der Standorte abzusichern.
Beunruhigt Sie, dass das Werk Rastatt innerhalb der nächsten drei Jahre mit der Einstellung von A- und B-Klasse hohe Volumina verlieren dürfte?
Ich kann diese Nachricht nicht bestätigen. Der Vorstandschef hat gesagt, dass von sieben auf vier Karosserievarianten reduziert wird. Welche Modelle eingestellt werden, das hat er offengelassen. Entscheidend für mich ist, dass die Volumina stimmen. Ich habe bislang Anlass für Zuversicht. Sollte sich das ändern, werden wir aber offensiv in die Auseinandersetzung gehen.
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In Deutschland werden Sie die Beschäftigung nur halten können, wenn die Komponentenwerke neue Aufgaben bekommen.
Ich fordere die Geschäftsführung daher auf, die Potenziale in der Fertigungstiefe, die heute fremd vergeben sind oder Optionen für Outsourcing wären, im Zuge der Umstellung auf elektrische Antriebe zu halten – beziehungsweise wieder reinzuholen. Konkret heißt das: Jobs, die mit der Transformation wegfallen, müssen durch neue Aufgaben in den Komponentenwerken ausgeglichen werden.
Wie laufen die Gespräche?
Ich verrate kein Geheimnis: Sie sind besonders schwierig. Das Unternehmen kennt aber auch sehr genau unsere Position: Wir wollen bei den Werken, die Komponenten für den Antriebsstrang bauen, die volle Kompensation. Unsere Beschäftigten am Antriebsstrang brauchen dringend die Perspektive. Gemeinsam mit der Unternehmensleitung müssen wir wie in Berlin, so auch in Untertürkheim, Programme auflegen, bei denen sich beispielsweise IT-affine Produktionsmitarbeiter für zukunftsträchtige Jobs qualifizieren können.
Die neue Strategie von Ola Källenius wird auch dadurch sichtbar, dass es künftig keine Taxis mehr mit dem Stern geben wird und sich deutlich weniger Menschen den Traum vom Mercedes werden erfüllen können. Hat das Auswirkungen auf die Identifikation der Mitarbeiter mit Ihrem Unternehmen?
Ich bin überzeugt, dass sich die Kollegen sehr wohl mit dem Produkt, der Marke und ihrem Unternehmen identifizieren können, wenn es im Luxusbereich angesiedelt ist. Die Mitarbeiter eines großen Sportwagenherstellers hier in Stuttgart sind doch zu Recht auch sehr stolz auf die tollen Autos, die sie bauen. Die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen richtet sich nicht alleinig nach dem Preis des Einstiegsmodells, sondern vielmehr nach der Wertschätzung, die sie für ihre Arbeit erfahren, ob sie mitgenommen werden bei den anstehenden Entscheidungen und um die Sicherheit und Perspektive ihrer Arbeitsplätze.
Der Gesamtbetriebsratschef
Betriebsrat in Sindelfingen
Ergun Lümali, geboren im türkischen Eskisehir, wurde 2014 zum Chef der Arbeitnehmervertretung im Sindelfinger Mercedes-Werk gewählt. 2014 wurde der 59-Jährige Vize des Gesamtbetriebsrats der damaligen Daimler-AG. Nach der Abspaltung der Nutzfahrzeugsparte übernahm Lümali den Vorsitz des Gesamtbetriebsrats. Er ist kraft Amtes Vize des Mercedes-Aufsichtsrates.
Integrationsgeschichte
Lümalis Vater war 1966 nach Deutschland gekommen und hat die Familie 1970 nachgeholt. Als der Erstklässler Ergun Lümali den ersten Tag in die Grundschule von Gechingen ging, konnte er kein Wort Deutsch, dafür aber das Alphabet. Nach der Hauptschule macht Lümali eine Lehre bei Daimler als Feinblechner (Konstruktionsmechaniker). Er wird IG-Metall-Mitglied, Vertrauensmann der Gewerkschaft und zieht 1994 mit 32 Jahren in den Betriebsrat in Sindelfingen ein.