Nichts zu finden. Keine Einträge in den Polizeisystemen, keine Hinweise auf Verbindungen zu islamistischen Netzwerken, keine Erkenntnisse des Verfassungsschutzes, keine Bekennerbotschaft, keine Auffälligkeiten. Nichts. Der 25-Jährige afghanischer Herkunft, der seit 2014 in Deutschland lebt, verheiratet, zwei Kinder, im hessischen Heppenheim lebend – er ist ein unbeschriebenes Blatt. Ihm wird vorgeworfen, am vergangenen Freitag auf dem Marktplatz in Mannheim vor einer islamkritischen Kundgebung mit einem Kampfmesser einen Polizisten getötet und fünf Menschen schwer verletzt zu haben. Was weiß man über die Tat und den Verdächtigen – und was nicht?
Islamistisches Motiv oder eine Psychotat?
Der 25-Jährige, der erst mit dem Schuss aus einer Dienstwaffe eines Beamten gestoppt werden konnte, „ist nach wie vor nicht vernehmungsfähig“, sagt Jürgen Glodek, Sprecher des Landeskriminalamts, am Montag. Das LKA hat eine Sondereinheit gegründet, wird vom Bundeskriminalamt unterstützt. Nach Informationen unserer Zeitung prüft die Generalbundesanwaltschaft, ob sie die Federführung übernimmt. Dies wäre besonders bei einem erhärteten Verdacht eines islamistischen Motivs wahrscheinlich. Am Abend bestätigt die Behörde in Karlsruhe, dass sie wegen „der besonderen Bedeutung des Falls“ die Ermittlungen an sich zieht.
Weil der Tatverdächtige, gegen den Haftbefehl erlassen wurde, nicht ansprechbar ist, konzentrieren sich die Ermittlungen auf das persönliche Umfeld des 25-Jährigen und die von ihm hinterlassenen Spuren. Dabei werden Mobiltelefone, Computer und Datenträger ausgewertet. Mit wem hat der Beschuldigte zuletzt telefoniert oder gechattet? Geben die Inhalte Aufschluss über seine Weltanschauung und sogar seine Pläne? Benutzt er etwa Begriffe wie Märtyrer? Offenbar gibt es hier erste einschlägige Funde. Aus seinem Umfeld soll es nach Informationen unserer Zeitung aber auch Hinweise auf psychiatrische Auffälligkeiten geben.
Der 25-Jährige war am Vormittag aus dem 30 Kilometer entfernten Heppenheim angereist. Offenbar mit einem Kampfmesser – was auf entsprechende Pläne hindeutet. Als Jugendlicher war er nach Deutschland gekommen. Laut „Welt“ wurde sein Asylantrag im Jahr 2014 abgelehnt. Inzwischen hat er aber einen gültigen Aufenthaltstitel, ist mit einer deutschen Frau verheiratet. Die Gültigkeit seines Ausweises ist nach Informationen unserer Zeitung bis Sommer 2026 datiert.
Der Ablauf der Tat und Widersprüche
Auf Videos in sozialen Medien ist zu sehen, wie der Täter hinterrücks auf den 29-jährigen Polizeibeamten in den Nacken einsticht. Der Polizist sieht den Angreifer nicht, er ist mit einem auf dem Boden liegenden Mann beschäftigt. Nach ersten Meldungen soll der Beamte einen Verletzten aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich gebracht haben. Nach einer anderen Version des Hergangs soll der Angreifer bereits überwältigt gewesen sein, als ein anderer Anwesender sich auf die Seite des Festgenommenen geschlagen habe. Dieser sei dann von dem 29-jährigen Beamten weggezogen worden. Der 25-jährige Attentäter habe sich derweil befreien können und anschließend den Polizisten angegriffen. Die Attacke von hinten könnte das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllen.
Polizeieinheit im Schockzustand
Thomas Mohr fehlen die Worte. Der Einsatzzug Mannheim, Teil der Einsatzhundertschaft, ist dienstlich auch seine Truppe. Der Vorsitzende der Bezirksgruppe Mannheim der Gewerkschaft der Polizei (GdP) kannte den getöteten 29-jährigen Polizeihauptkommissar persönlich. 30 Beamte zählt diese Einheit, sie wird routinemäßig bei solchen Veranstaltungen und Kundgebungen eingesetzt. Das Polizeipräsidium Mannheim hat drei solcher Züge in Mannheim, in Heidelberg und Karlsruhe, die zur Einsatzhundertschaft zählen. „Wir sind sprachlos“, sagt Mohr.
„Am Freitag hatte die islamkritische Bewegung Pax Europa auf dem Marktplatz eine Kundgebung angemeldet – und noch während der Aufbauarbeiten um 11.35 Uhr schlug der Täter zu. Der Angreifer nahm zunächst den Islamkritiker Michael Stürzenberger ins Visier, stach auf ihn ein, es folgte ein Kampf, der für den 29-jährigen Polizisten tödlich endete. Die Schutzweste hatte nur den Oberkörper abgedeckt.
Wieder ein Angriff auf Polizeibeamte, trauriger Alltag nicht nur in Mannheim. Was sagt Polizeigewerkschafter Mohr dazu, der sich einst zum Schwarzen Donnerstag beim missglückten S-21-Polizeieinsatz in Stuttgart 2010 kritisch geäußert hatte? „Die Zeit des Trauerns steht für uns im Vordergrund“, antwortet Mohr, „es ist nicht der Zeitpunkt für gewerkschaftspolitische Forderungen.“
Wie reagieren Berlin und Mannheim?
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat am Montag ein striktes Vorgehen gegen Extremisten angekündigt. Der Polizist habe für Frieden und Sicherheit sein Leben verloren. Er sei im Einsatz gewesen, weil er die Demokratie beschützt habe, sagte Scholz bei einem Besuch im Hochwassergebiet Reichertshofen in Oberbayern. „Wir werden mit allem, was wir zur Verfügung haben, den Rechtsstaat und die Sicherheit verteidigen“, sagt der Kanzler. „Polizei, Justiz und unsere Nachrichtendienste haben diese Aufgabe, sie tun das. Aber auch wir als Bürger werden da zusammenstehen.“
Mannheims OB Christian Specht hat eine Trauerbeflaggung am Rathaus angeordnet. Der Tod des Polizisten zeige, „was Hass und Hetze anrichten können“. Am Montag fand eine Gedenkveranstaltung mit 8000 Teilnehmern statt. Der Oberbürgermeister, Gemeinderatsfraktionen und Religionsgemeinschaften wollten ein Zeichen für den Frieden in der Stadt und den Wunsch nach Zusammenhalt setzen. „Mannheim hält zusammen“, lautet das Motto. Dabei steht auch ein interreligiöses Friedensgebet auf dem Programm. „Gott will, dass wir in Frieden leben“, erklärte unter anderem der Imam der Muslimischen Gemeinde Mannheims, Mustafa Aydinli.