Stuttgart - Angesichts des tiefgreifenden Wandels in der Metall- und Elektroindustrie stehen die IG Metall und die Arbeitgeber vor einer Tarifrunde, die wie selten zuvor Herausforderungen für die Verhandlungsparteien mit sich bringt. An diesem Donnerstag diskutiert die Große Tarifkommission der IG Metall Baden-Württemberg erstmals konkret über die Vorstellungen der Gewerkschaft.
Im Vorfeld treten die Arbeitgeber deutlich auf die Erwartungsbremse. „Wir müssen den Anstieg der dauerhaft wirkenden Kosten stoppen“, mahnte Südwestmetall-Chef Stefan Wolf in Stuttgart. Diese seien seit 2010 um 30 Prozent gestiegen. „Es kann nicht angehen, dass wir in der Lohntabelle immer wieder dauerhafte prozentuale Erhöhungen haben – da müssen wir für einen längeren Zeitraum einfach mal anhalten.“ Auch die Beschäftigten müssten „einen Beitrag zur Transformation leisten“.
„Über Einmalzahlungen können wir reden“
Von einer Nullrunde wollte der Verbandschef nicht sprechen. „Wir haben keinen Ansatz für Tabellenerhöhungen“, sagte er. „Über Einmalzahlungen bei einer konjunkturellen Erholung, die wir noch nicht sehen, können wir reden.“ In jedem Fall müsse der Abschluss der unterschiedlichen Struktur der Unternehmen mit geringen bis hohen Personalkostenquoten gerecht werden. Konkreter wollte er nicht werden, um nicht „unnötigen Widerstand“ auf der Gegenseite zu erzeugen.
Mit Blick auf das „angespannte Verhältnis“ zur IG Metall forderte Wolf: „Der Abschluss muss ganz deutlich zur Befriedung in den Mitgliedsunternehmen beitragen – wir müssen die Sozialpartner wieder zusammenbringen und mehr Vertrauen herstellen zwischen Vertragspartnern.“ Bei den Unternehmen sei die Stimmung speziell seit dem Stuttgarter Tarifabschluss von 2018 „extrem im Keller“.
Mit großer Sorge werde daher die Mitgliederentwicklung im Verband beobachtet: „Die Dynamik der Abkehr vom Flächentarif scheint sich deutlich beschleunigt zu haben“, sagte Wolf auch mit Blick auf die 60 Abgänge aus dem Verband in den Jahren 2018 und 2019. Ende vorigen Jahres hatte Südwestmetall noch 678 Unternehmen und 216 Zweigbetriebe mit insgesamt 539 000 Beschäftigten unter seinem Dach.
Viel Vertrauen zwischen den Tarifpartnern verspielt
Kern der Kritik in den Unternehmen sei einerseits das hohe Tarifniveau und andererseits die Komplexität der Tarifverträge sowie deren Umsetzung. Daran sei die IG Metall schuld. Diese sehe Tarifabschlüsse auch als „Spielwiese für Nachverhandlungen im Betrieb“. Da sie sich nicht daran halte, was in der Tarifrunde besprochen wurde, werde viel Vertrauen verspielt. Künftig brauche es „klar definierte Parameter, an denen die Betriebsparteien nicht mehr drehen können“.
In den vergangenen Tagen hatte sich der Ton in der IG Metall immerhin spürbar verändert. Waren etwa auf dem Gewerkschaftstag in Nürnberg noch kämpferische Forderungen nach deutlichen Entgeltsteigerungen erhoben worden, so stuft Bezirksleiter Roman Zitzelsberger die Lohnfrage nun als zweitrangig ein.
Vielmehr werde die Gewerkschaft vor allem Wert auf Beschäftigungssicherung, Weiterbildung und Qualifizierung legen. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann wiederum sagte: „Wir werden auch über die Sicherung von Arbeitsplätzen reden müssen. Unabdingbar ist, dass die Realeinkommen gesichert werden.“
Das bedeutet: Eine Lohnanhebung könnte in Höhe der Inflationsrate von derzeit um die 1,5 Prozent ausfallen, darf aber nicht in Einmalzahlungen erfolgen. Zudem meint Hofmann: Vieles spreche dafür, dass sich die Konjunktur bereits im zweiten Halbjahr 2020 wieder belebe. Daher strebe die IG Metall keinen Abschluss mit einer langen Laufzeit an. „Mit einer kurzen Laufzeit bleiben Korrekturen möglich“, so der Gewerkschaftschef.
Planungssicherheit durch langfristigen Tarifvertrag
„Die IG Metall sieht auch, wie es in den Betrieben läuft und wie die Anträge auf Kurzarbeit nach oben gehen“, sagte der Südwestmetall-Chef, widersprach Hofmann aber an einer Stelle: „Der Transformationsprozess kostet enorm viel Geld und wird sich über viele Jahre hinziehen.“ Allein die Automobil- und Zulieferindustrie rechne in den nächsten Jahren mit zusätzlichen Investitionen für die E-Mobilität von 40 Milliarden Euro sowie weiteren 18 Milliarden für die Digitalisierung und das autonome Fahren.
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Das Problem dabei: Die Kosten würden sofort anfallen, doch die Erträge kämen sehr viel später. „Unsere Unternehmen brauchen daher eine ganz klare Planungssicherheit“, verlangte Wolf einen lang laufenden Tarifvertrag.
Auch für die Beschäftigten müsse es Sicherheit im Wandel geben, man müsse ihnen die Angst vor der Transformation nehmen. Folglich „wollen wir mit der IG Metall eine Lösung finden, die die Folgen der Transformation abfedert und die Betriebe unterstützt“, sagte Wolf.
Der Zeitplan der Tarifrunde
16. Januar: Die regionalen Tarifkommissionen der IG Metall debattieren die wirtschaftliche Situation, die Lage in den Betrieben und die möglichen Forderungen.
3./4. Februar: Der Vorstand der Gewerkschaft fasst die Diskussionen der Tarifkommissionen zusammen und empfiehlt eine Forderung.
26. Februar: Die Tarifkommissionen beschließen die Forderungen für die Tarifrunde.
26. Februar: Der IG-Metall-Vorstand beschließt die endgültigen Forderungen. Die Tarifverhandlungen starten, regional unterschiedlich, Mitte März. Spätester Termin für die erste Verhandlung ist der 17. März. Der zweite Verhandlungstermin könnte vor den Osterferien Ende März/Anfang April stattfinden.
28. April: Die Friedenspflicht endet um 24 Uhr. Danach sind Warnstreiks möglich. Die Pfingstferien beginnen in Baden-Württemberg Anfang Juni. Das heißt: Der Tarifabschluss muss auf jeden Fall im Mai gelingen.