Messe in Sindelfingen Billigen Reproduktionen auf der Spur

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Auf der Antik & Kunst können die Gäste ihre mitgebrachten Kostbarkeiten bewerten lassen. Drei Sachverständige teilen sich die Arbeit. Zum Messebeginn haben sie auch das Angebot der Händler geprüft – und manches aussortieren lassen.

Gretel und Peter Becher aus Ehningen lassen ihr Gemälde von den Kunstsachverständigen Behrend Finke (Mitte) und Peter Atzig begutachten. Foto: factum/Granville
Gretel und Peter Becher aus Ehningen lassen ihr Gemälde von den Kunstsachverständigen Behrend Finke (Mitte) und Peter Atzig begutachten. Foto: factum/Granville

Sindelfingen - Das Gemälde hatte 20 Jahre seinen Platz an der Wand bei den Bechers in Ehningen. Nicht, dass sie sich an ihm satt geschaut hätten. „Nein“, sagt Gretel Becher, „wir werden wohl in ein kleineres Zuhause ziehen.“ Dann wird die Winterlandschaft des Stuttgarter Landschaftsmalers Hermann Umgelter (1891-1962) vielleicht weichen müssen. Zuvor wollen die Besitzer dessen Wert wissen, das Werk zeigt den sich dahin schlängelnden Feuerbach bei Stuttgart-Botnang. Das Datum ist verblasst, aber der Kunstsachverständige für europäische Gemälde und Plastiken, Behrend Finke ist sich sicher: „Das Werk stammt aus den 1920er oder 1930er Jahren.“

Beschriftung abgeschnitten

Um die Mittagszeit herrscht in der Sindelfinger Messehalle bereits einiger Andrang an den Tischen der drei Kunstexperten. Gegen eine Gebühr von zehn Euro nehmen sie die Preziosen unter die Lupe und ermitteln den Wert der Liebhaberstücke, die ihnen von den Besuchern vorgelegt werden. „In einer Galerie wird das Werk wohl zwischen 1000 und 2000 Euro zum Verkauf angeboten werden“, sagt Finke den Bechers. Sie selbst könnten mit einem Verkaufswert zwischen 800 und 1200 Euro kalkulieren. Das Ehninger Ehepaar nimmt das erfreut zur Kenntnis. Zumal auch ihr zweites Gemälde, das sie mitgebracht haben, „Die Sitzende“ des Stuttgarter Porträt- und Figurenmalers August Köhler (1881-1964), als echt bewertet und auf 300 bis 400 Euro taxiert wird.

Nicht alle Kunstliebhaber gehen wieder rundum zufrieden nach Hause. Wie etwa Lothar Lattke aus Leinfelden-Echterdingen (Kreis Esslingen). Er legt dem zweiten vereidigten Kunstkenner auf der Messe, Peter Atzig, einen Stich vom Erfurter Dom vor. „Da hat jemand die Beschriftung abgeschnitten, damit er in das Passepartout passt“, erklärt ihm Atzig. Dadurch sei der Stich auch wohl nur 200 Euro wert. Der Senior Lattke kann seine Ernüchterung gut verbergen und meint nur, das sei nicht so tragisch.

Marienstatue ist Massenware

Auch Gudrun Gula aus Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) behält die Fassung, als ihr am Nebentisch von Finke offenbart wird, dass die mitgebrachte Marienstatue lediglich Massenware sei. Sie habe kein barockes Gesicht oder eines, wie es Künstler der Renaissance zu gestalten pflegten. Es sei vielmehr an den „Zeitgeschmack angepasst“. Im Einzelhandel gehe eine solche Figur aber auch schon mal für mehr als tausend Euro über den Ladentisch. Wenn sie an jemand Privates verkauft werden sollte, hält Finke 300 Euro für angebracht.

Auf keinen genauen Wert kann sich wiederum Christa Ellringmann-Cannawurf festlegen, die Sachverständige für Schmuck, als ihr eine Cartier-Uhr unter die Finger kommt, die wohl aus dem Jahr 1980 stammt. „Die Diamanten müssen gezählt und nachgemessen werden, die Perlen ebenfalls und nicht zuletzt die Saphire.“ Eine Taxierung auf die Schnelle sei nicht möglich, sagt sie einer Besucherin und empfiehlt, selbst weiter nachzuforschen. Je nach Gebrauchsspuren und Beschaffenheit könne ein solches Stück aber schon zwischen 15 000 bis 25 000 Euro bringen.

Kunstexperten prüfen die Exponate

Die drei Kunstsachverständigen sind auf der Messe gleichzeitig Juroren, die zu Beginn die Stände und die Angebote der Händler geprüft haben. Christa Ellringmann-Cannawurf ließ manche Schmuck-Reproduktionen aussortieren. Peter Atzig, der auf Möbel spezialisiert ist, kam bei einem Händler zwei Beistelltischen auf die Spur, die keineswegs antik waren. „Oft sind Falsifikate nur schwer zu erkennen“, sagt Atzig. Es gebe immer mehr Fälschungen, „und sie werden immer besser“. Um Abnehmer zu täuschen, verwenden die Betrüger für ihre Möbelnachbildungen rostige Nägel. „Und sie kaufen sich extra alte Furniere“, erklärt Atzig. Manches bleibt auf diese Weise unentdeckt.