Die Kanzlerin ist 60. Auf Huldigungen legt Angela Merkel eigentlich keinen Wert. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel lobt sie trotzdem über den grünen Klee.
Adenauer, überall nur Adenauer. Wandhohe Fotos zeigen den Namenspatron des Hauses in historischen Posen. Die aktuelle Hausherrin liebt solche Posen nicht. Sie hat inzwischen aber durchaus einen vergleichbaren historischen Rang erreicht. Personenkult in eigener Sache entspricht nicht ihrem politischen Stil. Ganz kann sie sich dem aber nicht entziehen, schon gar nicht an ihrem 60. Geburtstag. Es wird zwar offiziell der Eindruck erweckt, als habe ein wissenschaftlicher Vortrag 1000 Gäste bewogen, den schwülen Sommerabend statt im Biergarten in der dämpfigen Atmosphäre der CDU-Parteizentrale zu verbringen. Nur am Rande ist von „einem weiteren Anlass“ die Rede. Dem widmen sich aber die meisten, die ans Rednerpult treten.
Es kommt selten vor, dass ein Genosse hier das Wort führt. Noch seltener, dass ein solcher überschwänglichen Beifall erhält. Und vor nicht allzu langer Zeit hätte sich kaum jemand auszudenken vermocht, dass dieser Genosse der Hausherrin Girlanden windet. Sigmar Gabriel stellt sich als „Vorsitzender des sozialdemokratischen Freundeskreises von Angela Merkel“ vor. Und so redet er dann auch. Es sei einfach gewesen, dieses Amt zu erlangen, weil der besagte Freundeskreis „zeitweise nur eine überschaubare Zahl von Mitgliedern“ umfasst habe. Inzwischen habe sich das aber geändert. Ein weiteres Mitglied sitzt ganz vorne unter den Ehrengästen: SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles.
Gabriel macht seinem selbst verliehenen Amt alle Ehre. Noch nie hat eine CDU-Kanzlerin in so wenigen Minuten so viele Komplimente von einem SPD-Chef erhalten. Es sei „wenigstens zeitweise eine große Freude, mit ihr zusammen zu arbeiten“, sagt der Vizekanzler. Er schätze an Merkel vor allem drei Eigenschaften. Sie sei erstens „absolut zuverlässig“ und „absolut klar, ohne schroff zu werden“. Wankelmütige Menschen verachte sie. Zweitens gereiche es Merkel zur Ehre, dass sie „im Umgang so normal“ sei, wie die meisten sich Politiker wünschten. Als dritten Vorzug nennt er einen „hochkommunikativen Umgang mit Partnern“. Merkel erscheine ihm zugleich „demütig und entschlossen“.
Eine Rede über die „Zeithorizonte der Geschichte“
Eigentlich waren solche Huldigungen gar nicht vorgesehen. Um ihnen aus dem Weg zu gehen, hatte die Jubilarin sich wie schon bei ihrem 50. Geburtstag statt einer Party etwas sehr Spezielles ausgedacht. In erster Linie sollten nicht Lobredner zu Wort kommen, sondern der Konstanzer Historiker Jürgen Osterhammel. Merkel verdonnert ihre Gäste zu einer Nachhilfestunde in Sachen Geschichte. Schließlich war sie einmal angetreten, Deutschland in eine Bildungsrepublik zu verwandeln. Osterhammel entwickelte seine „Zeithorizonte der Geschichte“, so das Thema des Festvortrags, vor einem weiten Panorama. Wie kein anderer seiner Zunft öffnet er den Blick für globale Zusammenhänge historischer Entwicklungen. So beginnt auch die Einleitung zu seinem Bestseller über die „Verwandlung der Welt“ im 19. Jahrhundert. „Alle Geschichte neigt dazu, Weltgeschichte zu sein“, heißt es dort. Der Satz umschreibt auch Merkels Sicht der Dinge. Ohne dass sich beide bisher gekannt hätten, wird Osterhammel zum Historiker merkelscher Denkwelten.
Gabriel wiederum kommt auf Merkels ganz persönlichen Zeithorizont zu sprechen. Darüber spekulieren viele. Wie lange wird sie noch Kanzlerin bleiben? Strebt sie etwa als erste Regierungschefin einen freiwilligen Amtsverzicht an? Die SPD befeuere solche Mutmaßungen nicht, versichert Gabriel. Er weise mit Empörung das Gerücht zurück, die Sozialdemokraten hätten nur deshalb die Rente ab 63 erfunden, weil Merkel 2017 davon Gebrauch machen könnte, so frotzelt der SPD-Chef. Das neue Vorruhestandsgesetz sehe ohnehin auch die Möglichkeit einer „flexiblen Weiterbeschäftigung“ vor – allerdings „nicht zwingend im zuletzt ausgeübten Beruf“. Das sei aber auch nicht ausgeschlossen.
Auch Volker Kauder, Chef der Unionsfraktion, kommt auf diese Fragen zu sprechen. „Das ist unser Thema nicht“, betont er. Die Union sei nur „dankbar“, dass Merkel Kanzlerin und Parteivorsitzende sei – dankbar wohl auch, dass sie wie ein Stimmenmagnet funktioniert.
Horst Seehofer lässt sich entschuldigen
Im Reigen der offiziellen Gratulanten fehlt einer: CSU-Chef Horst Seehofer lässt sich entschuldigen, weil er just an diesem Abend in München einen bayerisch-griechischen Kulturpreis in Empfang nehmen müsse. Als Gerda Hasselfeldt, seine Statthalterin in Berlin, das verkündet, erntet sie Gelächter und ungläubiges Gegrummel. Immerhin darf Hasselfeldt aber einen Gruß von Seehofer ausrichten: „Angela, Du bist die Größte“. Sie warnt Merkel aber: „Wir beide wissen, dass man sich darauf nicht ausruhen darf.“ Es bedeute „keine Verehrung auf ewige Zeit“.
Merkel sagt, sie verstehe dies als Mahnung, nicht auszuruhen. „Ich werde mich dran halten.“ Die Kanzlerin offenbart auch ein Geheimnis ihres Erfolgs – den sie aber nie so nennen würde: Sie habe stets auf Menschen vertrauen können, die ihr klar gemacht hätten, „dass das, was ich tue, nicht das Wichtigste ist“. In diesem Sinne beendet sie ihre Dankesrede. Sie erinnert an einen Weggefährten, der nicht mit ihr anstoßen kann: an den früheren FDP-Chef Guido Westerwelle. Ihm galt auch die vorab geäußerte Bitte, auf Geschenke zu verzichten und statt dessen an die Leukämie-Stiftung des Tenors Jose Carreras zu spenden.