Merlin in S-West Umgeben von Exzentrikern

Von Björn Springorum 

Im Kulturzentrum Merlin übernehmen die Freaks wieder das Kommando. Das Festival im Stuttgarter Westen beginnt am 11. Januar.

Peter Muffin Foto: Promo
Peter Muffin Foto: Promo

S-West - Dieser Tage ist es unmöglich, über die Stuttgarter Musiklandschaft zu sprechen und dabei nicht das leidige Thema der Förderung aufzugreifen. Und tut man es nicht, ist das wie der Elefant im Raum: Jeder weiß, dass er da ist, auch wenn niemand über ihn spricht. Nachdem die Debatte um die unglückliche Förderung des Düsseldorfer New Fall Festivals letztens ein wenig abgeflaut ist, gibt es jetzt zumindest auch an der lokalen Front gute Nachrichten – genauer gesagt aus dem Kulturzentrum Merlin. Das freute sich kurz vor Jahresende über eine Erhöhung der institutionellen Förderung um immerhin 6 000 Euro jährlich für die beiden Festivalreihen Pop Freaks und Klinke. Damit kann man natürlich weniger große Sprünge machen als mit den 40 000 Euro, die bekanntlich an das New Fall Festival geflossen sind. „Aber wir beschweren uns nicht“, so lautet der lakonische Kommentar vom Merlin-Booker Arne Hübner dazu.

Im Merlin tummeln sich die Sonderlinge unter den Popmusikern

Dabei kann man es eigentlich belassen. Und auch mal was gut finden. Immerhin tummeln sich beim Pop Freaks ab dem 11. Januar keine Superstars, die sechsstellige Gagen verschlingen. Sondern eher die Sonderlinge, die Underdogs, die Avantgardisten unter den Popmusikanten. Oder, wie Hübner sagt: „Die Pop Freaks sind ein Festival für fast angesagte und schon länger unentbehrliche Musik auf den schier unendlichen Irrpfaden zwischen Pop und Freak.“ Da kommt man mit ein paar Tausendern durchaus recht weit – zumal das Merlin auch bei diesem Event wieder auf rund 20 Ehrenämtler zählt, ohne deren Hilfe ein Festival dieser Größenordnung nicht zu wuppen wäre.

Doch ebenso gern wie die Künstler hier auftreten, helfen die Stuttgarter mit: Die Pop Freaks haben echten Seltenheitswert und konnten sich schon mehr als einmal einen Namen als echte Trend-Spürnasen machen. Dillon trat hier schon auf (und spielt ironischerweise mittlerweile beim New Fall Festival), Gisbert zu Knyphausen auch, ebenso der Pfälzer Schmerzensmann Drangsal. Und dass auch die Stuttgarter Schule mit Die Nerven, Human Abfall und Levin Goes Lightly hier durchmarschiert ist, muss sicherlich nicht noch mal erwähnt werden. Also: Das Pop Freaks ist ein wichtiges Barometer für neue Pop-Phänomene jenseits der großen Hallen. Obwohl, sogar Wanda hätten hier dereinst fast mal gespielt. „Die Pop Freaks versammeln die spannendsten und besten Acts des Vorjahres, immer am Puls der Zeit und am liebsten leicht bis arg neben der Spur“, umreißt Hübner sein Programm.

Ein Herz für Freaks

Er kuratiert mit sicherem Händchen und einem Faible für das Abseitige, hat in diesem Jahr mit dem Gender-Phänomen Boiband (zu sehen 27.1.) ein besonders schillerndes Exempel schlauer und süffiger Popmusik verpflichtet. Ein Herz für Freaks beweisen auch Künstler wie die schillernde Madonna Wiens, Ankathie Koi (19.1.), die deutschsprachigen, nebligen Post-Punk-Nostalgiker Erregung öffentlicher Erregung (12.1.) und natürlich Peter Muffin, das Nebenprojekt des Die-Nerven-Bassers Julian Knoth (20.1.). Der stand im Merlin schon oft auf der Bühne, aber wohl noch öfter im Publikum, und passt mit seinen ungemein verdichteten, beinahe lysergisch-verschleppten Rock-Trümmern natürlich hervorragend ins Programm. Das ist, ganz allgemein gesprochen, „höchst öffentlichkeitserregend, exzentrisch krautig, manchmal scheppernd, stets äußerst glamourös“. Zumindest laut Arne Hübner, dem man bei seinen Künstlern durchaus blind vertrauen kann.

Ohne Förderung wäre das Festival nicht möglich

Die Augustenstraße ist an neun Januarabenden also wieder ein Schaulaufen der angesagten Pop-Exzentriker von morgen. Und das wird eben auch durch Förderung möglich gemacht. Davon werden die Bands bezahlt, verköstigt und untergebracht, das gibt es alles eben nicht umsonst. Wie das alles ohne Förderung aussehen würde? „Dann könnten wir nur noch Bands buchen, die finanziell eine sichere Nummer sind“, so Hübner. „Also keine Experimente, nix Neues, kein Risiko. Kann man machen, aber dann wirds halt glatt und langweilig und Stuttgart verliert einen weiteren Punkt auf der nach oben offenen Skala ‚aufregender Konzertstandort‘. Mainstream gibt’s überall, das Pop Freaks gibt’s nur in Stuttgart.“

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