Merkel und Hollande in Ludwigsburg "Wir bilden das Herz Europas"

Deutsch-französische Co-Produktion: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Staatspräsident François Hollande brachten gutes Wetter mit nach Ludwigsburg. Foto: dpa 163 Bilder
Deutsch-französische Co-Produktion: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Staatspräsident François Hollande brachten gutes Wetter mit nach Ludwigsburg. Foto: dpa

Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Hollande erinnern in Ludwigsburg an einen Meilenstein deutsch-französischer Geschichte.

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Ludwigsburg - „Wann kommt der König denn endlich?“, fragt der kleine Moritz Völkel kurz vor dem Auftritt des französischen Präsidenten François Hollande. Als „der König“ dann ans Rednerpult im Ehrenhof des Ludwigsburger Schlosses tritt und eine noch engere Zusammenarbeit zwischen den Ländern beschwört, gilt die Aufmerksamkeit des Vierjährigen mehr den deutsch-französischen Köstlichkeiten an den Gastronomieständen des Bürgerfests.

 

Mangelnde Aufmerksamkeit konnte Hollande den Besuchern ansonsten aber nicht vorwerfen. Rund 3000 Menschen lauschten im Schlosshof gebannt seinen Worten, reckten ihre Kameras und Smartphones in die Höhe, um irgendwie ein Bild des begehrten Staatsgastes zu bekommen oder einen seiner Sätze auf Video festzuhalten. Es lag ein wenig Geschichte in der Luft - wie damals vor 50 Jahren.

Am 9. September 1962 hatte hier der damalige französische Präsident Charles de Gaulle mit seiner berühmten Rede an die deutsche Jugend den Grundstein für die deutsch-französische Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der französische Staatspräsident François Hollande erinnerten am Samstag mit einem Festakt an den Meilenstein der deutsch-französischen Beziehungen. Zu dem feierlichen Programm waren rund 650 Gäste geladen, 500 Polizisten sorgten in Ludwigsburg für Sicherheit.

„Wir bilden das Herz Europas“, sagte Hollande in seiner Rede vor dem Residenzschloss. Deutschland und Frankreich müssten noch enger zusammenrücken, um die Probleme Europas in den Griff zu bekommen.

Europa dürfe nicht nur im Finanz- und Bankensektor zusammenwachsen, sondern müsse auch eine politische und soziale Union bilden. Dabei komme den beiden Ländern eine besondere Verantwortung zu. Er rief dazu auf, die Freundschaft zu pflegen. Auf Deutsch sagte er: „Es lebe die deutsch-französische Freundschaft.“

Merkel betont Deutschlands und Frankreichs Verantwortung

Merkel rief angesichts der Herausforderungen durch die Schuldenkrise zur Zusammenarbeit in Europa auf. Ziel sei eine nachhaltige „Gesundung“ Europas, sagte Merkel am Samstag bei einem Festakt in Ludwigsburg zum 50. Jahrestag der Rede des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulles an die deutsche Jugend. Sie fügte hinzu: „Deutschland und Frankreich haben dabei eine ganz besondere Verantwortung.“ Merkel mahnte, der Euro-Raum müsse stabilisiert werden. Die Kanzlerin betonte: „Wir Europäer, wir sind zu unserem Glück vereint.“

Merkel würdigte de Gaulles Rede vor 50 Jahren: „Seine Worte haben eine ganze Generation geprägt." Deutschland und Frankreich komme eine besondere Verantwortung bei der nachhaltigen Entwicklung Europas zu, vor allem um der jungen Generation Berufschancen und freie Entfaltung zu ermöglichen.  Zugleich müsse die Jugendarbeitslosigkeit zurückgedrängt werden. „Das Europa der Zukunft liegt in euren Händen“, rief sie den jungen Gästen des Festaktes zu.

Kretschmann: "Wir brauchen mehr Europa"

Auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) betonte in seiner Rede, wie wichtig ein Ausbau der Zusammenarbeit in Europa sei:„Wir brauchen zur Überwindung dieser schwierigen Lage nicht weniger, sondern mehr Europa.“ Dabei sei sowohl Solidarität als auch Solidität notwendig. Ziel müsse ein Europa sein, das nicht nur das Vertrauen der Kapitalmärkte, sondern auch und vor allem der Bürger zurückgewinne.

Zuvor forderten rund 100 Atomkraftgegner die sofortige Abschaltung aller Atomanlagen in Deutschland und Frankreich sowie eine schnellere Energiewende in den beiden Ländern.„Wir wollen Merkel und Hollande mahnen, dass täglich noch immer jede Menge radioaktiver Müll anfällt“, sagte ein Sprecher der Organisatoren. Die Demo verlief friedlich.

Wer keinen Platz erhalten hatte, konnte die Reden von Merkel und Hollande auf Video-Leinwänden verfolgen - große Politik als Public-Viewing. Beim Bürgerfest präsentierten zudem Schulen, Städte und Universitäten ihre Projekte zur deutsch-französischen Zusammenarbeit, Essenstände lockten mit „französischer Quiche“ und „schwäbischer Flädlesuppe“.

Für Manfred Kaut ist es ein Déjà-vu

Für Manfred Kaut war der Besuch des französischen Präsidenten wie eine Reise in die Vergangenheit. Schon als 20-jähriger Student stand er im Ehrenhof des Ludwigsburger Schlosses, damals um den Worten de Gaulles zu lauschen. „Es ist ein bisschen ein Déjà-vu“, sagte der 70-Jährige. „Ich stand nur wenige Meter von ihm entfernt“, erinnerte er sich.

Am Samstag, beim Festakt anlässlich des Jubiläums der berühmten Ansprache, saß Kaut fast am selben Platz. Als Zeitzeuge durfte er unter den geladenen Gästen dem offiziellen Festakt beiwohnen. „Nur ganz so nah kommt man heute nicht mehr ran“, sagte der pensionierte Lehrer. „1962 ist de Gaulle mit offenem Wagen durch Ludwigsburg gefahren, heute ist alles abgesperrt. Da hat sich schon einiges geändert.“ Die Rede des Präsidenten habe ihn damals sehr geprägt, erzählt er. „„Ich beglückwünsche Sie, junge Deutsche zu sein“, diese Worte waren für uns unglaublich bewegend nach dem Krieg“, sagte Kaut.

Ein kleines Bad in der Menge gab es dann aber doch. Merkel und Hollande nahmen sich Zeit, um die Hände einiger Besucher hinter der Absperrung zu schütteln.

Auriane Taveau war eine der wenigen, die ganz nah heran kamen. „Hollande hat mir die Hand gegeben und kurz „bis bald“ gesagt“, sagt die 23-jährige Französin und lacht. Die Rede ihres Präsidenten habe sie beeindruckt. Als er sagte: „Es lebe die deutsch-französische Freundschaft" hatte ich ein wenig Gänsehaut.“ Die Wirkung der Rede sei sicher nicht „so krass“ wie die von de Gaulle vor 50 Jahren. „Für uns ist das Zusammenleben zwischen den Ländern total normal“, sagt Taveau, die ein Jahr lang in Regensburg Jura studierte. „Ich fühle mich in Deutschland genauso wohl wie in meiner Heimat Frankreich.“

 




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