Messerstecherei in Esslingen Polizei ist entsetzt über Ausmaß an Gewalt

Von che 

In der Region Stuttgart üben seit einigen Jahren einige Gangs auf manche junge Leute eine hohe Anziehungskraft aus. Bei den Ermittlern schrillen die Alarmglocken, weil einige dieser Banden offenbar immer brutaler auftreten.

Nach der tödlichen Auseinandersetzung sind Spurensicherer im Einsatz. Foto: 7aktuell.de 23 Bilder
Nach der tödlichen Auseinandersetzung sind Spurensicherer im Einsatz. Foto: 7aktuell.de

Stuttgart - Gleich mehrere Jugendbanden haben in den vergangenen Jahren in der Region Stuttgart mit Gewaltausbrüchen die Polizei auf den Plan gerufen. Egal ob es sich um die Black Jackets in Stuttgart, Esslingen und Ludwigsburg handelt, um die Red Legion in Stuttgart und Esslingen oder um die Fraternidad in Esslingen: jede Gang eint der starke Zusammenhalt, der meist auf gemeinsamen Wurzeln, dem Gefühl des Außenseitertums und der Gewaltbereitschaft beruht. Dazu zählen auch muskelbepackte Oberkörper. Es sind „Männerclubs“. In diesen Kokons werden nach innen Gehorsam und gegenüber Außenstehenden Schweigen gefordert. Was die Banden hingegen trennt, ist meist der tiefe Hass aufeinander.

Bisher haben Schlägereien keine Menschenleben gekostet

In der Vergangenheit hatten die handfesten Auseinandersetzungen zwischen ihnen kein Menschenleben gekostet. Doch die Messerattacke der Gruppe Red Legion kurz vor Weihnachten in Esslingen, bei der ein 22-Jähriger getötet sowie vier weitere Männer fast umgebracht und sechs leicht verletzt wurden, alarmiert die Polizei. Über den Grad der Brutalität herrscht bei den Ermittlern Entsetzen.

Auch Sigurd Jäger schüttelt angesichts der Gewalt den Kopf. Jäger ist im Lan­deskriminalamt der Leiter der Inspek­­tion  organisierte Kriminalität. Bei dem ­47-Jährigen laufen im Bereich von Jugendbanden die Fäden zusammen. Bis zu 30 Red Legions sollen an dem Überfall beteiligt gewesen sein. Zehn Verdächtige im Alter von 20 bis 26 Jahren sitzen in U-Haft. Eine Anklage wegen Mordes und vierfachen Mordversuchs steht im Raum – offenbar in besonders schweren Fällen. Dafür sieht das Gesetz lebenslang vor.

Polizei vermutet Revierkämpfe

Jäger vermutet im Fall des Gewaltexzesses Revierkämpfe zwischen den „beiden Banden“, die nicht unbedingt etwas mit illegalen Geschäften im Milieu zu tun haben müssten. „Möglich ist auch eine bloße Machtdemonstration der Red Legion“, sagt Jäger. Denn zu den Opfern zählten vor allem Mitglieder und Sympathisanten der Black Jackets des „Chapters“ (Ortsgruppe) Stuttgart, so Jäger. Diese habe sich zwar angesichts des öffentlichen und des Ermittlungsdrucks der Polizei erst im Sommer offiziell aufgelöst. Doch ob deren strenger hierarchischer Aufbau mit seinem „President“ (Anführer), den „Members“ (Mitgliedern), „Prospects“ (Neulingen) und „Supportern“ (Unterstützern) aufgegeben worden ist, sei offen, so Jäger.

Nach den jüngsten Urteilen am Landgericht in Stuttgart gilt die Jugendbande indes zumindest als stark geschwächt. Mehrere führende Köpfe sitzen wegen Gewaltdelikten hinter Gittern oder halten sich wegen Bewährungsauflagen lieber im Hintergrund. Offen ist daher, ob der Black-Jacket-Leitspruch „Friends forever“ (Für immer Freude) weiterhin gilt, so Jäger.

Wissen über Red Legion ist gering

Deutlich geringer ist der Wissenstand der Polizei über die Red Legion, die nur im Raum Stuttgart aktiv sein soll. Man geht davon aus, dass sich die ersten Mitglieder der Bande erst vor gut zwei Jahren in Bad Cannstatt zusammengeschlossen haben. Die Stammkneipe der inzwischen etwa 20 bis 30 Mitglieder des harten Red-Legion-Kerns ist heute in der Stuttgarter City. Zur Kluft zählt ein brüllender Gorilla auf einem roten Hemd. „Wir gehen davon aus, dass die Red Legion keine feste Hierarchie hat“, sagt Jäger. Auffällig sei deren Neigung, Macht und Gewalt als ästhetischen Wert wahrzunehmen und darzustellen.

Spekulationen, dass die Red Legion mehrere Black Jackets überfallen haben, die nach dem Mammutprozess von Stammheim geplant hätten, die Gang neu zu ordnen, widerspricht allerdings der Anwalt eines der Opfer, das bei der Messerstecherei in Esslingen schwer verletzt wurde. Zwar seien die meisten Opfer ehemalige Mitglieder der Black Jackets, so Thomas Mende, sie hätten sich aber längst von der Bande losgesagt.

Anwalt: kein Bandenkrieg

Die Gruppe habe sich am 21. Dezember lediglich ganz privat in einer Kneipe auf ein Weihnachtsbier getroffen, wozu ­sogar ein ehemaliger Anwalt der Gruppe eingeladen gewesen sei, der aber kurz­fristig habe absagen müssen. „Es ist Blödsinn, von einem Bandenkrieg zu sprechen“, so Mende.

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