Mercedes-Werk Sindelfingen Was die Christliche Gewerkschaft plant – „Bekenntnis zu Partei lehnen wir ab“

, aktualisiert am 23.04.2026 - 11:53 Uhr
Die CGM ist eine der am längsten engagierten Gewerkschaften im Mercedes-Werk Sindelfingen Foto: Marijan Murat/dpa

Bei der Betriebsratswahl im Mercedes-Werk Sindelfingen errang die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM) drei Sitze. Für die nächsten Jahre formuliert die CGM ein ganz klares Ziel.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Die Betriebsratswahlen bei Mercedes sind vorbei, der neue Betriebsrat hat sich konstituiert. Im Werk Sindelfingen mit seinen rund 35 000 Beschäftigten besetzt die IG Metall mit Betriebsratschef Ergun Lümali mit 48 von 57 den Großteil der Sitze. Dahinter folgen mit jeweils drei Betriebsräten die Listen von Zentrum und der Christlichen Gewerkschaft Metall, kurz CGM.

 

Nach außen hin schien der Wahlkampf ganz im Zeichen eines Zweikampfes zwischen der Gewerkschaft IG Metall und dem AfD-nahen Verein Zentrum zu stehen. Weniger im Blick war die CGM. Und das, obwohl sie 1899 noch zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs gegründet wurde und seit Anfang der 1960er Jahre regelmäßig Betriebsräte auch am Standort Sindelfingen stellt.

CGM im Mercedes-Werk Sindelfingen: „Standortsicherung ist Arbeitsplatzsicherung“

In den kommenden vier Jahren ist die CGM mit drei Betriebsräten vertreten. Eingezogen am Werk Sindelfingen sind Dirk Junger, Martina Schöck und Abdullah Akillilar. Was sich die drei vornehmen, formuliert der seit zwölf Jahren als Betriebsrat tätige Junger so: „Das Hauptziel ist die Standort- und Arbeitsplatzsicherung. Wie zuvor werden wir uns künftig aber auch dafür einsetzen, individuelle Lösungen für Probleme von Mitarbeitern zu finden.“

Arbeitsplatzsicherheit steht für CGM-Geschäftsführerin Nicole Heinkele und Betriebsrat Dirk Junger an erster Stelle. Foto: Stefanie Schlecht

Konkret werde die CGM im Betriebsrat weiter an den Themen wie faire Löhne, mobiles Arbeiten, Verlagerung der Produktion ins Ausland, Leistungsverdichtung, Leiharbeiterschaft, Gesundheit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf arbeiten. Hier habe sich in den vergangenen Jahren vieles verbessert, betont Junger: „Wir haben die bis 2035 geltende Standortsicherheit. Es gibt keine betriebsbedingten Kündigungen und auch bei Homeoffice oder familienfreundlicheren Arbeitszeitmodellen ist viel erreicht worden.“

Die Belegschaft im Sindelfinger Mercedes-Werk wird älter

CGM-Geschäftsführerin Nicole Heinkele ergänzt zum Tätigkeitsbereich der Betriebsräte: „Manche haben Konflikte mit Vorgesetzten. Andere können wegen gesundheitlicher Problemen nicht mehr derselben Tätigkeit nachgehen. Überall hier sind wir Ansprechpartner.“ Aufgrund des demografischen Wandels, der auch vor dem Konzern mit dem Stern nicht Halt macht, müsse immer häufiger die Frage geklärt werden, wie man Aufgaben von betroffenen Mitarbeitern altersentsprechend umgestalten kann.

Nicole Heinkele sagt: „Manche haben Konflikte mit Vorgesetzten. Andere können aufgrund gesundheitlicher Problemen nicht mehr derselben Tätigkeit nachgehen. Überall hier sind wir Ansprechpartner.“ Foto: Stefanie Schlecht

Ein allumfassendes Versprechen, alle Mitarbeiterinteressen durchzusetzen, kann der erfahrene Betriebsrat Dirk Junger nicht geben: „Es ist immer ein Kompromiss, den wir mit dem Arbeitgeber erzielen müssen. Wir verhindern auch nicht alles. So gibt es Spielraum bei der Frage nach mobilem Arbeiten oder inwieweit Produktionsprozesse zum Beispiel in das Partnerwerk nach Ungarn verlagert werden.“ Denn wenn Tätigkeiten im Werk wegfielen, müsse das Ziel lauten, den betroffenen Mitarbeitenden andere Beschäftigungen zu geben.

