Messerangriff in Böblingen Aus Drogensucht Mutter und Oma getötet?

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Ein 17-Jähriger soll nach einem Streit zum Messer gegriffen haben. Er hat noch zwei kleinere Geschwister. Die Polizei gibt wenig zur Tat bekannt. Seine früheren Freunde können nur spekulieren.

Unfassbare Tat in Böblingen: Ein junger Mann soll seine Mutter und seine Oma umgebracht haben. Foto: SDMG
Unfassbare Tat in Böblingen: Ein junger Mann soll seine Mutter und seine Oma umgebracht haben. Foto: SDMG

Böblingen - Ein Bild aus besseren Tagen haben seine früheren Freunde zum Tatort mitgebracht: Es zeigt die jungen Männer vor zwei Jahren beim Klassenausflug im Vergnügungspark Tripsdrill. Sie sitzen zusammen in der Achterbahn und grölen vor Vergnügen. In der Nacht zum Dienstag soll einer von ihnen seine Mutter und seine Großmutter in der Wohnung der Familie in Böblingen getötet haben. Er rief selbst die Polizei an, gestand die Tat und ließ sich kurz darauf widerstandslos festnehmen. „Er war ein guter Junge, dann ist es gekippt“, sagt sein ehemaliger Klassenkamerad vor dem siebenstöckigen Haus. Von Marihuana sei er zu härteren Drogen übergegangen, und damit sei auch der Kontakt zu ihm abgebrochen.

Die Tatwaffe wurde sicher gestellt

Polizei und Staatsanwaltschaft geben zur Tat wenig bekannt. Die Behörden bestätigten, dass es sich bei den beiden Opfern um die 38-jährige Mutter sowie die 61-jährige Großmutter des 17 Jahre alten Tatverdächtigen handelt. Der Anruf des Jugendlichen ging gegen 2.40 Uhr ein. Den bisherigen Ermittlungen der Kriminalpolizeidirektion Böblingen zufolge hat er seine Mutter und seine Oma mit einem Küchenmesser angegriffen und mehrfach verletzt. In der Wohnung fanden die Polizeibeamten die zwei leblosen Frauen. Die mutmaßliche Tatwaffe wurde auch sichergestellt.

Die Arbeit der Kriminaltechniker sei noch nicht abgeschlossen, Aussagen zum Tatmotiv könnten bislang nicht getroffen werden, teilen Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium Ludwigsburg mit. Die Kriminalpolizei gehe von einem familiären Hintergrund aus. Ob Drogen im Spiel gewesen seien, müssten weitere Ermittlungen zeigen, heißt es. Der am Dienstag verhaftete 17-Jährige wird am Mittwoch dem Haftrichter vorgeführt, auch die Obduktion der beiden Opfer ist dann geplant.

„Seine Mutter hat alles für ihn getan“, sagt der 18 Jahre alte Ex-Kumpel. Der 17-Jährige sei ständig in Geldnot gewesen. Die Klassenkasse habe er geplündert, andere Schüler bestohlen, sie stets nach Geld gefragt. Seine früheren Freunde zogen sich deshalb zurück. Vier Jahre waren sie in der gleichen Klasse, 2016 machte der Tatverdächtige den Hauptschulabschluss an der Theodor-Heuss-Werkrealschule in Böblingen, eine Ausbildung folgte angeblich nicht. Laut seinen Bekannten hat er Amphetamine konsumiert wie die Partydroge Ecstasy. „Er war total blass im Gesicht und abgemagert“, erzählt ein 19-Jähriger, der das Foto aus Tripsdrill zum Tatort mitgebracht hat.

Ein Streit vor dem Angriff

Vor der Attacke soll es zu einem Streit gekommen sein, berichten Nachbarn. Der Tatverdächtige sei schon früher gewalttätig gewesen, erzählen seine Klassenkameraden, auch seine Mutter habe er schon geschlagen. Von einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik berichten sie außerdem. „Aber ich verstehe die Tat trotzdem nicht“, sagt einer von ihnen. Er vermutet, dass der 17-Jährige zum Messer griff, weil ihm die Mutter dieses Mal kein Geld geben wollte. Und vielleicht habe die Großmutter daraufhin versucht, einzugreifen, sagt er.

Als „sehr ruhig“ beschreibt eine Nachbarin die Familie, die 38-Jährige nennt sie „eine sehr zurückhaltende Frau“. Sie war offenbar allein erziehend. Der 17-Jährige hat noch zwei weitere Geschwister, einen zwölf Jahre alten Bruder und dreijährige Schwester. Sie waren zur Tatzeit zuhause und sind nun in der Obhut des Jugendamtes, berichtet der Polizeisprecher Peter Widenhorn. Ob die Geschwister womöglich die Tat gesehen haben, könne er nicht sagen, weil sie noch nicht dazu befragt wurden. Die Wohnung gegenüber hatte die Schwester der Mutter gemietet. Als die Nachbarin ihren Sohn in der Früh zur Schule brachte, sah sie die Beamten der Spurensicherung in ihren weißen Anzügen im ersten Stock: „Ich dachte: O Gott, ein Selbstmord“, erzählt die Frau. Eine solche Tat hätte sie niemals erwartet, „in dieser Familie schon gar nicht“.

Die meisten Nachbarn haben nichts mitbekommen

„Ich habe nichts mitbekommen“, sagen zwei weitere Hausbewohner. Zu der Familie hätten sie keinen Kontakt gehabt, das Gebäude sei so groß. Von dem Tötungsdelikt erfuhren sie erst aus den Nachrichten. Das Mietshaus gehört der Böblinger Baugesellschaft, 21 Sozialwohnungen befinden sich darin. „Es handelt sich um total unauffällige Mieter“, teilt Katrin Lebherz, die Sprecherin des städtischen Unternehmens mit, „und es gibt kaum Mieterwechsel.“

Die jungen Männer bleiben lange mit ihrem Foto aus Tripsdrill auf dem Parkplatz vor dem Haus stehen. „Wir sind schon richtig schockiert“, sagt der 18-Jährige, „keiner von uns kann es fassen.“