Metallica: Album „72 Seasons“ Die Musketiere machen sich ehrlich

Metallica 2023 (von links): Kirk Hammett, Lars Ulrich, James Hetfield und Rob Trujillo Foto: imago/Zoran Veselinovic

„72 Seasons“ heißt das neue Studioalbum von Metallica. Es kommt als berstend intensiver Walkürenritt daher – ein furios dreschendes Spätwerk voller Nostalgie. Einen winzigen Makel aber hat die Neuerscheinung der Heavy-Metal-Weltmeister.

Metallica sind die größte Metal-Band aller Zeiten. Und doch möchte man irgendwie nicht in ihrer Haut stecken. Sie ziehen immer noch Zehntausende zu ihren Konzerten, haben 125 Millionen Platten verkauft und sind eine der einflussreichsten Combos auf diesem Planeten. Dennoch, so scheint es, kann die Band es kaum jemandem recht machen. Zumindest mit ihren Studioalben.

 

„72 Seasons“, das mittlerweile elfte seit der Bandgründung vor mehr als 40 Jahren, macht da keine Ausnahme. Was immer diese Band tut, es wird chirurgisch seziert, wissenschaftlich überanalysiert und voller Hochmut bewertet. Wie ein neuer „Star Wars“-Film.

Die Band lenkt den Blick in ihre zerrüttete Seele

Die Ansicht vieler Gatekeeper: Früher war alles besser. Und vielleicht haben Metallica in den Achtzigern auch einfach den Fehler gemacht, zu gut zu sein. Ihre ersten vier Alben sind allerheiligster Metal-Kanon, atmen diese Musik ebenso wie sie sie definiert haben. Da kann man nicht mehr rankommen. Weder Metallica noch irgendeine andere Band. Im Lexikon müsste neben dem Eintrag zu „Heavy Metal“ außerdem eigentlich ein Livebild von James Hetfield anno 1988 kleben.

Zurückgeschaut haben Metallica im Gegensatz zu ihren Fans nie. Dafür diesmal nach innen: „72 Seasons“ wird nicht nur als das gelbste Metal-Album in die visuelle Geschichte des Genres eingehen; es zeigt eine Band, die – wenn nicht musikalisch, dann aber inhaltlich – alles Martialische, Muskulöse, Maskuline ablegt und den Blick in ihre eigene zerrüttete Seele lenkt. Das geht vor allem vom Frontmann und der Galionsfigur James Hetfield aus, der diesen Sommer 60 wird. Seit Jahren kämpft er mit Depression und Alkoholsucht.

James Hetfield stellt sich seinen Dämonen

Erst seit einiger Zeit spricht er offen über diese Dinge – als Metal-Band war es eben lange Zeit nicht schicklich, verletzlich zu sein. Auf „72 Seasons“ stellt er sich ohne Wenn und Aber seinen Dämonen, schont sich nicht. Er sucht nach Antworten, nach Gründen für seine Leichen im Keller. Und findet sie auch in seiner Kindheit.

Zwölf Lieder versammeln sich auf „72 Seasons“, dem ersten neuen Album seit bald sieben Jahren. Auf 77 Minuten bringt es das Werk, es ist also etwa genau so lang wie alle Alben seit „Load“ von 1996. Kurze Platten haben Metallica zwar noch nie geschrieben; dieses exzessive Ausufern in Brutalismus und Urgewalt ist dem Gesamteindruck aber dann aber doch nicht ganz zuträglich. Denn obwohl „72 Seasons“, kurz gesagt, die beste Metallica-Platte seit der Schwarzen ist, hätte auch ihr mehr Kongruenz gutgetan. Songs wie „Crown of Barbed Wire“ wären vielleicht besser mal im Studio geblieben, zudem haben auffällig viele Stücke eine schier endlose Ouvertüre, bevor es mal zur Sache geht. Das kann als dramatischer Effekt mal funktionieren. Auf Dauer sorgt es für Ennui.

James Hetfield macht sich komplett nackt

All das ist indes Mikrokritik im Angesicht dieses Gigantismus. „72 Seasons“ ist ein schwerer, ein sengender Brecher, bestückt mit fatalistisch dreschenden Riffs, stampfenden Hymnen und vulkanisch-eruptiven Refrains. Ein Album wie ein primitives, aber tödliches Raubtier aus prähistorischer Zeit. Subtilität war vielleicht noch nie ihre Stärke. Hier gilt aber das Credo: Viel hilft viel.

Das fast schon schmeckbare Gefühl von Frustration, Verbitterung und Verzweiflung entlädt sich aber nicht nur in den eisern donnernden, sogartigen Moritaten, sondern auch in Hetfields Performance. Er hatte wohl einiges loszuwerden, macht sich hinter dem Mikrofon komplett nackt wie in einer Therapiestunde vor Publikum. Das zeigt eine Größe und Introspektion, die man bei Bands dieser Größenordnung (und Generation!) kaum findet. Und sorgt für seine beste Gesangsleistung seit Menschengedenken.

Sie spielen für sich und gegen den Trend

Metallica-Gelehrte werden sich mit „72 Seasons“ auseinandersetzen wie mit einer wissenschaftlichen Arbeit. Und viele Reminiszenzen an die Vita der Band aus San Francisco entdecken. „Lux Æterna“ zitiert etwa die frühen Achtziger mit irrwitzigem Tempo, „You Must Burn“ erinnert an „Sad But True“, das elfminütige Epos „Inamorata“ schafft es zum Abschluss tatsächlich, auch nach mehr als 65 Minuten Spielzeit noch mal zu fesseln – vielleicht auch, weil hier endlich mal Dynamik und akustische Gitarren ins Spiel kommen, die davor ein wenig gefehlt haben.

Dennoch: All das würde keine andere Band um die 60 mit derartig einschüchternder Intensität und Rigorosität so hinbekommen wie Metallica. Sie spielen für sich und gegen den Trend auf diesem gigantischen, schwarz schimmernden Megalithen, der in unserer Mitte gelandet ist wie im Film „2001“. Ihre alten Werke werden sie nicht mehr übertreffen. Für ein Alterswerk ist „72 Seasons“ aber eine heftige, beeindruckende Eruption.

Metallica: 72 Seasons. Blackened Recordings/Universal, 2023

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