Christliche Werte statt kirchlicher Anbindung im Mercedes-Werk Sindelfingen

Die CGM-Betriebsräte sehen sich „als Sprachrohr aller Mitarbeiter“. Diesen Punkt betont der seit 2002 im Montagebereich tätige 55-Jährige auch deshalb, da er mit einem Mythos aufräumen möchte: „Wir heißen Christliche Gewerkschaft Metall, sind aber an keine Kirche oder Glaubensgemeinschaft gebunden, sondern fühlen uns einem christlich-sozialen Wertesystem verbunden.“

Als Beweis dafür, dass dies Realität ist, könnte Betriebsratsmitglied Abdullah Akillilar dienen. Der seit 1988 im Sindelfinger Werk arbeitende Akillilar hat „trotz“ seiner türkischen Wurzeln den Weg zur CGM gefunden und ist dort seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen tätig. „Ich bin nach anfänglicher Unwissenheit schnell überzeugt worden, dass die CGM für alle offen ist. Seither sehe mich als Anwalt der Mitarbeiter“, erklärt der Feinblechbaumechaniker.

Der betont offene Charakter sei ein Plus seiner Interessensgruppe, ein weiterer sei der rechtliche Status der CGM. Denn wie die IG Metall ist auch die CGM rechtlich gesehen eine Gewerkschaft. Damit darf sie Tarifverträge verhandeln und abschließen – im Gegensatz zu Betriebsratswahlkonkurrent Zentrum. „Zentrum hat diese Möglichkeiten trotz des eigens verliehenen Beinamen ‚alternative Gewerkschaft’ nicht. Der Begriff Gewerkschaft ist daher falsch. Das so nach außen zu tragen, ist eine reine Luftnummer“, sagt der CGM-Betriebsrat.

Dirk Junger betont die parteipolitische Unabhängigkeit seiner CGM. Foto: Stefanie Schlecht

Was die CGM zudem klar von Zentrum unterscheide, so Junger, sei die parteipolitische Anbindung, die bei der rechten Liste immer sichtbarer wurde: „Ein parteipolitisches Bekenntnis, wie im Falle Zentrums, lehnen wir als CGM ab. Wir wollen uns nicht instrumentalisieren lassen. Sie werden mich nicht mit einem Parteilogo am Revers sehen und gemeinsame Sache machen“, betont Junger. Von extremistischen Inhalten distanziere sich seine Gewerkschaft klar.

CGM im Mercedes-Werk Sindelfingen bleibt optimistisch

Die Agenda wird bis 2030, wenn die nächste Betriebsratswahl ansteht, voll sein. Allein schon angesichts der Transformationen, die die Branche zu durchlaufen hat und der weltpolitischen Herausforderungen. Dirk Junger zeigt sich optimistisch: „Dass wir in Sindelfingen eine neue Lackiererei und die Factory 56 haben, ist ein klares Signal für die Zukunft unseres Standorts.“

Nicole Heinkele fügt an: „Das ist nicht nur für die Belegschaft positiv, sondern auch für den Bäcker, den Einzelhandel oder die Stadt von Bedeutung.“

Betriebsratswahlen

Werk Sindelfingen
Bei den Betriebsratswahlen Anfang März hat die IG Metall 48 von 57 Sitzen geholt. Zentrum hat drei, genauso wie die CGM. Dahinter folgen die „AUB – Die Unabhängigen Sindelfingen“, „die Mitte“ und „die Basis“ mit je einem Sitz im Rat. Die Wahlbeteiligung lag bei 61,4 Prozent.

CGM
Die CGM wurde 1899 in Duisburg gegründet als „Christlicher Metallarbeiterverband“. Sie gehört als Einzelgewerkschaft zum Dachverband Christlicher Gewerkschaftsbund (CGB).

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