InterviewMercedes-Teamchef Toto Wolff „Der Bessere möge gewinnen“

Zieht  Nico Rosberg (rechts) auf der Zielgeraden der Formel-1-Saison noch an seinem Teamkollegen Lewis Hamilton vorbei? Foto: EPA
Zieht Nico Rosberg (rechts) auf der Zielgeraden der Formel-1-Saison noch an seinem Teamkollegen Lewis Hamilton vorbei? Foto: EPA

Hamilton oder Rosberg: Wer macht das teaminterne Formel-1-Titelrennen? Mercedes-Teamchef Toto Wolff spricht vor dem Finale über den Titelzweikampf seiner Piloten – und über sein Gefühl.

Sport: Dominik Ignée (doi)
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Abu-Dhabi - Mercedes und der Teamchef Toto Wolff sind in der komfortablen Lage, beim Saisonfinale am Sonntag in Abu Dhabi (14 Uhr/RTL) nach dem Sieg in der Konstrukteurs-WM auch den Fahrerweltmeister zu stellen. Lewis Hamilton oder Nico Rosberg ? Wer macht das Rennen? „Diese Frage hat einen großen Vorteil für mich: Ich habe nie im Leben gewettet“, sagt Wolff.

Herr Wolff, die WM-Party dürfte ja schon bestens geplant sein.
Toto Wolff. Foto: Getty
Unsere große WM-Feier findet nächsten Samstag in Stuttgart bei Stars und Cars statt. Dort werden wir mit der geballten Mannschaft von Formel 3 über die DTM und die Formel 1 sowie mit historischen Fahrzeugen anrücken, um zu Hause alles zu zeigen, was wir haben. Wir wollen alle Erfolge und Fahrer präsentieren. Das ist für uns die große Party.
Aber in Abu Dhabi wird doch wohl auch schon angestoßen, nachdem einer ihrer Fahrer als Weltmeister feststeht.
Es ist keine einfache Situation, die wir am Sonntag vorfinden werden. Lewis hat es mit treffenden Worten beschrieben: Für den einen wird es der beste Tag seines Lebens und für den anderen der schwierigste. Deshalb werden wir hier in Abu Dhabi nicht himmelhochjauchzend durch die Gegend laufen. Wir werden uns mit dem einen Fahrer freuen und versuchen, den anderen nicht zu vergessen und aufzubauen für das nächste Jahr. Es wird also keine große Feier geben. Höchstens ein nettes Abendessen mit dem Team.
Auf welchen Weltmeister würden Sie im Wettbüro tippen? Auf Lewis Hamilton oder auf Nico Rosberg?
Diese Frage hat einen großen Vorteil für mich: Ich habe nie in meinem Leben gewettet. Zu spielen liegt mir nicht. Ich bin eher faktenorientiert, und in diesem Fall sprechen Mathematik und Wahrscheinlichkeit für Lewis. Aber da wir uns im Rennsport befinden, kann am Sonntag wieder alles ganz anders sein.
Wie oft wurden Sie gefragt, wem Sie die Daumen drücken?
Viele Male. Das ist menschlich. Es geht hier um die Menschen Nico und Lewis. Mit dem einen hat der eine mehr Sympathie, mit dem anderen ein anderer weniger. Deswegen gibt es um dieses Rennen auch so einen riesengroßen Rummel, und deswegen habe ich diese Frage oft gestellt bekommen. Ich arbeite mit beiden und habe mit beiden eine Arbeitsbeziehung. Sie sind für mich Weggefährten in diesem Team. Insofern kann ich mit beiden gut und versuche, so neutral wie möglich zu sein.
Wäre für Mercedes ein deutscher Weltmeister besser?
Für Stuttgart war es gut, dass Mercedes nach vielen Jahren Weltmeister geworden ist. Die Fußball-Nationalmannschaft ist Weltmeister, und dass wir als Team und Marke nachgezogen haben, ist positiv. Aber ich wiederhole: es geht hier aber um Menschen. In Deutschland gibt es eine große Fangemeinde von Nico und in England und der ganzen Welt gibt es Fans, die es besser finden, wenn Lewis gewinnt. Man kann es nicht allen recht machen. Unsere Rolle ist es, wirklich neutral zu sein und den beiden Piloten ein Fahrzeug zur Verfügung zu stellen, mit dem sie den WM-Kampf austragen können. Es möge der Bessere gewinnen.
Das Mercedes-Team sitzt in England und besteht überwiegend aus Briten. Ist Lewis Hamilton da teamintern nicht doch eher der bevorzugte Champion?
Nein, das ist nicht der Fall. Nico ist schon viele Jahre dabei. Er ist in der Mannschaft stark verwurzelt. Wir sind als Team zwar überwiegend in England vertreten, doch Tatsache ist auch, dass unsere Mannschaft längst international ist. In den Büros werden alle Sprachen dieser Welt gesprochen, nicht nur Englisch. Und dass außer Ferrari, Sauber und Toro Rosso alles Formel-1-Teams nun einmal in England sitzen, hat ja Tradition. Aber ganz klar ist: Bei uns wird kein Fahrer über den anderen gestellt.
Der Konzernvorstand arbeitet in Stuttgart. Wie stark wird die Führungsetage am Sonntag in Abu Dhabi vertreten sein?
Die Vorstände haben natürlich auch anderes zu tun, als uns in der Formel 1 zuzusehen. Es kommen ein paar, die es sich im Blick auf den Terminkalender einrichten konnten. Die anderen schaffen es meines Wissens nicht.
