Merkel und Macron Abschied mit Bedauern

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“: Nach ihrem ersten Treffen mit Macron zitierte Merkel Hermann Hesse. Foto: dpa/Oliver Weiken
„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“: Nach ihrem ersten Treffen mit Macron zitierte Merkel Hermann Hesse. Foto: dpa/Oliver Weiken

Macron verabschiedet sich auch privat von der Bundeskanzlerin. Die deutsch-französische Zukunft dürfte weniger harmonisch ausfallen.

Koresspondenten: Stefan Brändle (brä)
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Beaune. - Die sonst oft stoische Kanzlerin wirkte fast ein wenig charmiert, als sie 2017 den frisch gewählten, erst 39-jährigen französischen Präsidenten traf. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, zitierte sie Hermann Hesse.

Vier Jahre später sind die Franzosen immer noch von der deutschen Bundeskanzlerin eingenommen. 75 Prozent – ein Wert, von dem andere, namentlich französische Politiker nur träumen – schätzen Angela Merkel (CDU) für ihr respektvolles Verhalten und ihre „Vertrauenswürdigkeit“.

„Mutti“ sagen auch die Franzosen

Emmanuel Macron wird seine „Freundin“, wie er sie fast selbstverständlich nennt, an diesem Mittwoch in Beaune zu einem privaten Abschiedsessen mit Ehepartnern empfangen, eingeleitet durch ein Klavierrezital. Der Ort ist symbolisch: In dem von Weinbergen umgebenen Burgunderstädtchen hatten sich 1993 schon Helmut Kohl und François Mitterrand getroffen. Merkel wird die für sie höchstmögliche Auszeichnung der französischen Ehrenlegion, das Großkreuz, erhalten. „Es ist bewegend, diese große Kanzlerin zu ihrem letzten Auslandsbesuch hier zu begrüßen“, sagt der Bürgermeister von Beaune, Alain Suguenot. Er ist nicht der Einzige, der in Frankreich bewegt ist über den Abgang, ja Verlust einer Kanzlerin, die vier französische Präsidenten erlebt hat. Deutschland ohne Merkel, das ist für die Franzosen wie England ohne die Queen: undenkbar. Gar beunruhigend. Denn was wird nun aus der deutsch-französischen Beziehung? Gewiss, Frankreich war nicht immer begeistert von Merkels wegweisenden Entscheidungen – weder vom Atomausstieg noch von der Grenzöffnung für Migranten. Doch mit der Kanzlerin gab es nie offenen Zoff; etwas, das für die streitbare gallische Seele schon fast an ein Wunder grenzt.

„Mutti“, wie sie auch in Paris mit leichter Ironie genannt wird, wusste eben, wie sie die wichtigen Männer im Elysée-Palast nehmen musste. Jacques Chirac, der erste französische Präsident, den sie ab 2005 im Amt erlebte, begrüßte sie per galantem Handkuss. Der ruppige Ton, mit dem er und Merkels Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) in Agrarfragen aneinandergeraten waren, blieb aus. Mit Nicolas Sarkozy (ab 2007) und François Hollande (ab 2012) konnte Merkel weniger. Vielleicht auch, weil sie ihnen auf Dauer überlegen war: Weder der impulsive Gaullist Sarkozy noch der taktisch unbedarfte Sozialist Hollande vermochten die Pfarrerstochter umzustimmen, wenn sie den Fuß wieder einmal aufs Bremspedal hielt. Letztlich fand sich trotzdem stets ein gangbarer Weg.

Dammbruch bei EU-Krediten

Ihrem letztem Gegenüber Macron machte Merkel ein gewichtiges, aus ihrer Sicht allerdings nur „provisorisches“ Zugeständnis: 2020 gab sie ihren monatelangen Widerstand auf und billigte die gemeinsame Aufnahme von Covid-Milliarden. Frankreich sieht in den EU-Krediten einen ersten Schritt hin zu einer europäischen Schuldenunion.

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Macron nimmt dieses Wort nicht in den Mund, solange in Berlin die Koalitionsverhandlungen laufen. Danach wird er aber Druck machen. Zur Frage neuer Schulden bespricht er sich bereits mit dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi. Mit Polen hofft er eine Lobby der Atombefürworter zu zimmern, mit den Niederländern den Ansatz einer echten europäischen Verteidigung. Das liberale Pariser „Institut Montaigne“ glaubt, dass Macron das deutsch-französische Tandem „nicht mehr genügt“. Und wie das Pariser Wirtschaftsblatt La Tribune anfügt, werde er den Abgang Merkels nutzen, um sich als „europäischer Leader“ in Szene zu setzen. Das Timing passt: Frankreich übernimmt im kommenden Halbjahr den EU-Vorsitz. Und bei den Präsidentschaftswahlen im April 2022 wird Macron zweifellos wieder kandidieren.

Auch wenn der britische EU-Austritt Deutschland und Frankreich zusammengeschweißt hat: Den beiden europäischen Kernnationen mangelt es nicht an tiefgehenden Differenzen, und es ist anzunehmen, dass sie nun offener, viriler ausgetragen werden als in den letzten 16 Jahren. Dem deutsch-französischen Paar könnte bald eine Frau fehlen – und damit eine schlichtende Komponente.




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