Und die Vorstände bringen dann die Erfolgsprämie im Umschlag mit?
Das mit den Umschlägen hat in der Formel 1 früher so funktioniert, das ist seit ein paar Jahren nicht mehr die Realität.
Alle Teammitarbeiter bei Mercedes haben für den Konstrukteurs-Titel eine Prämie bekommen. Sie auch?
Meine Erfolgsprämie besteht darin, dass ich Mitgesellschafter des Teams bin. Sie hängt davon ab, ob sich die Einnahmen positiv entwickeln. Es hätte auch in die andere Richtung gehen können. Wir haben also für das Team eine Win-win-Situation.
Es heißt immer, Michael Schumacher habe wichtige Vorarbeit geleistet – obwohl er seinerzeit noch in einem ganz anderen Mercedes saß.
Ein Rennwagen ist nicht das Produkt eines einzelnen, das wird immer missverstanden. Es gibt einige wenige, die das Team ideal vertreten, dann neigt man zu sagen: das ist jetzt das Auto von Michael Schumacher, Ross Brawn oder wem auch immer. Ein schnelles Auto ist das Resultat einer guten Mannschaft. Es wurden vor vielen Jahren Entscheidungen getroffen für das Fahrzeug von 2014, in die Michael mit Sicherheit involviert war. Aber auch viele andere bekannte und unbekannte Persönlichkeiten.
Was haben Sie aus dieser erfolgreichen, aber auch durch den Zweikampf turbulenten Saison gelernt?
Früher war ich nur mir selbst Rechenschaft schuldig. Die Chance, so eine Marke auf so einer Weltbühne zu vertreten, ist natürlich eine ehrenvolle Aufgabe. Aber auch etwas, bei dem man mit Verantwortung umgehen muss. Ich kann ihnen aber auch viele Momente nennen, in denen ich nicht zufrieden war.
Zum Beispiel?
Da muss man aufpassen. Die eigenen Schwächen in die Zeitung schreiben zu lassen, macht einen nicht stärker.
So schlimm wird es schon nicht sein. Haben Sie etwa Rosberg nach seinem Manöver gegen Hamilton in Spa öffentlich zu stark kritisiert?
Ich sage immer: im Team arbeiten wir mit Emotionen. Wenn dann eine Situation passiert wie in Spa, wo durch einen Unfall so schnell so viel weggeschmissen wird, kommen diese Emotionen hoch. Im Nachgang sind wir aus der Situation mit einem blauen Auge davongekommen. Wir haben danach alle Rennen gewonnen und bei allen Grand Prix bis auf einen die Plätze eins und zwei belegt. Wir müssen uns aber auch die Kritik gefallen lassen, dass wir zu emotional reagiert haben was den Nico betrifft. Wir haben das intern geklärt.
Mit welcher Erkenntnis?
Es ist ja so: Wir hätten auch sagen können, wir müssen das erst analysieren und zuerst mit den Fahrern sprechen. Und dann werden wir zu gegebener Zeit mit einer Meinung herauskommen. Das geht auch. Das ist Politikersprache. Aber damit wären Sie als Journalist ja nicht zufrieden gewesen. Deshalb platze ich mit meinen Emotionen heraus. Nein, im Ernst: Ich selbst fasse mich an die Nase und sage mir: vielleicht kann ich in Zukunft einen Gang weniger einlegen.
Vollgas werden Ihre Piloten am Sonntag geben. Wie hat sich das Verhältnis zwischen Rosberg undHamilton in diesem Jahr des Zweikampfs entwickelt?
Das Verhältnis zwischen den beiden hat sich ständig verändert. Ihr Vorteil ist, dass sie sich so lange kennen und viel mehr über den jeweils anderen wissen, als wir es tun. Es gibt sicher Situationen, in denen wir als Team uns die Frage stellen, wie wir jetzt darauf reagieren. Aber Nico und Lewis können das alles besser einschätzen, weil sie diese Situationen schon vor 15 Jahren im Kart erlebt haben. Nico hat einmal zu mir gesagt: Der Lewis war immer so. Und der Lewis hat mir gesagt: Der Nico war immer so. Insofern darf man da nicht zu viel hineininterpretieren.
In dieser Saison werden Sie diese Sätze oft gehört haben.
In diesem Jahr war ihr Verhältnis sehr unterschiedlich. Das ging von sehr freundschaftlich bis sehr konkurrenzmäßig. Es schwankte. Aber es gehört dazu, weil die beiden natürlich nicht nur auf der Rennstrecke gegeneinander kämpfen, sondern auch im Verhältnis zueinander versuchen, einen Vorteil zu erlangen. Das macht es für uns besonders interessant.
Werbespots, in denen sich die beiden Rennfahrer ärgern, spiegeln die Stimmungslage ja auch wider. Da wird bewusst die Rivalität herausgestellt.
Das kann man so machen, weil die beiden eben dieses besondere Verhältnis zueinander haben. Aber glauben Sie mir: Es wird ihren Karrieren eine Zeit geben, in der sie wieder sehr freundschaftlich miteinander umgehen. Die momentane Situation lässt das einfach nicht zu.

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